Jahrgang 
1857
Seite
134
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Creuzburg zeigt ſich, wie eine jetzt zertrümmerte Vor⸗

mauer von der Nordſeite des Thüringerwaldes eine Kette

höherer oder niedrigerer Kalkberge(meiſt jüngerer Flötz⸗ und Muſchelkalk) von übereinſtimmendem Charakter der Formation, welcher Kette wie Hochwarten und Thürme vereinzelte Berge entragen, die mehr oder minder alle von Sagen umklungen ſind, oder ſchon frühzeitig eine geſchichtliche Bedeutung gewannen. Es gehört zu dieſer Kette, die in der Richtung von Südoſt nach Nordweſt ſtreicht, der Singeberg zwiſchen Ilmenau und Stadt ilm; die Reinsburg und die Käfernburg, öſtlich der Arnsberg nordneſtlich von Arnſtadt: dann die vorzugs⸗ weiſe ſogenannten Kalkberge zwiſchen Arnſtadt und der Wachſenburg; dann letztere ſelbſt mit den Gleichen'ſchen Schlöſſern Mühlberg und Gleichen, über Wanders⸗ leben; dann die Seeberge bei Gotha; dann von da aus nur geringere Höhen, doch nicht ohne reizende Fernblicke auf das Waldgebirge, z. B. von Jacobi's Thurm bei Gotha, vom Thüringer⸗Hauſe aus, an der Fahrſtraße von Gotha nach Eiſenach, und endlich die Hörſelberge, nämlich der große und der kleine Hörſelberg, welche ſich vom Dorfe Sättelſtädt aus bis in die Nähe von Fiſchbach bei Eiſenach, ja noch weiter, theils auf Herzogl. S. Gothaiſchem, theils und am meiſten auf Großherzogl. S. Weimar⸗Eiſenachiſchem Gebiete erſtrecken. Die das Thal der Hörſel durchziehende Thüringer Eiſenbahn hat auf der ganzen angedeuteten Strecke die nach Süden gerichteten ſchroffen Wände der Hörſelberge zur Seite. Nahe über dem S. Gothaiſchen Dorfe Schönau erreicht der große Hörſelberg ſeinen höchſten Höhepunkt, dort iſt das von weitem ſo kenntliche, in der Nähe weniger bemerk⸗ bare Horn.

Hörnſtel.

Der Hörſelberggipfel über Schönau und Eichrodt hat nach von Lindenau's und Enke's trigonometriſchen Meſſun gen 1529 Pariſer Fuß über dem Spiegel der Nordſee, nach von Hoff 1542 Fuß, nach Fils nur 1500 Fuß und nach der des Profeſſors und Direktors der Großherzogl. Sternwarte zu Jena, Dr. Schrön: 1533,8.

Der kleine Hörſelberg mißt 1371 Winkelmeſſung, 1367, 6. nach Sartorius und 1369, 3. über der Nordſee nach Schrön.

Im Volksmunde heißen auch in der That einzelne Theile des weſtlichen Bergendes Hornberg und

Ob der Hörſelberg ſeinen Namen von dem Thal⸗

flüßchen die Hörſel, wie auch das gleichnamige Dorf unter Eiſenach, wo die Hörſel in die Werra einmündet, erhalten habe, oder umgekehrt? iſt nicht zu ermitteln. Jedenfalls aber iſt die volksthümliche Sprechart, die auch gedruckt begegnet,Hörſchel falſch, denn das genannte Dorf heißt ſchon in der Urkunde des Jahres 932 n. Chr. Hurſelagemundi(Hörſelgemünde). Viele Ortsnamen des alten Hörſelgaues, deſſen Name noch an einem

S. Gothaiſchen Dorfe haften blieb, deuten weit hinauf

in der Zeiten Frühe, und manche derſelben erinnern ganz auffallend an Geſtalten der germaniſchen Götterwelt, ſo

daß mit Zuverſicht ſehr frühe Bevölkerung und früher Anbau dieſes Landſtriches angenommen werden darf,

z. B. Wutha, deſſen Name ohne alle phantaſtiſche

Schwärmerei ſich auf die höchſte Gottheit der alten Ger⸗ manen, den Wutan, Wuotan, Wute, Wode be⸗ ziehen läßt. Noch in der Mitte des 12. Jahrhunderts wurde der Ort Wutensbere geſchrieben.

Da nun die Sage das wilde Heer, das Wutans⸗ heer der alten Mythe, im Hörſelberge hauſen, und von

dieſem aus das Land durchziehen läßt, ſo liegt die mythiſche und ſprachliche Verbindung handgreiflich nahe, und der Hörſelberg iſt ſelbſt ein Wutensberg, und hat vielleicht in früheſter Zeit ſogar ſo geheißen. Dieß führt unmittelbar in den Zauberzirkel der Hörſelbergſagen ſelbſt ein.

Die älteſten thüringiſchen Chroniken haben eine Sage aufbewahrt, welche eigenthümlich allein ſteht, es iſt die von der engliſchen Königin Reinſchweig. Aelter aber i*ſt jedenfalls die Mär vom wilden Heere, angeführt von der Göttin Hulda, das im Advent und in der Weih⸗ nachtzeit bis zum h. Dreikönigsabend durch die Lüfte brauſt, eine Sage, die vielumgehend iſt in deutſchen Lan⸗ den, wie denn auch da und dort der Frau Hulda, die keine andere Göttin, als Freia, die Holde, die Gute, Wohnſitze von der Sage angewieſen werden, z. B. auf dem Meißner. Erſt das Mittelalter machte ſie zur Frau Venus und verſchmolz griechiſch⸗römiſchen Mythus mit altdeutſchem; erſt im Mittelalter bildete ſich die Sage vom Venusberge aus, von einem zaubriſchen Liebeshofe im Innern eines Berges, als welcher der Hörſelberg nicht mit Beſtimmtheit nachgewieſen werden kann, ebenſo die weitere Sage vom treuen Eckhart, der als Warner vor dem Zuge des wilden Heeres vorausſchreite, und endlich die vom Ritter Tannhäuſer, den erſt neuere Dichter und zuletzt die Tannhäuſeroper mit dem Sängerkriege auf der Wartburg in nahe Verbindung brachten.

Ohne Zweifel war der nackte, felſige, häufig von der Morgen- und Abendſonne gar wunderſam roſig ange⸗ glühte Hochgipfel ein Kultplatz der alten Germanen, auf dem man die höchſten Gottheiten, Wortan und Freia, oder Hulda verehrte. Darauf deutet unverkennbar der Höhlengang im Berge, unmittelbar unter jenem Gipfel, der den Prieſtern diente, hin. Vielleicht wurde auch ein Sonnendienſt auf dem Berge gefeiert. Die altdeutſche Mythe nennt ein höheres Weſen Oſtara, Eoſtar, Aſtar, vielleicht die Sonne ſelbſt, oder eine Frühlings göttin, deren Feier in die Zeit des beginnenden Lenzes fiel, des Auferſtehungsfeſtes der Natur aus dem Winterſchlafe. Die Prieſter, welche das Chriſtenthum, lange vor Boni⸗ facius Zeiten, zuerſt nach Thüringen brachten, nahmen erfreut den günſtigen Zufall wahr, daß in dieſelbe Zeit die Kirche das Auferſtehungsfeſt des Heilandes gelegt hatte, und nannten das Feſt Ostarà Oſtern. Ein alter Prieſterchor in Stabreimen, der dieſe Göttin anrief, iſt uns noch aufbewahrt und lautet neudeutſch:

Eoſtar, Eoſtar!

Erdenmutter!

Laſſe dieſen

Acker wachſen,

Laß ihn grünen,

Laß ihn blühen,

Frucht gedeihen,

Frieden ihm! Nun iſt noch dabei ſehr merkwürdig, daß der Name des dicht am öſtlichen Fuße des Berges gelegenen Dor⸗ fes Haſtrungsfeld im Volksmunde ſtets Aſtarfeld lautet. Noch zu Anfang des 17. Jahrhunderts ſchrieb man dieſen Ortsnamen Hoſtorofeld. Das Chriſten⸗ thum war da, an die Stelle heidniſcher Gottheiten waren die heilige Dreieinigkeit, Maria und die Heiligen getreten und dem Volke zur Verehrung empfohlen, und an die Stelle leiblicher Verbrennung der Verſtorbenen, wie ſie

bei unſern heidniſchen Vorfahren Statt gefunden hatte,

trat die überſinnliche Idee und Lehre von dem Seelen⸗