Fenſter ſeines Glaskaſtens nach Marianne hin. aber trat lachend zurück und entgegnete ſpöttiſch:
„So haben wir nicht gewettet, Herr Pech! Nur der, welcher mich vom Tanzſaale heimführt, darf mich küſſen. Lernen Sie tanzen und Sie ſollen mein bevorzugter Tän zer werden, mich auch küſſen dürfen. So iſt der Brauch bei mir und allen meinen Kameradinnen.“
„So werde ich aus Liebe zu Ihnen das Tanzen erler⸗ nen“— erwiederte Julius.„Darf ich aber auch auf Ihxe Zuſage bauen?“
„Wie auf die Feſtung Königſtein!“ betheuerte Ma⸗ rianne und ſprang davon.
In des Graveurs Innern wurden jetzt zwei Stimmen ganz verſchiedener Art vernehmbar. Die Eine ſprach warnend:„Sieh Dich vor, unerfahrner Freund! Eine hübſche Larve, ein vortheilhaft herausgeputzter Körper hat Deine Sinnlichkeit erregt und das Laſter der Eifer⸗ ſucht das Seine beigetragen. Eine kurz andauernde Krankheit, ein einziger Unfall kann im Nu und für immer dieſen Dich umſtrickenden Liebreiz vernichten, und was bleibt Dir dann noch übrig als eine werthloſe Schlacke, die Du je eher je lieber wieder von Dir werfen möchteſt? Iſt nicht Marianne, allem Anſcheine nach, die allbekann⸗ teſte unter den flotten Tänzerinnen? Auf welche rechtliche Weiſe wäre ſie zu den theuern Gegenſtänden ihres An⸗ putzes gekommen, welche mit dem geringen Lohne eines Dienſtmädchens in dem ſchreiendſten Widerſpruche ſtehen? Eine züchtige, wirthliche, nach ihrer Decke ſich ſtreckende Hausfrau bedarfſt Du zur Gattin, nicht aber eine Ball⸗ dame, die in einem Tage vergeudet, was der Ehemann in einem Monate mühvoll erſchwungen hat. Alſo fliehe die Verſuchung, bevor ſie Dir zu Häupten wächſt.“
Ganz anders redete die Sprache der Sinnlichkeit. „Willſt Du,“ flüſterte ſie,„auf den bloßen Schein hin ein Mädchen verdammen, das bisher ſo liebevollen An⸗ theil an Deinem Geſchick genommen und Dir der Beweiſe mehrere von ihrem Mitgefühl gegeben hat? Haſt Du ſchon über ſie, über ihre Unehrlichkeit, Trägheit, Ver⸗ ſchwendung und Sittenloſigkeit Klage führen hören? Ein wenig Putz und Gefallſucht, ein kleiner Hang zum Leicht⸗ ſinn und Tanzluſt ſind noch keine verdammlichen Laſter und der meiſten Eventöchter Erbtheil. Durch das Tanzen gelangſt Du zu Mariannens näherer Bekanntſchaft und entdeckſt Du dann ja, daß ſie Deiner unwerth iſt, ſo ſteht's bei Dir, Dich noch recht zeitig von ihr zurückzuziehen. Einmal nur biſt Du jung und darum darfſt Du die Freu⸗ den der Ingend nicht ſchnöde von Dir weiſen. Was be⸗ abſichtigſt Du zunächſt? Tanzen zu lernen, was bei Deiner ſitzenden Lebensweiſe die beſte Arznei für Dich iſt. Alſo friſch darauf!“
Natürlich behielt die letztere Stimme die Oberhand bei dem Graveur, welcher mit dem neuen Jahre ſeinen Tanzunterricht bei einem der beliebteſten Meiſter beginnen wollte.
Dieſe
V.
Am 31. December trug Julius den voraus zu entrich⸗ tenden Miethzins für das nächſte Vierteljahr zu ſeinem Hauswirth hinauf. Dieſer ſtrich die drei Fünfthaler⸗ ſcheine ein, quittirte und ſagte dann trocken:
„Mit dem 31. März des nächſten Jahres hört Ihre Miethe bei mir auf. Keine Bitte!“ fuhr er haſtiger fort, als der erſchrockene Petſchirer gegen dieſe unerwartete
Kündigung proteſtiren wollte.„Mein Wort gilt und wird unter keiner Bedingung zurückgenommen. Leben Sie wohl!“
Der Oberpoſtrath wendete ſich ab und vernichtet wankte Julius aus dem Zimmer. In ſeiner Zerknirſchung überſah er das thränenfeuchte Auge des Dienſtmädchens, welches ihn bis zur äußeren Thüre begleitete und ihn unter einem Seufzer entließ.
Unten ſprach Julius unter bitterem Lachen zu ſich ſelbſt:„Ein ſchöner Jahresſchluß! Ein hübſcher Neujahr⸗ wunſch! Hal mein Pech findet ſich wieder!“
Eben ſchlüpfte Marianne die Treppe herab.
„Etwas ganz Neues!“ rief ihr der Graveur zu,„der Oberpoſtrath hat mir die Miethe gekündigt.“
„ Und mir meine Madame den Dienſt,“ erwiederte Marianne.
„Zu Oſtern verlaſſe ich dieſes Haus,“ fuhr Julius fort.
„Und ich ſchon mit dem 31. Januar,“ ſprach Marianne.
„Wie? außer der gewöhnlichen Zeit?“ fragte Julius betroffen.„Darf das die Frau Kriegsräthin thun?“
„Warum nicht, da ich in Monatsdienſten ſtehe?“ antwortete Marianne.
Julius ſtutzte. Seine Tante hatte ihm geſagt, daß es kein gutes Zeichen für einen Dienſtboten ſei, wenn der⸗ ſelbe in Monatsdienſten ſtehe.
„Wenn man,“ hob Marianne an,„ſieben Monate lang bei einem Drachen, wie ich habe, ausgehalten hat, ſo kann man nicht mehr verlangen. Meinem Gott will ich danken, wenn ich nach einem Monate ſingen kann: So leb' denn wohl, du ſtilles Haus!“
„Was werden Sie dann beginnen?“ fragte Julius.
„Einen andern Dienſt ſuchen,“ ſprach Marianne.„Um den iſt mir bei meiner großen Bekanntſchaft gar nicht bange.“
„Mir wird's nicht ſo leicht werden,“ ſeufzte Julius, „eine andere Hausflur zu gewinnen.“
Marianne ging und Julius nahm ſeufzend ſeinen Sitz ein. Daß der junge Mann ſeine Neigung zu Marianne ſeiner mütterlichen Tante verheimlichte, war ein Beweis, daß jene Neigung von reiner und löblicher Art nicht ſei. Auch ſchien es, als wollte der Himmel dieſe Unterlaſſungs⸗ ſünde nicht ungeſtraft hingehen laſſen. Als Julius näm⸗ lich eines Abends ſeine Tante beſuchte, fand er dieſe in Betten auf das Sopha hingeſtreckt und bedenklich erkrankt.
„Du kommſt wie gerufen,“ hob die Kranke matt an. „Ich fühle mich recht unwohl, darum ſpringe zu einem Notar, damit ich mein Teſtament machen und Dich darin zu meinem alleinigen Erben einſetzen kann. Ach, daß der ſchwache Menſch nur zu ſpät an dieſe Pflicht denkt! Eile, mein guter Julius!“
Julius lief. Doch nicht zum Notar, ſondern zum nächſten Arzt. Er traf den erſten, zweiten und dritten nicht daheim und erſt einen vierten auf der Straße, welcher ſofort die Kranke aufzuſuchen verſprach. Als Julius nach zweiſtündigem Abhetzen, ſchwitzend und in Begleitung eines Notars in die Wohnung ſeiner Tante zurückkehrte, hauchte dieſelbe eben ihren letzten Athemzug aus.
Da die Verſtorbene kein Teſtament gemacht hatte, ſo erbte deren Geſammtnachlaß eine ihr näher als Julius verwandte Witwe im Erzgebirge. Mehr als den Verluſt der nicht unanſehnlichen Erbſchaft betrauerte Julius den der gütigen, fürſorgenden Tante, nach deren Ableben er nun ganz einſam in der Welt daſtand. Freudenlos ver⸗ ſtrich ihm der Januarmonat und es kam ihm in ſeiner


