Jahrgang 
1857
Seite
131
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Wie ſoll ich das verſtehen? fragte Claas, den Knecht mit ſtreng fragendem Auge treffend.Fremde ſollen uns das Unſrige verzehren?

Iſt nicht anders, Baas, müſſen uns in Zeiten darauf richten, verſetzte Niß Ipſen.Die Schweden ſind in's Land gefallen. Ganz Eiderſtedt und auch das Bredſtedt ſche Land iſt ſchon von den hungrigen Horden über⸗ ſchwemmt. Ich ſprach ein paar flüchtig gewordene Bürger aus Huſum. Nicht genug beſchreiben konnten die ver ſtörten Menſchen die wilde Plünderungsſucht der Steen⸗ I

bockſchen Reiter. Morgen, meinten ſie, würden ſie auch die Wiedingharde beſetzen.

Claas war bei dieſer Nachricht aller Appetit vergangen. Er legte den Löffel weg, lehnte ſich an die mit Kacheln ausgelegte Wand und ſah ſtarr vor ſich hin.

Die werden freſſen! ſprach Ipſen,denn außer jämmerlich dürrem Haferbrod ſollen ſie in ihrem Lande nichts haben. Unſer Speck, unſere Grütze, unſere Bohnen werden dem Volk ſchmecken. Ich freue mich ſchon

Niß, fiel ſeine jugendliche Verlobte ihm in's Wort, wie magſt Du das ſagen!

Der Knecht lachte laut auf und rieb ſich vergnügt die von harter Arbeit rauhen Hände.Warum ſoll ich mich nicht freuen? fuhr er fort.Mir ſoll's den größten Spaß machen, wenn ich jedem dieſer Hungerleider einen rechten Tort werde anthun können.

Ruhig Blut, Niß, warnte Claas.Kriegsleute

ſind ſchlimme Geſellen und zumal die Schweden. Kannſt's V

leſen in den Chroniken, wie ſie im großen Religionskriege allerwärts gehauſt haben in Deutſchland. Damals hör⸗ ten wir Friesländer nur den Wiederhall des ſchweren Ungewitters, das ganze Länder verheerte und entvölkerte. Wollte, Du hätteſt gelogen!

Wollte es auch, Baas, erwiederte der Knecht,wer⸗ den uns aber doch unſerer Haut wehren müſſen, wenn ſie's zu arg machen. Was Recht iſt, laß ich mir ſchon gefallen, wenn ſie aber über das Erlaubte hinausgehen, dann.

Ipſen ballte die Fauſt und ſeine merkwürdig blinzeln den Augen funkelten von einem wilden Feuer.Weiß Gott, ſetzte er hinzu,brächte mich einer von den ſchwe⸗ diſchen Reitern in Wuth, ich könnte meinen, ſein Schädel ſei ein leerer Grütztopf und ihn einſchlagen mit einer Handſpeiche.

Gott bewahre! ſprach Margreth aufſtehend.Red' nicht ſo toll. Du kannſt ja einem ehrlichen Mädchen Angſt machen. Todtſchlagen iſt nicht Deine Arbeit. Ueberlaſſe es den Unglücklichen, die darauf gelernt werden, daß Gott erbarm! Am Beſten für Dich und uns Alle wird es ſein, wenn Du auf Deiner Kammer bleibſt, Zeugkneifen ſchnitzeſt oder Sleefe, das Geſchirr fein ſauber putzeſt und weder rechts noch links ſiehſt. Thuſt Du das, will ich Dich alle Mahlzeiten ſo freundlich anſehen, wie mir's um's Herz iſt, und es müßt' wunderlich zugehen, wenn Du dann nicht jederzeit von einem warmen Maiſonnenbade recht innerlich erquickt würdeſt. Biſt Du aber ungeberdig und hältſt Deinen frieſiſchen Nacken zu trotzig ſteif, bitt' ich den Baas, daß er Dich fortſchickt vom Hofe. Beſſer ge⸗

trennt leben in gutem Frieden, als unter Einem Dache in

Zank und Streit!

Haſt Recht, Margreth, ſoll ſo ſein! ſagte mit be deutſamem Nicken der Hofbeſitzer.Ich denk aber Niß hat ein Einſehen, ſchickt ſich, wie's gehen mag, und küm⸗ mert ſich nicht um Dinge, die ihn nichts angehen.

Der Knecht hatte ſein Eſſen ſchon beendet.

Ihr ſeid der Herr, Ihr habt zu befehlen, ſprach Ipſen jetzt,und mir kommt es zu, zu gehorchen. Guten Willen dazu hab' ich, Baas, nur weiß ich nicht im Vor⸗ aus, ob mir damit in allen Fällen geholfen ſein wird.

Kein Menſch kann aus ſich ſelber herausgehen, die Haut,

die Gott der Herr uns gegeben, muß Jeder behalten, mag ſie glatt oder voller Höcker ſein. Ich bin ſchon zufrieden mit der meinigen, aber daß ſie mich prickelt, wenn ſie ein Fremder unerlaubter Weiſe anfaßt, und daß ich dann ſchnell und derb zugreife, kann ich nicht ändern. Es iſt meine Art ſo und mein Blut läßt es anders nicht zu. Schlägt mich Keiner, ich will ſicher jeden lieber ſtreicheln, als kratzen! 1

Er ſtand auf, reichte im Vorübergehen ſeiner Ver⸗ lobten die Hand, lächelte ihr freundlich zu, und ſtieg dann in ſeine Kammer, die über dem Pferdeſtalle unter dem warmen Strohdache ſich befand. 8

Ich muß ihm ſcharf auf die Finger ſehen, ſagte Claas zu ſeiner Frau, als bedürfte ſeine Rede noch einer beſondern Rechtfertigung.Gut, bray und rechtſchaffen iſt Niß, nur zu leicht hitzig. In der Hitze aber weiß der Menſch ſelten, was er thut, denn er kennt weder Maß noch Ziel. Das ſollte freilich anders ſein, weil's aber nicht iſt, mag es wohl ſeinen Grund haben, den wir nicht kennen. Bin doch begierig auf das fremde Kriegsvolk.

Die Hausfrau ſchwieg zu dieſen Bemerkungen ihres Mannes. Sie brachte die Kinder zu Bett, ſah dann nach den Fenſtern, ob ſie auch geſchloſſen ſeien, machte noch einen Gang zu den Viehſtänden, um auch hier nachzu⸗ ſehen, ſagte endlich Margreth' gute Nacht und löſchte das Herdfeuer.

Morgen iſt's vielleicht anders! Mit dieſen Worten, die von einem Seufzer begleitet waren, zog ſie die Thür des Wohnzimmers hinter ſich an. Ein Lauſcher würde die Eheleute noch kurze Zeit leiſe mit einander haben flüſtern hören, ohne ein Wort ihrer Unterredung zu ver⸗ ſtehen. Dann herrſchte tiefe Ruhe auf Bombüll⸗Hof, die höchſtens ein knusperndes Mäuschen, ein im Halb⸗ ſchlafe die Flügel bewegendes Huhn oder das eigenthüm⸗ liche, malmende und monotone Geräuſch einer wiederkäuen⸗ den Kuh unterbrach.

Niß Ipſen, obwohl von der harten Feldarbeit in dem ſchweren Marſchboden müde geworden, konnte nicht ein⸗ ſchlafen. Wider Willen mußte er immer wieder an die, Schweden denken, von denen er bisher nur gräuliche Ab⸗ bildungen auf Jahrmärkten geſehen, nie einen Lebendigen erblickt hatte. Namentlich war es das brennende Altona, das einen unauslöſchlichen Eindruck auf den unverdorbe⸗ nen Naturſohn machte, und ihm einen tiefen leidenſchaft⸗ lichen Haß gegen alles Schwediſche einflößte. Auf einer Darſtellung jener furchtbaren Kataſtrophe, die faſt ganz Altona in einen glühenden Schutthaufen verwandelte, hielt Graf Steenbock, der Anführer des ſchwediſchen Heeres, auf deſſen Befehl die unglückliche Stadt in Brand geſteckt wurde, hoch zu Roß unter einer Menge anderer ihn umgebender Officiere. Der patriotiſch ge⸗ ſinnte Maler, kein Künſtler von Fach, hatte dem feind⸗ lichen Heerführer eine Phyſiognomie gegeben, die dem Oberſten der Teufel alle Ehre gemacht haben würde. Auch ſeiner Umgebung war von dem Maler nicht ge⸗ ſchmeichelt worden. Es durfte deshalb nicht Wunder nehmen, daß Alle, vorzugsweiſe aber das Landvolk in den fernen frieſiſchen Marſchen, in dem Zerſtörer Altona's⸗

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