Jahrgang 
1857
Seite
135
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läuterungsproceß, dem ſogenannten Fegefeluer, welche ſich den chriſtlichen Prieſtern einträglich erwies, und daher ſorgſam erhalten und fortgepflegt wurde. Verſchiedene Orte wurden als Sitz des Fegefeuers namhaft gemacht, und unter andern auch das Innere des Hörſelberges. Man wollte häufig bei nächtlicher Weile am Eingang zu ſeiner Höhlung ein geheimnißvolles Summen und Sau⸗ ſen vernommen, ja wehklagende Stimmen aus dem In nern heraus erſchallen gehört haben. Als Büßer wur⸗ den die gemarterten Seelen dem altheidniſchen Todten⸗ heerzuge zugeſellt, und ſo verſchmolz ſich die neue Sage mit der alten. In dieſem Zeitpunkt treten nun die Chronikenſagen in ihre Rechte, der Name des Berges ſelbſt mußte dienen, ſie bezeugen zu helfen; man nannte und ſchrieb ihnHör-Seelen⸗-Berg, und auf latei⸗ niſch Mons horrisonus: der Schrecklich⸗Tönende. Man zeichnete auf, daß einſt am hellen, lichten Tage drei Feuerflammen zugleich über Eiſenach hin geſchoſſen in der Luft auseinander und wieder ineinander und zuletzt in den Hörſelberg eingefahren ſeien; man erzählte und

glaubte treulich, wie ungleich früher ſchon der Sohn Ludwigs des Eiſernen, Ludwig der Milde, einen Zauber⸗ ſchüler gewonnen habe, zu erforſchen, wie es beſchaffen ſei um ſeines Vaters Seele. Darauf beſchwor der Schüler den Teufel, und dieſer trug ihn flugs in den Hörſeelenberg hinein, wo andere Teufel ihm die Seele zeigten, die in entſetzlicher ſtinkender Gluth ſchmorte, und gar beweglich zu dem Schüler ſprach, er möge doch ſuchen, den Sohn zu bewegen, das vormalige Pfaffengut, was er, Ludwig der Eiſerne, von den Hochſtiften ſich an⸗ geeignet habe, zurückzugeben, und vertraute dem Zauber⸗ ſchüler ſoviele Heimlichkeit an, daß dieſer alles Gehörte bewahrheiten konnte. Landgraf Ludwig der Milde war indeß nicht ſo mild, daß ſeine Milde in Beſchränktheit ausartete; er roch den pfäffiſchen Teufelsbraten, und gab jene Güter nicht heraus; jener Nekromant aber war gar ſehr erſchrocken und ſein Weſen verfiel. Er trat in das Kloſter Volkenrode als Mönch ein. Zu dieſer Zeit ereignete es ſich, wie die Chronikenſage meldet, daß jener

Königin von England, Namens Reinſchweig, der

Gemahl ſtarb, und ſein Schatten ihr erſchien, der ihr gebot, gen Thüringen zu fahren, und aus dem Berge der Qual bei Eiſenach ſeine Seele zu erlöſen. Dieſes that die fromme Herrin williglich; ſie zog mit einer Schaar

begleitender Jungfrauen an den Bergesfuß, erbaute dort Wohnungen und ein Kirchlein, und nannte die neue An⸗

ſiedelung Satansſtätte, daraus dann ſpäter das Dorf und der Name Sättelſtädt entſtand.

theſen zu verfallen, war 1209 Setinſtedt und 1375 Sattinſtedt. Als Königin Reinſchweig, der auch noch die Erbauung einer Gehülfen-Kapelle zu Mechter⸗ ſtätt um das Jahr 1143 u. N. zugeſchrieben wurde, ver⸗ ſtorben war, wandten ſich ihre frommen Begleiterinnen nach Eiſenach und wurden Nonnen im daſigen Nikolai⸗ kloſter.

Die Götterſage war faſt verhallt, die Prieſterſage oder Pfaffenmär wäre vielleicht auch bald verklungen,

oenn nicht die Chroniken ſie aufbehalten hätten; an bei⸗

Reer Stelle trat nun die Ritterſage, und die Poeſie des ittelalters erneute jetzt die erſtere, ſchuf die holde Hulda Frau Venus und feierte in Gedichten, z. B. in Her⸗

n von Saſſenheim's Morin, deren unterirdiſcher

Die urkundliche Schreibart, auf welche die Sagenforſchung ſtets achten muß, um nicht in abgeſchmackte Trugſchlüſſe und Hypo⸗

Hofhalt, und ſtellte die ſchroffen Gegenſätze üppiger heid⸗ niſcher Sinnenluſt und chriſtlich⸗-asketiſcher Strenge ein⸗ ander gegenüber.

Ein abenteuernder Minneſänger, der ſich Tannhäuſer oder Danheuſer nannte, und muthmaßlich von 1210 bis 1270 lebte, alſo durchaus nicht am Sängerkriege auf Wartburg Theil nehmen konnte, auch nichts weniger war, als eine und dieſelbe Perſon mit Heinrich von Ofterdin⸗ gen, gab Anlaß zur Entſtehung des alten Liedes vom Danheuſer, das vielfach verändert in allen deutſchen Landen umging, und ſchilderte, wie der Ritter in Frau Venus Berg ein Jahr verlebt, wie ſie ihn, als die Reue und Sehnſucht nach der Oberwelt ihn ergriff, nicht laſſen wollte, aber wie der Ritter die Jungfrau Maria anrief, und ſie ihn nun ziehen ließ. Danheuſer geht zum Papſt Urban, beichtet ihm ſeine Schuld, erfleht von ihm Ver⸗ gebung, allein dieſer zürnt gar hart, und ruft aus, ſo wenig ſolle dem Ritter verziehen werden, ſo wenig der dürre Stab in ſeiner Hand ergrünen werde. Da geht der Ritterin Jammer und in Leiden wieder aus Rom und kehrt zu Frau Venus in den Berg zurück, die ihn freundlich begrüßt. Nach drei Tagen aber grünt der Stab, und nun ſendet der Papſt Boten ausin alle Lande nach dem Ritter zu ſuchen, aber der war wie der in dem Berge,ewiglich on ende.

Dieſes Lied iſt die allein echte Quelle der Tannhäuſer⸗ ſage. Alles übrige iſt ſpäterer Anflug, Zuſatz und Aus⸗ putz; der treue Eckhart, von dem das Sprüchwort erging: Du biſt der treue Eckhart, Du warneſt Jedermann, den die ſpätern Dichtern dem Tannhäuſer als Knappen zugeſellt haben, hat in der Venusbergſage erſt ſpät ſeine Rolle erhalten. Urſprünglich iſt er blos Begleiter oder Vorgänger des Hullenpöpelzuges(Huldae populi), und kommt in ſeiner Rolle als Warner vor der Hulda

und ihrem Gefolge in örtlichen Sagen faſt gar nicht vor.

Nur in der Sage, welche Goethe poetiſch behandelt hat,

und welche Falckenſtein in ſeiner thüringiſchen Chronik

erzählt, tritt er auf.

Joh. Agricola in ſeinenSiebenhundertundfunfftzig deutſcher Sprichwörter. Wittenberg. 1592, erwähnt des Eckhart und des Hörſelberges, den er jedoch Heſelberg nennt. Ebenſo nennt ein noch ungedrucktes Gedicht von demſelben Jahre, von einem gewiſſen Victor Perillus, den Eckhart. Das Gedicht iſt betitelt: der Hörſeel bergk. In meinem kleinen Volksbuche: der treue Eckhart, Leipzig, Verlag von B. Schlicke, das nur 1 ½ Sgr. koſtet, habe ich das alles erwähnt und auch den Inhalt jenes, wenn nicht vorzüglich, doch immerhin merk⸗ würdigen Gedichtes näher dargelegt.

Es giebt mehrere Berge, die den Namen Venus⸗ berg führen; ob der thüringiſche Hörſelberg ihn wirklich früher geführt habe, iſt ſehr zu bezweifeln; ich habe dieſe Namensbezeichung für denſelben in älteren Büchern nicht gefunden, und ebenſo wenig aus dem Munde der Um⸗ wohner ihn vernommen. Indeß führt Henric Kornmann in ſeinem ſeltenen und wunderlichen Buche: Mons Veneris, Fraw Veneris Berg, Frankfurt a. M. 1614. S. 374 unter andern Bergen, als den Aetna, den Hecla, den Veſuv, den Brocken, den Kifhäuſer ꝛc. auch den Hor⸗ ſelberg bei Iſanach in Thüringen an und erzählt die Reinſchweigſage.

Von neueren Dichtern brachte zunächſt Vulpius, der Verfaſſer des Rinaldo Rinaldini, den Tannhäuſer

und den treuen Eckhart zuſammen; ihm folgte dann

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