höflich und gefällig. Als Sie aber mit dem leichtſinnigen Geſchöpfe von oben über mir ſich einließen, ſeinetwegen die Tanzſäle beſuchten und das Geld für theure Tanz⸗ ſtunden hinwarfen: da ſanken Sie in meiner Gunſt. Der Pelzdiebſtahl und das Waſſerplanſchen in meiner Haus⸗ flur goſſen dazu Oel in's Feuer. Wie Sie nun gar wegen Anfertigung des prinzlichen Petſchafts eingezogen wurden und der mir von Ihnen eingehändigte Fünfthalerſchein als falſch ſich auswies: da traute ich Ihnen das Aergſte zu und machte in der erſten Hitze meine Anzeige an die Polizei. Jetzt aber hat die Sache eine andere Geſtalt ge— wonnen, indem man durch Ihre Ausſage über den Agen ten Kropf einem ganzen Neſte von Dieben, Betrügern, Fälſchern und Diebeshehlern auf die Spur gekommen iſt und ſolches ausgenommen hat. In Folge deſſen iſt Alles an den Tag gekommen: nicht nur der Betrug mit dem prinzlichen Siegel, ſondern auch mein Pelz⸗ und Ihr Petſchaftsdieb. Die Sirene des dritten Stocks, welche ſich von dem Agenten Kropf ein falſches Zeugniß hatte ausſtellen laſſen, iſt nebſt den übrigen Schuldigen feſtge⸗ nommen worden und ſpinnt bereits in unſerm ſtädtiſchen Arbeitshauſe. Daß Sie ſich mit jener Sirene befreun⸗ deten, hat mir einen großen Strich durch meine Rechnung gezogen. Ich hatte ganz andere und recht gute Abſichten mit Ihnen. Du brauchſt nicht roth zu werden, Auguſte!“ fuhr der Oberpoſtrath zu ſeinem Stubenmädchen fort, welches, das Meſſingſchloß an der Stubenthür blank putzend, die aufmerkſamſte Zuhörerin abgegeben hatte. „Ich ſage ja mit keiner Silbe, daß Du immer Her Pechs Partie genommen und ein gutes Wort für ihn bei mir eingelegt haſt. Geh' hinaus, wenn Dir meine Worte nicht gefallen.“
Auguſte ging, ließ aber die Thüre ein wenig offen ſtehen und fuhr draußen ſo leiſe mit Putzen fort, daß ihr ſchwerlich ein Wörtlein im Zimmer entging.
„Das falſche Kaſſenbillet“— fuhr der Oberpoſtrath fort—„hatte Ihnen wirklich Herr von Majoram zuge⸗ ſchickt. Der ſeitdem von ihm aus dem Dienſt geſchickte Diener, welcher Ihnen die Bezahlung überbrachte, hat ſolches eingeſtanden, ſo wie auch, daß ſein Herr um die Unechtheit des Papiers gewußt hatte. Wegen dieſer ge⸗ fliſſentlichen Ausgabe falſchen Papiergeldes iſt Herrn von Majorams Stellung bei Hofe unmöglich geworden und daher vorgeſtern ſeine Verabſchiedung erfolgt.— Dem Kronprinzen dagegen hat das von Ihnen geſtochene Pet⸗ ſchaft recht wohl gefallen und er davon geſprochen, Ihnen eine Genugthuung für die erlittene Unterſuchung und Haft geben zu wollen. Ich habe das bereits warme Eiſen nach meinen Kräften ſchmieden helfen und hoffe daher, daß man Ihnen den Stich der Platte zu den neuen Kaſſenſcheinen übertragen werde, eine Arbeit, die minde⸗ ſtens 2000 Thaler Lohn einbringt. In meinem Hausflur können Sie in Gottes Namen verbleiben und ſollten Sie einmal unverſchuldet in Geldklemme gerathen, ſo wiſſen Sie mich hier oben zu finden. Sind Sie nun zufrieden geſtellt, Herr Pech? Hier haben Sie meine abbittende Hand und nun— Adieu!“
Der auf's Höchſte überraſchte Julius vermochte kein Wort zu erwiedern. Alles, was er in den letzten Tagen erlebt hatte, bewegte ſo ſehr ſein Gemüth, daß er jetzt in „lautes Schluchzen ausbrach und nur ſtumm des Ober⸗ harrte ſchargebotene Hand drücken konnte. Durch die Verhör. Halte ertönte, als Echo, ein leiſeres Schluch⸗
„Der Herr Oberſde Scene dem lauſchenden Stuben⸗
mädchen entlockte. Während daſſelbe mit der Linken ihre weinenden Augen verdeckte, reichte ſie ſelbſtvergeſſend ihre Rechte dem ſcheidenden Petſchirer, welchem dieſe Theil⸗ nahme einer Fremden unbeſchreiblich wohl that.
Eine öffentliche Ehrenerklärung von Seiten der Polizei erhielt Julius zwar nicht; dagegen ward ihm die glänzendſte Genugthuung dadurch zu Theil, daß er nach einiger Zeit zum königlichen Hofgraveur ernannt und ihm der Stich der Platte zu den neuen Kaſſenſcheinen über⸗ tragen wurde. Nach Verlauf von zwei Monaten, binnen welcher Zeit Julius mehr und mehr mit Auguſten ſich befreundete, wurde Marianne Niedlich aus dem Spinn⸗ hauſe entlaſſen. Dienſtlos, eines guten Rufs entkleidet, das genußreichere Stadtleben der Rückkehr in die mütterliche Dorfhütte vorziehend, wendete ſich das unglückliche Mäd⸗ chen einem Gewerbe zu, das ſie zwar anfänglich in Seide, Sammet und Spitzen kleidete, jedoch mit Schande, Siech⸗ thum und Elend zu endigen pflegt. Mit tiefer Wehmuth erblickte Julius, von ſeinem Sitze im Glashäuschen aus, die noch immer in allen Reizen prangende Marianne mitten unter den feilen Dirnen, welche die Schloßgaſſe auf- und abwandelten, um ihr Netz auszuwerfen. Es drängte ihn, die Unglückliche zu warnen, ſie mit Bitten, ja mit Gewalt von dem Pfade zurückzuziehen, der in's Verderben und den Abgrund ſich verliert. Frechheit, mit welcher Marianne dem jungen Graveur in's Antlitz lachte und ſeiner mit lauten Worten ſpottete, ſchreckte ihn zurück. Dagegen wandelte ſich nach und ſeine Freundſchaft gegen die zwar minder ſchöne, jedoch
Allein die.
geiſtig reizende Auguſte in eine feſt andauernde, tiefe und
herzliche Neigung um, welche er nach einem halben Jahre dem hierüber höchlich überraſchten Mädchen geſtand in⸗ dem er ſie um ihre Hand zum ehelichen Bunde bat.
„Aber, liebſte Auguſte!“ ſchloß der Künſtler ſeine Werbung—„könnten Sie ſich denn entſchließen, Frau Pech zu werden? Welch' ein unglücklicher, häßlicher Name!“
„Er iſt ja bereits der meinige“— erwiederte Auguſte, unter Freudenthränen lächelnd—„und zwar von Kin⸗ desbeinen an. Auch ſind wir nicht bloß Namensvettern, ſondern auch wirklich mit einander verwandt. Meine Mutter in Olbernhau war die leibliche Couſine Ihrer verſtorbenen Stieftante und hat darum auch von ihr ge⸗ erbt. Nachdem meine Mutter durch dieſe Erbſchaft wohlhabend geworden war, wollte ſie nicht, daß ich län⸗ ger dienen ſollte. Weil aber der Herr Oberpoſtrath ſich einmal an mich gewöhnt hat und mich nicht fortlaſſen will, ſo bin ich geblieben und bereue ſolches auch nicht.“
Soll der Erzähler erſt lange beſchreiben, wie das liebende Paar in der dunkeln Hausflur und am Fuß der Treppe ſeine Verlobung durch das gegenſeitige Zuge⸗ ſtändniß herzlicher Liebe, durch Handſchlag und Küſſe feierte?
Als Julius, Arm in Arm mit Auguſten, vor den Oberpoſtrath hintrat und dieſer die ſelig glänzenden Blicke Beider ſah, ſprach er:„Aha, ich merke etwas!“
„O mein gütiger Herr Oberpoſtrath!“ erwiederte Julius—„Sie errathen das Richtige. Pech hat ſich zum Pech gefunden und mag nicht wieder von einander laſſen. Wir bitten um Ihre Einwilligung und Ihren Segen.“
„Beides ſollt ihr haben“— entgegnete Schleier. „War es doch ſtets mein ſtiller, ſehnſüchtiger Wunſch, meine brave Auguſte mit einem guten und fleißigen Mann
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