Jahrgang 
1857
Seite
118
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Welche Beglaubigung ſeiner Sendung hatte jener Diener vorzuweiſen?

Das halb in Feuer zerſchmolzene Petſchaft des Kron⸗ prinzen und die Hoflivree, welche der Bote an ſich trug.

Beides iſt nicht ausreichend, um eine ſo wichtige Sache, wie die Anfertigung eines königlichen Petſchafts iſt, einzugehen. Jener angebliche Diener des Kronprinzen iſt ein Betrüger geweſen, welcher mit der nachgeahmten Handſchrift des Kronprinzen und mit dem von Ihnen geſtochenen Petſchaft bedeutende Unterſchleife gemacht hat. Wir müſſen Sie daher erſuchen, uns ſofort nach dem Polizeihauſe zu begleiten. Damit ſolches ohne Auf ſehen und ohne Gefährdung Ihres Rufs geſchehe, haben wir unſere Dienſtkleidung abgelegt. Sie werden dieſe Schonung zu würdigen wiſſen und deshalb unſerm Auf⸗ trage willige Folge leiſten.

Dagegen ließ ſich nicht ſtreiten und nach kurzem Wege ſah ſich Julius als Gefangener zwiſchen dicken, kahlen Mauern und hinter eiſenvergitterten Fenſtern.

Das nenn ich Pech! ſprach Julius, indem er ſich auf eine harte Holzbank niederließ.Welch ein Unter ſchied! Anſtatt dieſe Nacht in einem lichtglänzenden Saale, unter den Klängen fröhlicher Muſik, bei ſüß duftendem Punſch und leckerem Kuchen, als beneideter Tänzer an der Seite der reizenden Marianne hinbringen zu dürfen, umfängt mich das Grauen eines Kerkers, ſtempelt man mich zum Verbrecher, vernichtet man meinen guten Namen und Ruf. O Tücke des Schickſals! Wodurch habe ich das verdient?

Am andern Tage wurde Julius verhört, wo er bei ſeiner bereits gemachten Ausſage beharrte. Deshalb brachte man ihn ſpäter in einer Droſchke nach dem könig lichen Schloſſe, wo er die geſammte untere Hofdiener ſchaft in einem Saale verſammelt fand, damit er den⸗ jenigen herausſuche, welcher den angeblichen Boten des Kronprinzen vorgeſtellt hatte. Es waren wohl gegen hundert Männer, welche Julius zu beſichtigen bekam. Auch der Herr von Majoram war zugegen, um dem Petſchirer die beleidigendſten Reden anzuhören zu geben die jener nicht erwiedern durfte, ſondern geduldig ein ſtecken mußte. Nachdem die Beſichtigung zu keinem Erfolg geführt hatte, was den Hofintendanten zu ver doppelten Ausbrüchen von Schadenfreude veranlaßte, erſuchte Julius einen Jeden der Hofdiener, den Gruß: Guten Abend! gegen ihn auszuſprechen.

Die hundertfach und in kleinen Pauſen hinter einan⸗ der gewünſchten:Guten Abend! Guten Abend! Guten Abend! dünkten dem armen Künſtler, dem ſobald kein guter Abend wieder zu erſcheinen drohte, als eine grauſame Ironie. Als Julius nunmehr eingeſtand, daß er unter den Anweſenden denjenigen nicht aufzufinden vermöchte, welcher das fragliche Petſchaft bei ihm beſtellt hätte, ſo rief der Hofintendant höhniſch aus:Das habe ich vor⸗ aus gewußt! Es iſt eine, noch nicht vorgekommene Frech heit, die königliche Hofdienerſchaft zu Betrügern ſtempeln zu wollen. Hätte ich zu befehlen fuhr er zum Ober⸗ hofmarſchall fortſo ließ ich den ſaubern Graveur ſo lange fuchteln, bis er die Wahrheit eingeſtände und ſich ſelbſt als den alleinigen Betrüger angäbe. Ich kenne den Patron und weiß, was an ihm iſt.

Als Julius in das Polizeihaus zurückgebracht wurde, harrte ſeiner eine neue Anklage und ein abermaliges Verhör.

Der Herr Oberpoſtamtsrath Schleier hob der

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Actuar anhat vor einer Stunde hier angezeigt, daß er erſt jetzt den letzten, von Ihnen für die Hausflurmiethe empfangenen Fünfthalerſchein habe ausgeben wollen, daß derſelbe jedoch für falſch erkannt und daher zurückgewieſen worden ſei. Haben Sie wiſſentlich dieſes falſche Papier⸗ geld ausgegeben und von wem es erhalten? Ihnen, als einem tüchtigen, ſcharf ſehenden Graveur hätte die Un⸗

ächtheit jenes Scheines ſogleich in's Auge fallen ſollen.

Was haben Sie zu Ihrer Rechtfertigung vorzubringen?

Ich entſinne mich erwiederte Julius gekränkt daß ich am 31. December dem Herrn Oberpoſtrath zwei ſächſiſche und einen preußiſchen Fünfthalerſchein einge⸗ händigt habe. Genau habe ich dieſelben nicht unterſucht, weil ich an den beiden ſächſiſchen nichts Auffälliges be⸗ merkte und den preußiſchen von dem Herr von Majoram für gefertigte Arbeit erhalten hatte. Aus dieſem Grunde zweifelte ich nicht an des Letzteren Aechtheit.

Der preußiſche iſt allerdings der unechte ſprach der ActuarHier iſt derſelbe. Können Sie aber Ihre Ausſage eidlich erhärten? Hat Sie nicht der Um⸗ ſtand zu derſelben bewogen, daß der Herr von Majoram, wie mir Ihre Begleiter nach dem königlichen Schloſſe mitgetheilt haben, verletzende Worte gegen Sie hat fallen laſſen?

Ich verzeihe Ihnen verſetzte Julius ſanft Ihre letzte, tief mich ſchmerzende Frage. Wer, wie Sie,

nur ſtets mit Verbrechern zu verhandeln hat, muß wohl.

endlich an aller Wahrheitsliebe und Redlichkeit der An⸗ geklagten zweifeln. Ich aber verharre bei meiner getha⸗ nen Ausſage.

Nun ſoll ich gar noch ein Falſchmünzer ſein! grollte Julius gegen ſich, nachdem er in ſeinen Gewahrſam zurückgebracht worden war.Am Ende ſtempelt man mich zum Mörder! Ob wohl Marianne, nachdem ſie Kunde von meinem traurigen Geſchick erhalten hat, noch auf den Faſtnachtsball gegangen ſein mag? Nein, nein, eine ſolche Gefühlloſigkeit traue ich ihr nicht zu. Sie allein wird mich bedauern und jetzt an mich Aermſten denken.

Die zeitiger, als anderswo in das Gefängniß herein⸗ brechende Abenddämmerung erfüllte bereits das Gemach des Graveurs, als die feſt verwahrte Thüre aufgeſchloſſen wurde und bei dem Scheine einer draußen brennenden Lampe ein Mann hereintrat, hinter welchem die Thüre ſofort wieder verriegelt wurde.

Mit einer Stimme und Ausſprache, welche den Graveur zuſammenzucken machten, grüßte der Ankömm⸗ ling:

Guten h'Abend!

Guten Abend! entgegnete Julius und eine tiefe

Stille folgte dieſer beiderſeitigen Begrüßung.

Dürfte ich um Ihren werthen Namen bitten? hob der Fremde nach einer Pauſe an.Es iſt gut, wenn man weiß, wen man vor ſich hat und wie man ihn nen⸗ nen ſoll.

Ich heiße Julius Pech und bin Graveur ant⸗ wortete dieſer, dem ein Licht, trotz der Dunkelheit umher,

aufzugehen begann.

Pech! Pech! lachte der Mitgefangenedas iſt drollig! höchſt drollig! Ja, ja, wer hier ſteckt, heißt nicht

nur Pech, ſondern hat auch Pech, centnerſchweres Pech! Mein Name iſt Ignaz Kropf und mein Stand h'Agent

u. dgl.

Ich will Ihnen nur gleich ſagen, warum ich

die Ehre Ihrer Geſellſchaft hier genieße, damit Sie nicht

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