Jahrgang 
1857
Seite
122
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Ich bin Marianne Niedlich fuhr jene fort. Schenken Sie mir doch etwas, damit ich mir einmal einen guten Tag machen kann. 3

Das Ehepaar erſtarrte und Julius gab der Unglück⸗ lichen, was er an Geld bei ſich trug. Stumm und tief ergriffen wanderte das Paar nach Hauſe. Dort erſt und von jubelnden Kindern umringt, zog Julius ſeine Frau an's Herz.

Das Niedliche rief er ausiſt zum Abſcheu⸗

lichen geworden; Du aber biſt geblieben, was Du immer warſt: meine liebe, gute, hübſche Auguſte! O wie wohl hat es unſer Herrgott mit mir gemacht! Wer hätte das öleube als ich verzweifelnd hinter vier feſten Mauern ! 74

Post nubila phoebus! rief der alte Oberpoſtrath aus ſeinem geöffneten Zimmer heraus. Und der Hof⸗ Paen fügte hinzu:Ja wohl! durch Nacht zum Licht.

Mein Abſtgarten.

Von E. Lucas, Garteninſpector in Hohenheim.

(Mit einem Grundplan.)

Wie glücklich der Beſitz eines Gartens macht, fühlt am beſten der Beamte, der nach vollbrachtem Tagewerk ſeinen vier Wänden enteilt und in ſeinem, wenn auch oft nur beſchränkten Garten unter Gottes freiem Himmel neue Kräfte ſchöpft, und, indem er nur ſeinen Blumen oder ſei⸗ nen Bäumen lebt, ſich von der anſtrengenden Arbeit des Tages erholen kann. Aber auch der Kaufmann, der ge⸗ bildete Gewerbsmann genießen und fühlen in gleicher Weiſe das Vergnügen, die Abende in ihrem Garten zu⸗ bringen zu können und ſogar der Landwirth ruht gern am Feierabend noch ein Stündchen im Garten aus, trotz⸗ dem daß ſein Beruf ihn ſtets im Freien hält.

Es iſt eine eigenthümliche Freude, die Gartenfreude; es iſt die Freude über unſere eigenen Schöpfungen; wir ſchaffen uns auf einem kleinen Raume unſer eigenes Paradies. Ein Blumengarten erfreut das Herz auf mannigfache Weiſe und wirkt jederzeit auf das Gemüth erheiternd, doch weit mehr noch bietet uns ein mit einzel⸗ nen Blumengruppen geſchmückter Obſtgarten dar, der ſeinem Beſitzer ſchattige Spaziergänge, die Pracht der Baumblüthe und den hundertfältigen Genuß der verſchie⸗ denartigſten Früchte gewährt.

Noch etwas ganz beſonderes iſt es, ein geiſtiges Ver gnügen, welches dem Gartenfreund ſeine Obſtbäume werther macht, als die meiſten ſeiner Blumen; nicht nur die Früchte ſind es, die er mit eigenen Händen pflückt, die er ſorgfältig mit den Beſchreibungen ſeines Obſtbuchs vergleicht und deren rechten Namen er zu erforſchen ſtrebt; es iſt vor allem das Bewußtſein, durch ſeine Kunſt und ſeine Sorgfalt der Natur dieſe reichen Gaben entlockt zu haben, es iſt die Freude über das Gedeihen ſeiner Pfleg⸗ linge, die noch den Enkeln Segen zu ſpenden verſprechen, es iſt die Freude, die das Herz erfüllt, wenn wir uns be⸗ wußt ſind, ein gutes Werk vollbracht zu haben. Seine Spaliere und Pyramiden beſchneidet der Gartenfreund ſelbſt; er hat ſie ſelbſt gepflanzt und erzogen, vielleicht

auch ſelbſt veredelt, er kennt von jedem Bäumchen eine

wahre Lebensgeſchichte. Dieſe Freude iſt dauernder als die an Blumen, von welchen ja viele nur einen Sommer dauern, deren Mehrzahl aber durch andere neuere Varie täten nach ein paar Jahren wieder verdrängt wird. Der Baum überdauert ein Menſchenalter, ſeinem Pfleger iſt er ein alter Freund geworden, ein treuer Gefährte, der immer von Neuem die treue Pflege durch ſeine reichen Spenden lohnt.:

Ein anderer Geſichtspunkt ſpricht noch ſehr zum Vor⸗ theil eines verzierten Obſtgartens, wenn wir denſelben mit einem Blumengarten vergleichen. Letzterer koſtet gar

viele tägliche Pflege; des Begießens will kein Ende wer⸗

den, neue Samen, neue Pflanzen müſſen jährlich ange⸗

ſchafft werden; auch der Gemüſegarten verlangt ſein rei⸗

ches Quantum Waſſer, welches beizuſchaffen eben keine

Erholungsarbeit iſt; der Obſtgarten iſt in ſeinen Anfor⸗ derungen weit beſcheidener, die wenigen Blumengruppen in demſelben ſind leicht in Ordnung zu halten und zu gießen, die Spaliere und jüngern Pyramiden ſind zufrie⸗ den, wenn ſie im Sommer bei großer Hitze je alle 8 Tage ein paar Kannen Waſſer erhalten, die Pflege der älteren Bäume iſt, wenn dieſelben von vorn herein in Ordnung gehalten werden, eine Arbeit, die jährlich nur wenige Tage fordert.

Allein ein ganz ſchmuckloſer, einfacher Obſt⸗ garten, wie man denſelben ſo oft an ländliche Wohnun⸗ gen angrenzend oder dieſelben umgebend ſieht, bietet denn doch für das Leben, welches Mannigfaltigkeit und Ab⸗ wechslung liebt, zu wenig dar; der äſthetiſche Sinn iſt durch die geraden Baumlinien nicht befriedigt und die Zeit von der Baumblüthe bis zur Obſternte giebt wenig Genuß.

Es iſt nun 14 Jahre her, daß ich den hier getreu ab⸗ gebildeten Obſtgarten, der meine Wohnung umgibt, in deren oberen Räumen ſich zugleich die Gartenbauſchule be⸗ findet, auch als einen bloſen Grasgarten ohne Wege und ohne anderen Schmuck als die regelmäßigen Baumreihen übernahm; ſeine frühere Phyſiognomie iſt durch einige ſehr wenig Koſten verurſachende Verſchönerungen gänzlich ab⸗ geändert worden; aus dem einfachen Obſtgarten iſt eine Gartenanlage in landwirthſchaftlichem Style geworden; die geraden Baumlinien verſchwinden faſt, da gebogene Wege mit Gruppen bekleidet ſich durch dieſelben hindurch⸗ ziehen. Weil dieſer Garten ſchon manchmal als Vorbild für ähnliche Anlagen diente und ſich eines vielſeitigen Beifalls denkender Gartenfreunde und namentlich Sei⸗ tens vieler Gutsbeſitzer zu erfreuen hatte, ſo hoffe ich, wird eine kurze Schilderung meines Obſtgartens gewiß manchem Leſer dieſer Blätter angenehm ſein.

Von der von einer ſchönen Obſtallee beſchatteten Straße, welche von Hohenheim über Birkach nach Stutt⸗ gart führt, tritt man bei a in den Garten und zu dem Wohnhaus, deſſen AufſchriftGartenbauſchule ſeine