Jahrgang 
1857
Seite
106
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Durch Nacht zum ſicht.

Eine Erzählung von Guſtav Nieritz.*

(Fortſetzung.)

Unter dieſem Geſchwätz hatte der Fant Marianne an die Spitze der Tänzerſäule geführt, um mit ihr den Rei⸗ gen zu eröffnen. Während der kurzen Pauſe von Seiten der Muſik nickte und grüßte Marianne nach allen Seiten hin, ſendete Kußhände aus und empfing deren wieder. Dann ſchwebte das Paar, den Boden leicht nur mit den Fußſpitzen berührend, unter den rauſchenden Muſikklän⸗ gen durch den Saal dahin. Bald entrollte ſich nun vor des Petſchirers Augen wieder ein Bild von tanzwüthiger Luſt. Dem jungen Mann war der Schlaf mit einem Mal vergangen. Das allbekannte Märchen vom Aſchen⸗ brödel ſtand ſichtbar erfüllt vor ihm in der ſo gänzlich verwandelten oder verzauberten Marianne. War der kleine Fuß in den Roſaſchuhen derſelbe, welcher bisher in niedergetretenen, breiten Filzſchuhen ſchlürfend durch die Hausflur ſich bewegte? Die anmuthige, ebenmäßig ge⸗ baute Geſtalt und Körperſchöne dieſelbe, welche im gro⸗ ben, rothen Frießrocke und mit einer langen Schößeljacke angethan, ſonnabendlich im Hofe das Holzgefäß ſcheuerte? Die Finger in den feinen Glacéhandſchuhen dieſelben, welche abwechſelnd Holz hackten, Steinkohlen zerklopften und in's dritte Stockwerk hinauftrugen, die ſchweren Töpfe und Bratpfannen handhabten, den Beſen und Borſtwiſch ſchwangen und andere nicht minder ſchwere oder niedrige Dienſte verrichteten? Wer hätte jemals unter dem verhüllenden Tuche dieſen ſchlanken, weißen Schwanenhals vermuthet? Wer in dieſem ſchönheitſtrah⸗ lenden Antlitz mit den blühenden Roſenwangen, den kuß⸗ geſchaffenen Lippen, dem Grübchen der Schalkheit und Fröhlichkeit, ein Geſicht wieder erkannt, welches, nicht ſelten die Kennzeichen des⸗Rußes und der Steinkohlen⸗ ſchwärze an ſich tragend, verdroſſen und maulend den Tadel ſeiner Herrin hinnehmen mußte? War dieſes ſchwarze, glänzende, kunſtvoll geſcheitelte Haar mit den zierlichen Flechten kein anderes als das, welches in den Wochentagen verworren unter einer ſchwarzſammtnen Winterhaube hervor ſich ſtahl?

Es ging dem jungen Graveur genau wie jenem Königsſohn, als derſelbe das zur reizenden Balldame umgewandelte Aſchenbrödel zu Geſicht bekam: er verliebte ſich ſterblich in das Mädchen, in welchem er bisher nur einen hübſchen Kieſelſtein anſtatt einen ſtrahlenden Bril⸗ lanten bemerkt hatte. Mit der Liebe, die freilich nur eine ſinnliche war, zog aber auch zugleich die Eiferſucht in des jungen Mannes Herz, der den Gegenſtand ſeiner erſten Neigung aus einer Tänzerhand in die andere fliegen, gegen Jeden von ihnen freundlich, ja vertraut ſich gebehr den ſah und offenbar in den Huldigungen der Männer wie in den neidvollen Aeußerungen ihrer Mitſchweſtern ſich ſonnte.

Julius nahm, um unbemerkt zu bleiben, ſeinen Platz in einem Winkel des Orcheſters, wo er des Balles Ende abwartete, was erſt gegen vier Uhr Morgens der Fall

war. Marianne verließ, eine der Letzten, den Saal und

Julius, von den Furien der Eiferſucht getrieben, ſchlich

ihr nach. Marianne betrat an dem Arme eines ihrer

Tänzer die Straße und lachte auf dem Heimwege wieder⸗

holt laut auf. Nachdem ſie ihr Haus erreicht hatte, fand noch ein Zwiegeſpräch mit ihrem Begleiter Statt, welches mit mehreren hörbar ausgetauſchten Küſſen ſchloß. Dann ſchnappte das Schloß der Hausthüre unter dem Haus⸗ ſchlüſſel auf und Marianne verſchwand unter dem Rufe: Gute Nacht!

Eine ſolche jedoch floh den verliebten und von raſen⸗ der Eiferſucht verzehrten Graveur, welcher den Reſt der Nacht ruhelos verbrachte. Es war dem Graveur, da er ſich an ſeine Arbeit niederſetzte, als ſei ihm ein hindern⸗ der Flor über die Augen gezogen. Anſtatt dem Grab⸗ ſtichel zu folgen, bemühten ſich dieſe, Marianne bei ihrem erſten Gange durch die Hausflur zu erſpähen. Endlich zeigte ſich das Mädchen. Ein Ueberreſt der nächtlichen Reize war noch an dem reinen Antlitz und den Händen der Jungfrau zu entec auch ſtrahlte deren dunkles Auge noch von dem Glück der Erinnerung an die freuden⸗ reiche Ballnacht. Außerdem aber war Aſchenbrödel wie⸗ der ganz Aſchenbrödel geworden und das kühlte des Künſt⸗ lers heiß wallendes Blut in etwas ab, obſchon deſſen Stimme noch immer vor innerer Aufregung bebte, als er aus ſeinem Glaskaſten Mariannen zurief:

Schon ausgeſchlafen, ſchöne Marianne?

Längſt ſchon! lautete die Antwort.Wie können Sie ſo fragen? Ein Dienſtbote muß der Erſte aus dem Bett und der Letzte in's Bett ſei. Mein Kaffeefeuer brannte ſchon um halb ſechs.

Dann haben Sie nicht viel über eine Stunde ge⸗ ruht bemerkte Julius.

Wie ſo? Was fällt Ihnen ein?

Weil Sie bis vier Uhr auf Birkholzens geſchwärmt haben.

Scht! ziſchte Marianne und ſchaute ſich betroffen um.Schreien Sie doch nicht ſo laut! Sie wiſſen alſo?

Ich ſelbſt war Zeuge Ihrer Triumphe und habe bis zuletzt ausgehalten.

Ohne ſich mir zu erkennen zu geben? Das iſt nicht hübſch von Ihnen. Wie hätte ich mich gefreut, Sie dort zu ſehen!

Ihren zahlreichen Anbetern gegenüber hätte ich eine jämmerliche Rolle geſpielt und darum verbarg ich mich vor Ihnen. Aber reizend ſahen Sie aus, ſo überaus rei⸗ zend, daß ich Sie beinahe nicht wieder erkannt hätte.

Wirklich? fragte Marianne fröhlich.Gefiel ich Ihnen in meinem Kleide mit den Volants? Ging ich leid⸗ lich angezogen und war mein Haar gut gemacht? Man iſt gar übel daran, wenn man beim Anziehen auf ſeine Hände allein angewieſen iſt.

Zu hübſch waren und gingen Sie verſetzte Julius.Doch jetzt bekennen Sie die Wahrheit, daß Sie und Ihr Begleiter an der Hausthüre ſich gegenſeitig geküßt haben.

Das leugne ich gar nicht erwiederte Marianne unſchuldig.Denn einen Kuß in Ehren darf niemand ver⸗ wehren.

Nun, ſo geben Sie mir raſch einen Morgenkuß, ſprach Julius begehrlich und beugte ſich aus dem offenen

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