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Der Schnee.
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Von Pf. Fleiſchhauer.
Mit fünf Abbildungen.
„Peter hat ſein Bett zerriſſen“: ſo jubelt die lebensfrohe Jugend, wenn Schneeflocken in dichter Menge vom Himmel herabflattern und die Erde mit einem Schleier bedecken. Und wir, im wohlverwahrten war⸗ men Gemach am Fenſter ſtehend, ſchauen behaglich in dieſes Schneetreiben, in dieſes wunderbare Naturſchau⸗ ſpiel. Unwillkürlich drängt ſich uns da die Frage auf: „was iſt denn eigentlich der Schnee, was ſeine Entſtehung, was ſein Nutzen, was ſein Schaden u. ſ. w.?“„Welche ſonderbare Frage,“ wird vielleicht mancher meiner geehr⸗ ten Leſer denken,—„was Schnee iſt, weiß ja Jeder⸗ mann,— und ſeinen Nutzen ꝛc. kennen wir auch, wozu noch ein ſolches Gerede über den Schnee?!“ Ich antworte aber: ja, den Schnee kennen wir wohl; aber von ſeiner Entſtehung, ſeiner Bildung nach unverkennbaren Natur⸗
geſetzen, wiſſen wir denn doch nur noch ſehr wenig.
Laſſen Sie uns dieſes Wenige, was uns die Phyſiker über dieſen Naturſohn lehren, in Folgendem überdenken und überſchauen!
Daß der Schnee aus Waſſer entſteht, iſt keinem Zweifel unterworfen, nämlich aus Waſſer, das in der Atmoſpäre anfangs als Dampf vorhanden iſt, dann ſeine Ausdehnung zum Theil verliert und in Dunſt übergeht.
„Dampf und Dunſt,— iſt das nicht einerlei?“—
wenn es ſchneit.
Allerdings ſind beide Ausdrücke in allen Sprachen faſt
gleichbedeutend; allein der Naturlehrer macht zwiſchen bei⸗
den einen Unterſchied, indem er mit dem Worte D ampf
eine völlig expandirte(ausgedehnte) äußerlich Gasform zeigende Flüſſigkeit, hingegen mit dem Worte Dunſt die nicht völlig expandirte und minder durchſichtige bezeichnet.
Alle ſogenannte wäſſerige Meteore: Thau, Reif, Wol⸗ ken, Regen ꝛc. erfordern einen Uebergang des völlig expandirten durchſichtigen Waſſerdampfs in Dunſt, woraus die Wolken beſtehen, in denen ſich, wenn die Temperatur unter den Nullpunkt oder Gefrierpunkt des Thermometers fällt, die Schneeflocken zuerſt bilden. Jedoch nicht aus Dunſtbläschen, ſondern aus feinen Eis⸗ kryſtallchen, welche durch fortwährende Condenſation (Verdichtung) von Waſſerdämpfen größer werden, geſtal⸗ ten ſich die Flocken, welche ſelbſt noch beim Herabfallen durch die untern Luftſchichten wachſen. Sind dagegen die untern Luftregionen zu warm, ſo ſchmelzen die Schnee⸗ flocken, ehe ſie den Boden erreichen; es regnet dann unten, während es oben ſchneit.
Um von der Entſtehungsart des Schnee's ſich einen Begriff zu machen, kann man folgenden Verſuch anſtellen.
Man löſt in warmem Waſſer ſoviel Salmiak auf, als daſſelbe nur aufzulöſen im Stande iſt. Dieſe Auflöſung gießt man in ein tiefes, vorher erwärmtes Gefäß, und dann läßt man ſie an ruhiger Luft allmälig erkalten. Bald werden ſich an der Oberfläche kleine Kryſtalle bil⸗ den, die ſpecifiſch ſchwerer als die Flüſſigkeit ſind, in wel⸗ cher ſie ſchwimmen. Sie fallen daher langſam zu Boden; indem ſie aber fallen, werden ſie merklich größer und ge⸗ langen auf den Boden des Gefäßes in Geſtalt zahlreicher und großer Flocken. Merkwürdig dabei iſt es, daß dieſe
Kryſtalliſation ſehr ſchnell fortfährt, in einer Flüſſigkeit, welche nicht genug überſättigt iſt, ſich von ſelbſt zu kry-
ſtalliſiren. Ein entſtandener Kryſtall verleitet ſogleich die ganze Flüſſigkeit zu kryſtalliſiren.
Aehnlich iſt nun auch die Erſcheinung in der Luft, Sind nämlich nur erſt einige kleine Waſſertropfen durch die Kälte kryſtalliſirt worden, ſo hat die Kryſtalliſation ihren Anfang genommen und beginnen nachher dieſe kleinen Kryſtalle vermöge ihres ſpecifiſchen Gewichts zu fallen, ſo fährt die Kryſtalliſation fort; das übrige in der Luft enthaltene Waſſer, welches ſonſt noch nicht kryſtalliſirt ſein würde, kryſtalliſirt ſich nun⸗ mehr, und ſo iſt es immer, wenn die Kryſtalliſation ein⸗ mal im Gange iſt.
Der Naturforſcher Muncke machte bezüglich der Schneebildung folgende Beobachtungen.
In einem exantlirten(mit Hülfe der Luftpumpe luft⸗ leer gemachten) Ballon von feinem engliſchen Glaſe ließ er geringe Mengen von Waſſer an einer Seite ſich im gefrornen Zuſtande an die Wandungen anlegen, ſetzte dann den Ballon auf die Bank eines geöffneten Fenſters in einem nicht geheizten, aber dennoch etwas mehr als die äußere Luft erwärmten Zimmer ſo, daß die Eistheilchen nach Innen gerichtet waren. Indem dann die Wärme aus dem Zimmer durch den Ballon nach Außen ſtrömte, wur⸗ den unſichtbare kleine Partikeln des Eiſes als Dampf im. Ballon mit fortgeriſſen, aus denen an der entgegengeſetz⸗ ten Wandung ſehr ſchöne und regelmäßige kryſtalliſirte Schneeflocken entſtanden, die nur ſehr loſe an der Ober⸗ fläche feſthingen. Hieraus geht hervor, daß die feinen,
den Schnee bildenden Eisnadeln unmittelbar aus dem
niedergeſchlagenen Dampfe, ohne einen merkbaren Ueber⸗ gang zum Dunſte, entſtehen können.
Iſt alſo die Atmoſphäre beinah mit Dampf geſättigt und wird durch einen Luftſtrom, deſſen Temperatur unter dem Gefrierpunkte iſt, condenſirt, ſo ſchlägt ſich ein Theil des Dampfes in kryſtalliniſcher Form als Schnee nieder. Dieß kann ſogar in warmen Zimmern geſchehen, wie folgende Beiſpiele lehren.
In Petersburg gab, wie der berühmte Meteorolog Dove erzählt, ein Muſiker ein Concert in einem großen Saale, zu welchem ſich die vornehme Welt ſehr zahlreich eingefunden hatte. Draußen war eine eiſige Winternacht, wie man ſie in unſern Gegenden nicht kennt; in dem überfüllten Saale aber herrſchte eine Hitze, wie ſie nur den Ruſſen erträglich iſt. Die Hitze wurde jedoch bald auch dieſen zu ſtark; mehrere Damen wurden ohn⸗ mächtig. Man wollte ein Fenſter öffnen, aber es war eingefroren. Ein Offizier wußte ſchnell Rath; er ſchlug die Scheiben eines Doppelfenſters entzwei. Und was ge⸗ ſchah?— Es entwickelte ſich im Concertſaale ein kleines Schneegeſtöber. Der Waſſerdunſt nämlich, den die große Menge Menſchen ausathmete, ſchwebte in der höchſten und heißeſten Region des Saales in der Luft; der plötzliche Eintritt der eiſigen Luft durch das zerbro⸗ chene Fenſter verwandelte die Waſſertheilchen in Schnee und ſo ſendete hier nicht der Himmel, ſondern der mit Waſſerdunſt gefüllte Raum eines Concertſaales Schnee⸗ flocken hernieder.
Ein ähnliches Ereigniß erlebten einige Fiſcher, die
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