Jahrgang 
1857
Seite
126
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Gleichwohl mußte ſich auch dieſe Art ſchmarotzender Gewerbthätigkeit ſchon früh ausbilden, da der Adel aus⸗ ſchließlich den Grundbeſitz, die Städte den alleinigen Be⸗ trieb der Handwerke und Künſte beanſpruchten. Was ſollte der junge Bauer thun, der nicht damit zufrieden war, das Laſtthier des Junkers zu ſein und zu bleiben? was der Mönch, dem die Kutte zu eng wurde? was der Bürgerſohn, der einen höheren Trieb als nach dem Hand⸗ werke ſeines Vaters fühlte, ohne die Mittel zur Befrie digung zu haben, oder der ſang:

Wo ſoll ich mich hinkehren, Ich dummes Brüderlein? Wie ſoll ich mich ernähren? Mein Gut iſt viel zu klein!

Was aber gar der Jude, der von Allem ausgeſtoßen und zuweilen grauſam verfolgt wurde?

Es ſah wahrhaftig in deralten, guten Zeit, wo Alles in Stand und Lebensbeſtimmung abgepfercht war, ſchlimm genug aus. Wer da heraus wollte, mußte ſich zum Landfahrer machen, was die herrſchende Gaſtfreund⸗ ſchaft begünſtigte. Und die Schriften jener Zeit bezeugen es, wie wenig genau es dieſe Abenteurer mit der Ehrlich⸗ keit nahmen und wie das faſt in der Ordnung gefunden wurde. In den Pfaffenſchwänken, in dem Dr. Fauſtbuch, imEulenſpiegel, in Hans Clauertswerklicher Hiſtorie, ſowie in dem Tagebuch des Ritters Hans von Schweinichen, der mit ſeinem Herzog von Liegnitz ſich umhertrieb, liegt es uns klar und vielfältig vor.

Dort kehrte ein Pilger ein, die Frömmigkeit mißbrau⸗ chend, indem er fälſchlich Gaben ſammelte für heilige Stiftungen und unter den Heiden ſchmachtende Chriſten, oder Dinge verkaufte, die von heiligen Stätten und Per ſonen herrühren ſollten. Ein Anderer trat bei Feſtlich⸗ keiten als Sänger und Poſſenmacher auf, und wenn er ſich gelegentlich mit Schalkheit etwas ergaunerte, war das Lachen auf ſeiner Seite. Der fahrende Schüler, mit allen Waſſern gewaſchen, entzauberte dem Bauer ſein Vieh, ſuchte dem Bürger Schätze, citirte Geiſter und trieb ſie aus, und den Wirth um die Zeche zu prellen, ge⸗ hörte zum luſtigen Streich. Der arme Jüd hauſirte mit betrügeriſchen Waaren, und wer ſonſt nichts anders wußte, erregte das Mitleid durch verſtellte Gebrechen. Zu allen dieſen fahrenden Leuten kamen noch im 14. Jahrhundert die Zigeuner, jene Vagabunden ſtammthümlicher Natur.

Als die Geſellſchaft ſich zu waffnen begann gegen alle jene Elemente, welche nicht durch ſchätzbare Thätigkeiten

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und Dienſte ſich nähren, ſondern mit unredlichen Mitteln

von Andern zehren wollten, rückten auch jene ſich näher zu geheimer Verſtändigung, bis ſich gar eine organiſirte

Genoſſenſchaft bildete, welche einen heimlichen Krieg gegen das Eigenthum, gegen die Geſetze der Geſellſchaft führten.

Aus den Verhören, die um 1475 zu Baſel mit den eingefangenenGeilern angeſtellt wurden, geht hervor, daß ſchon damals eine ſolche Verſtändigung unter gau⸗ nernden Landfahrern herrſchte. Denn ſchon hatte ſich

unter ihnen hergeſteltt. In einem Buche, demliber vagatorum, welches auch Luther im J. 1528 unter dem TitelVon der falſchen Bettler büberei mit einer Vor rede herausgab, bekommen wir Nachricht von dem Ver⸗ fahren, den Namen und der Sprache der Gauner in jener Zeit. Luther ermißt, daß Vieles in der Gaunerſprache, welche man Rothwelſch, ſpäter Jeniſch hieß, aus dem Hebräiſchen ſtamme. Doch ſind damals noch viel deutſche,

oft nicht unpoetiſche Bezeichnungen darin. So heißt die Hand Grifling, der Fuß Dritling, der Schuh Spar⸗ fuß, der Vogel Fluckart oder Flughard, das Feuer Funkart, das Waſſer Floßart, die Gans Breitfuß, das Huhn Gackenſcherr. Im 18. Jahrhundert klingt die Gaunerſprache ſchon viel fremdartiger: alle Nationen haben, beſonders während des dreißigjährigen Krieges, dazu beigeſteuert. Zwar noch die meiſten künden ſich deutſch an, wie Röthling das Blut, Scheinling das Auge, Hizling die Sonne oder auch der Ofen, Schwächer der Durſt ꝛc.; das vermehrte Hebräiſch zeigt, daß noch mehr oder einflußreicher Juden in die Verbindung gekommen; die dem Latein entſtammenden Worte deuten darauf hin, daß Leute von Schulbildung der geordneten Geſellſchaft verloren gegangen ſind und hier eine dunkelthätige Wirk⸗ ſamkeit gefunden haben; die franzöſiſchen, italieniſchen u. a. Ausdrücke erinnern an verdorbene Soldaten.

Aus Johann Knebels Chronik erſieht man, mit welchen Betrügniſſen im 15. Jahrhundert dieGeiler um⸗ gingen, welcherUnterſcheid der Buben war und wie ſie hießen. Da ſind die Grantener, welche, Seife in den Mund nehmend und die Naſe mit Halmen blutig kitzelnd, vor den Kirchen die Epileptiſchen ſpielten, und dieſen ähnliche, welche andere Mittel gebrauchten, um mitleid⸗ erregende Leibeszuſtände und Schickſale vorzuſpiegeln. Mümſche gehen als fromme Begarden,Vermerin als getaufte Juden,Theweſer als ſammelnde Prieſter, Klamarierer als Pilger mit Andenken und Reliquien aus fernen heiligen Oertern.

Unter den falſchen Bettlern(des liber vagatorum) zu Luthers Zeit finden wir Kammeſierer:jung Studenten, die Vater und Muter nit volgen und iren meiſtern nit ge⸗ horſam wöllen ſein:item ſie kummen von Rom und wöllen prieſter werden,am dolman ſetzt der Ver⸗ faſſer hinzu, denn ſo heißt jeniſch der Galgen. Da kommen dieVagier,die aus frau Venusberg kommen und die ſchwarze kunſt können und werden genant farende Schüler; dieſelben, wo ſie in ein Haus kommen, ſo fahen ſie an zu ſprechen: hie komt ein farender ſchüler, der ſiben freien künſten ein meiſter, ein beſchwerer der Teufel für hagel, für Wetter und alles ungeheuer. Darnach ſpricht er etlich charakter und macht zwei oder drei creuz und ſpricht:

wo diſſe wort werden peſprochen⸗

da wirt niemant erſtochen.

es get auch niemant unglück zu handen hie und in allen landen;

und vil andere köſtliche wort... dan du kanſt ſie nichts fragen, ſie können dir ein experiment darüber legen, das iſt ſie können dich beſch.. und betriegen umb dein gelt.

Da kommt unter denDützbetterinnen eine Frau vor, die eine lebendige Kröte geboren hat, welche, wie ſie durch Brief und Siegel beweiſt, im Kloſter Einſiedeln als ein Wunder aufbewahrt wird, aber täglich ein Pfund

. ſchon Fleiſch haben muß. eine eigenthümliche Sprache und eine gewiſſe Eintheilung

In jenem Buche werden auch dieSefelgreber ge⸗ nannt, das ſind die Schatzgräber, dieQueſtionierer, die für die Heiligen ſammeln, ꝛc. ꝛc. Alle dieſezeren

alwegen bei den wirten, die zu dem ſtecken heißen, das iſt

alsviel, daß ſie keinen wirt bezalen, was ſie im ſchuldig ſind, und am abſcheiden lauft gewonlich etwas mit inen.

Vom Jahre 1793, alſo 265 Jahre nach Luthers Her⸗ ausgabevon der falſchen Bettler büberei, liegt uns eine Schrift vor:Abriß des Gauner- und Bettelweſens in