Der Admiral aus Friesland.
Erzählung von Ernſt Willkomm.
Erste Ahtheilung. Frieſiſch Blut. Erſtes Kapitel. Bombüll⸗Hof.
Zu Anfange des vorigen Jahrhunderts lag hinter dem Haffdeiche in der Wiedingharde ein großer Hof. Das Gebäude war uralt und zeigte feſtere Mauern, als die Nachbarhöfe. Auf dem graubraunen, hohen Strohdache, das mit Moos und Gras dicht bewachſen war, befand ſich eins der größten Storchneſter der ganzen Gegend, das den alten Hof weithin kenntl ich machte. Auch eine hohe Flaggenſtange, an deren Spitze ein zerriſſener Wimpel flatterte, zeichnete das Gebäude vor andern aus.
Dieſer Hof hatte eine merkwürdige Geſchichte. urſprüngliche Beſtimmung war eine ganz andere, als die jetzige geweſen, denn nicht friedliche, ſtill ſchaffende Land⸗ leute, ſondern unternehmende Männer unbeugſamen Charakters hatten ehedem daſelbſt gewohnt. des Stoertebecker“ nannte Mancher noch jetzt das ſeltſam ausſehende Haus mit den faſt unheimlich hen Umgebungen. Hier— ſo erzählte die Tradition— hauſte der wilde Anführer der Mitalienbrüder, jener Mann von Erz und Eiſen, der ſich den ſtolzen Hanſeaten widerſetzte und erſt nach langen Kämpfen ſein unbändiges Leben auf dem Grasbrook bei Hamburg unter dem Schwerte des Henkers endigte.
Gewöhnlich hieß der Hof Bombüll ſich bis auf unſere Tage erhalten hat. fache Landleute auf Bombüll. Man ſah es dem alten weitläufigen Gebäude nicht an, daß vor Jahrhunderten auf dem weiten„Peſel“ trotzig blickende Seeräuber um die praſſelnde Gluth des Herdfeuers geſeſſen, die Beute getheilt, den Würfelbecher geſchüttelt und manchen Humpen unter Lachen und Fluchen geleert hatten.
Der große Raum vor dem Herde, aus dem man die Stallungen zu beiden Seiten des Hofes bequem über blicken konnte, war rein gefegt und ein fröhliches Kinder⸗ paar lief ſpielend und jewchzeüd darauf hin und wieder. Vor dem Herde ſaß ein ſchlankes, junges Mädchen, blond, blauäugig und Aefurdeetſen zend, bald die Luſt der lär menden Kinder durch ein lautes Wort mäßigend, bald die brodelnde Grütze in dem großen Keſſel umrührend, welcher über dem Feuer hing.
Rechts am Herde ſah man durch die offen ſtehende Thür in ein kleineres Gemach, das ein lockendes Verſteck bildete. Hier ſchaffte die Hausfrau. Ein gewaltig großer Holzkoffer, dunkelblau gemalt und reich mit Meſſingbe ſchlägen verſehen, war geöffnet und enthüllte einen ſehr werthvollen Schatz ſelbſt gewobenen Leinenzeuges, von dem die Frau einige Stücke auswählte und dieſe auf dem nebenſtehenden Tiſche ausbreitete. Ein Mann in den beſten Jahren ſaß hinter dem Tiſche, rauchfe aus kurzer Thonpfeife und befühlte prüfend das vor ihm liegende Linnen. Es war der Hofbeſitzer, ein wortkarger, hand feſter Nordfrieſe, ſtarr, eigenſinnig, kurz angebunden und ſtolz auf ſein Herkommen, wie auf den Beſitz, den er er⸗
ein Name, der Jetzt wohnten ein
Seine
erbt hatte und deſſen Werth er durch tüchtiges WVifi⸗ ſchaften von Jahr zu Jahr erhöhte. Niemand wußte, ob die damaligen Herren von Bombüll⸗Hof von dem Ge⸗ ſchlecht des berühmten Seeräubers abſtammten, den Namen Claas nur, den auch Stoertebecker trug, führten ſie alle.
„Genug, Frau,“ ſprach jetzt der Hofbeſitzer, ſeine Pfeife aus dem Munde nehmend und auf das zuletzt vor⸗ zelegte Stück Leinenzeug ſeine gewichtige Hand legend. „Das ſoll's ſein, das paßi der Margreth, das hält ſie aus, bis einmal ihre älteſte Tochter freien wird. Mar⸗ greth,“ rief er, ſein ſtark eröhele Geſicht dem„Peſel“ zukehrend.„Das ſet ich Dir, wenn Dich der Niß künftiges Jahr oder auch früher as s Frau heimführt.“
Margreth, die ſchäne Benemaad, beugte das von der Herdflamme hochroth angeglühte Geſicht etwas vor, warf einen Blick in das Wohnzimmer ihres Brodherrn und ſagte frrund lich:
„Danke, Baas, will's auch mit Gottes Hülfe; geſund auftragen!—— So— die Gritze iſt fertig. Wenn
nun der Baas Appetit hat— die Göhren ſind längſt ſchon „Die Dun
begierig nach einem heißen Löffel voll,— kann ich auf⸗
tragen.“
Claas nickte.
„Soll wohl ſein,“ ſagte er, ſchob die Gewebe zurück, das eine bezeichnete Stück neben ſich auf die Bank legend. Die Hausfrau ſchlichtete die übrigen wieder in den Hols 3⸗ koffer, ſchlug den gewölbten Deckel zu und verſchloß ihn. Dann ſpreiteie ſie ein Tuch über den viereckigen Tiſch, legte ſechs runde Blechlöffel auf und trat zu Margreth neben den Herd, um der treuen Magd beim Anrichten des Abend⸗ brodes behilflich zu ſein. Die beiden Kinder jagten ſich inzwiſchen unter Lachen und Schreien noch einmal auf und ab an den Pferderaufen und ſtürzten dann athemlos in's Wohnzimmer, um zu beiden Seiten des Vaters ihre Plätze einzunehmen.
Ehe noch das frugale Abendbrod aufgetragen wurde,
trat durch die große, im ſüdlichen Ende des Hofes befind liche
Thür ein junger Mann. Claas erkannte in dieſem ſeinen Knecht, einen Uthlandsfrieſen, Namens Niß Ipſen, den Verlobten der ſchönen Magd, für deren Unterkommen der gutmüthige und wohlhabende Hofbeſitzer zu ſorgen verſprochen, da Beide ſchon mehrere Jahre zu ſeiner Knößten Zufriedenheit bei ihm im Dienſte ſtanden.
„Du kommſt ſpät, Niß,“ rief der Hausherr dem heim⸗ kehrenden Knechte z„Wie ſtehen die Preiſe?“
„Hm,“ verſebie der Knecht brummend,„hoffe, ſie werden bald genug in die Höhe gehen.“
„Brauchſt darüber nicht zu murren, Niß, kommt uns Landleuten recht gut zu paß. Wirſt es erſt einſehen, wenn Du ſelbſt anfängſt zu wirthſchaften.“
„Glaub' es Euch, Baas, wollte aber doch, es wäre anders. Kann uns diesmal nichts nützen.“
„Weshalb nicht?“
„Weil Fremde verzehren werden, was wir dabei ge⸗ winnen.“
Niß Ipſen trat jetzt in's Wohngemach, ſchob ſich einen Schemel neben der Magd an den Tiſch und begann mit dem geſunden Appetit eines jungen, kräftigen Mannes dem beliebten Nationalgericht zuzuſprechen.
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