Jahrgang 
1857
Seite
127
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Schwaben, nach Acten und anderen ſichern Quellen ꝛc. Stuttgart bei Erhard und Löfler. Daraus erſehen wir, daß die Organiſation aller derer, welche die ſträfliche Aus⸗ beutung Anderer gewerbmäßig betreiben, noch befeſtigter iſt. Die Gewaltthätigen, die Räuber, in Jeniſcher Sprache Kochmoren genannt, halten es da nicht mehr unter ihrer Würde, mit den Tockmeuſern, wie jener freie Landsknecht ſang, im Zuſammenhange zu ſtehn, obwohl ſie noch immer mit Stolz auf die ſchwächeren und furchtſameren Stuben⸗ räumer, Einſchleicher, Marktdiebe, und Beutelſchneider herabblicken. Mancher dieſer beherzten und handfeſten Kochmoren verachtet ſogar denbetuchten Kochumer, d. i. den Nachtdieb, obwohl auch dieſer mehr Gefahr und Un⸗ bequemlichkeit über ſich nimmt als jeneSchrendefeger, die Nachts in Bauernhäuſern Quartier ſuchen und am Morgen etwas mitgehen heißen, jeneScheinſpringer oder Jomakener, welche ſich am Tag in den Wohnungen umſchauen, jeneGſchockgänger mit ihrenFladuſch⸗ d. i. Gelegenheitsmachern, welche an MarktbudenWeiß⸗ käuferei treiben, oder dieBimuther undKißler, welche im Gedränge die Taſchen leeren. Dagegen im poniert ihm wohl der Geiſt desStaatsfelingers, des vornehmen Marktſchreiers, welcher mit Diplomen, Pri vilegien und Zeugniſſen in Pomp unter Trompetenge⸗ ſchmetter nebſt einem Gefolge von Dienern, Komödianten und dgl. in die Städte einzieht, daſelbſt ſeine Schaubühne aufſchlägt, wobei er einer großen AnzahlJeniſcher Ge legenheit zum Erwerb bereitet, und ſeinen Betrug ſogar bis in die Zimmer der Großen und regierenden Häupter trägt. Weniger achtet er natürlich die gemeinen Felinger, die in ſchlichter Kleidung mit dem Materialiſtenkaſten oder einem Karren die Dörfer beſuchen oder als Freileute ge heime Kenntniſſe vorgeben; obwohl er nicht ſo aufgeklärt iſt, daß er nicht auch letztere zuweilen abergläubiſch um Rath befragt. Unter den feinen Gaunern werden ihm noch dieReiſſer, das ſind die Goldmacher und Falſch⸗ münzer, ſowie dieStappler, welche falſche Briefſchaften verfertigen, gerecht geweſen ſein, während er zu denFrei⸗

ſchuppern(den falſchen Spielern) und denMarkkißlern (den falſchen Geldwechslern) noch weniger Sympathie gehabt haben wird, als zu denKalmasſchleckern, welche mit Klebruthen das Geld aus den Opferſtöcken ziehen, für ihn gewiß ein ſehr langweiliges Geſchäft!

Aber alle dieſe, wenn ſie die Sprache verſtehen, ge hören zu ihm und müſſen im Nothfall Unterſtützung bringen oder empfangen; ſie ſind dem Uebereinkommen und der Sitte, die unter ihnen herrſchen, unterworfen. VWie ſtark dieſes Gauner, Diebes⸗ und Räuberweſen im vorigen Jahrhundert auch in Thüringen war, das zeigen genugſam die Geſetze jener Zeit, aus denen die An⸗ ſtrengungen, welche man zur Bewältigung deſſelben machen mußte, hervortreten. In einer weimariſchen Verordnung von 1742 wird Jeder, der ſich eine Zeitlang bei einer Diebes⸗ und Gaunerbande aufgehalten, wenn er auch nur Wache geſtanden und nichts von dem geraubten Gute er halten hat, mit dem Tode bedroht. Nach einem Patent vom 17. Junius 1758 ſollen die Mitſchuldigen, welche ihre Geſellen freiwillig, und ehe ſie zur Captur gebracht, entdecken: außer der Begnadigung noch die Be⸗ lohnung von 30 bis 40 Rthlr. erhalten. Aber in Schwaben, dem zehnten Theile von Deutſchland, ſo wird uns aus Acten berechnet, betrug zu Ende des vorigen Jahrhunderts die Zahl der Diebe: 2728. Und was gab es unter dieſen für geſchulte Leute! Um nicht von den Kochmoren zu reden, unter welchen ein Baierſepp, Hieſel, Sonnenwirth u. a. ſich einen weitbekannten Namenmachten: ſo ſtahl z. B. die Gaßnerslieſel allein im Insprucker Com⸗ mödienhauſe auf einmal 4 Sackuhren, 3 ſilberne Tabacks⸗ doſen und 13 Schnupftücher.

Welche Anſtrengungen der Polizei haben noch in un ſerem Jahrhundert dazu gehört, um die Straßen vor den Vergewaltigern zu ſichern und die heimliche Verbindung der Gauner zu brechen und zu lichten. Mancher arme Handwerksburſch wird über die Paßquälereien der geſtren⸗ gen Polizei geſeufzt und geſcholten haben, ohne zu bedenken, daß auch dieſe ein Bahnbrecher der Civiliſation ſei.

Was beliebt.

Scenen aus einem indiſchen Aferwalde. Eine in Oſtindien lebende Engländerin hatte einen Boten mit einem Briefe wenige Stunden weit in's Innere des Landes geſchickt. Da er zur ge⸗ ſetzten Zeit nicht zurückkehrte, fing ſie an zu fürchten, es ſei ihm ein Unglück zugeſtoßen, und ſandte mehrere Leute aus, ihn auf⸗ zuſuchen, die aber keine Kunde von ihm erhalten konnten. In⸗ dem ſie auf der Rückkehr von der vergeblichen Fahrt über einen Fluß ſetzten, bemerkten ſie einen todten Alligator am Ufer, deſſen Rachen weit aufklaffte, als ſei er auf gewaltſame Weiſe erlegt worden. Bei näherer Unterſuchung ſahen ſie an der beträcht⸗ lichen Ausdehnung des Schlundes, daß er erſtickt ſei. Die Ur⸗ ſachen einer ſo ungewöhnlichen Todesart zu entdecken, ſchnitten ſie dem Thiere auf der Stelle den Hals auf, und fanden den Kopf des vermißten Boten, welchen der Alligator nicht hatte hinunterwürgen können, und woran er erſtickt war. Der Turban ſaß noch feſt auf dem Kopfe, und als er abgenommen wurde, fand ſich die Antwort auf den Brief der Dame unverſehrt darunter. Es war zu vermuthen, der Bedauernswerthe habe über den Fluß ſchwimmen wollen und deßhalb den Brief unter ſeinem Turban

verwahrt, ſei aber bei dieſem Unternehmen die Beute des Raub⸗ thieres geworden.

Die Geſellſchaft ſchlenderte jetzt mit mehreren bewaffneten Eingebornen in den Dſchungel(dichtes, oft bis 8 Fuß hohes Schilf), um wo möglich etwas von dem trefflichen Federwildpret zu erlegen, das in Wäldern und Marſchgegenden dort im Ueber⸗ fluß vorhanden iſt. Man war nicht weit gekommen, als man eine offene Stelle im Walde erreichte, deren Mitte eine anſehn⸗ liche Waſſermaſſe einnahm, die von außerordentlich großen Alli⸗ gatoren wimmelte. Der Pfuhl war für ſeinen Umfang ungemein tief. Eine Menge großer Waldblumen an ſeinen Ufern ſpiegelte ſich in der dunkeln ſtillen Fluth ab und breitete ihre Schatten weit darüber hin, während die von dem dichten Laube des Waldes faſt aufgehaltenen Sonnenſtrahlen da und dort goldene Streif⸗ lichter hinwarfen, die dem an Natur düſteren Bilde etwas feier⸗ lich Wildes beimiſchten. Am oberen Ende des Waſſers lag ein todter Elephant, von dem ein großer Alligator ſchmauſte, wäh⸗ rend mehrere Kleinere begierig warteten, bis er ſatt ſein werde, um ſich ebenfalls zu Tiſche zu ſetzen.