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und Freundſchaftsvertrag zwiſchen Frankreich und Perſien abgeſchloſſen,— ein Bündniß, das gänzlich ohne Erfolg blieb; denn Perſien handelte nach wie vor nach den Ein⸗ flüſterungen des ruſſiſchen Geſandten. Perſiſche Truppen zogen nach Khoraſan, beſetzten die Ortſchaft Ghorian, ſtreiften nach allen Richtungen in der fruchtbaren Oaſe Herat und ſchoben Streifcorps gegen Kandaſar vor. Fruchtlos verhallten die wiederholten Gegenvorſtellungen, und der engliſche Geſandte verließ endlich den perſiſchen Hof mit der Drohung, Großbritannien würde ſeiner Zeit das treuloſe Benehmen des Schah zu züchtigen wiſſen. So lange der Krieg mit Rußland dauerte, enthielten ſich die Engländer aller unmittelbaren feindlichen Schritte; aber an mittelbaren ließen ſie es nicht fehlen. Unter Anderm knüpften ſie mit ihrem alten Feind Doſt Moham med, dem einſichtsvollen Herrſcher von Kabul, Verbin dungen an, welche zu einem am 30. März 1855 in Peſchawer abgeſchloſſenen Vertrage führten, in deſſen Folge Doſt Mohammed gegen Kandahar zog und es er⸗ oberte. Im Jahre 1855 noch rief der jetzige Herrſcher von Herat, Yuſſuf Khan, als Doſt Mohammed auch ihn
bedrohte, die Perſer zu Hülfe. Als ſie erſchienen, wur⸗ den ſie von der ſumitiſchen Bevölkerung, an deren Spitze ſich Eſſa(Iſſa) Khan geſtellt hatte, ſo warm empfan⸗ gen, daß ſie eiligſt die Flucht ergriffen. Um dieſe Scharte auszuwetzen, ſammelte der Schah von Perſien ein großes Heer, das Herat belagerte und es im October 1856 ein⸗ nahm. Darauf erklärten die Engländer den Perſern den Krieg und ſchickten eine Flotte nach dem perſiſchen Meer⸗ buſen. Die vom 1. November 1856 datirte Proklama⸗ tion des Generalgouverneurs von Oſtindien, welche den Krieg mit Perſien als eröffnet verkündigt, ſetzt die Beweg⸗ gründe zu dieſer Maßregel aus einander, indem ſie auf den Vertrag zurückgeht, welchen der engliſche Geſandte am perſiſchen Hofe, Oberſtlieutenant Sheil, im Januar 1853 mit dem erſten Miniſter des Schah geſchloſſen, den die perſiſche Regierung aber in offener Feindſeligkeit gegen Großbritannien verletzt habe, und zwar dadurch, daß ſie nicht nur ihre Truppen in das Gebiet von Herat habe einrücken laſſen, ſondern auch dieſe Stadt belagert, ſiche das Recht angemaßt, den Herrſcher von Herat zu ernen⸗ nen, und dieſes Land für perſiſches Gebiet erklärt habe.
Die Entſtehung des Torfes.
Von Friedrich Körner.
Wenn wir die Großartigkeit der Natur und den küh⸗ nen Geiſt des Menſchen bewundern wollen, ſo pflegen wir uns die Alpen mit ihren Rieſenbergen, mit ihren
ſchimmernden Gletſchern und ſchäumenden Waſſerfällen,
die verwegen über Thalſchluchten führenden Alpenſtraßen, Erdbeben und ſturmerregte Meere zu vergegenwärtigen. Und dennoch dürfte uns die Natur viel großartiger er ſcheinen, wenn wir das Kleine betrachten und die uner
meßlichen Wirkungen überrechnen, welche es für weite
Ländergebiete wie für das menſchliche Leben hat. Wenden wir daher unſre Aufmerkſamkeit den kleinen Pflänzchen des Torfes zu, welche die öden Moorſtrecken voll ſchauer⸗ licher Einſamkeit und wallender Nebel ſchaffen. Dieſe unſcheinbaren Pflänzchen werden uns wunderſame Ge⸗ ſchichten aus uralten Zeiten erzählen, ſie werden uns Ach⸗ tung vor dem niederdeutſchen Volksſtamm abnöthigen, welcher mit zäher Ausdauer den Rieſenkampf mit den geſpenſtiſch unheimlichen Mooren Jahrhunderte lang ge führt hat.
Wie entſtehen jene Moore, die nicht nur geräumige Flächen auf den Alpen und der baieriſchen Hochebene be decken, welche nicht nur den größten Theil von Irland unbe⸗ wohnbar machen, ſondern ſich auch von Holland aus über Norddeutſchland und Rußland bis weit hinein nach Sibi rien erſtrecken und in Ungarn auf ihren ſchwarzen ſeeartigen Teichen ſchwimmende Inſeln mit Wäldern, Wieſen und weidenden Heerden tragen? Scheint es wohl glaublich, daß Lebensweiſe und Daſein von Tauſenden arbeitſamer Menſchen bedingt ſind von Torfmooren; daß die frucht barſten Striche der ſandigen Mark Brandenburg ent wäſſerten Bruchen und Mooren ihr Entſtehen verdanken; daß kaum ſichtbare Pflänzchen unternehmenden Menſchen zu Wohlſtand verhalfen, daß dieſelben Moore den frei heitsliebenden Frieſen ihre Unabhängigkeit ſiegreich
ſchützen halfen, daß Moore tiefeingegriffen haben in die
Geſchichte der deutſchen Stämme? Gewiß wird es intereſ⸗ ſant ſein, die Torfmoore näher kennen zu lernen!
Verſetzen wir uns in das norddeutſche Tiefland mit jenen unabſehbaren lilafarbnen Haideflächen, aus denen ſich nur ſelten ein Kieferwald inſelartig erhebt, oder ein Birkengebüſch das Daſein eines armſeligen Dorfes ver⸗ kündet, verſetzen wir uns mitten in das pfadloſe Bur⸗ tanger Moor, deſſen öde Fläche mit den angrenzenden Mooren einen Raum von 50— 60 Quadratmeilen be⸗ deckt! So weit das Auge reicht, breitet ſich eine braune Ebene aus, bis ihre fernſten Grenzen in das Grundblau des Himmels zerfließen. Da zeigt ſich kein Baum, kein Strauch, keine Hütte, keine Erhöhung von einigen Fuß; da erfreut kein Farbenwechſel das Auge; denn ſelbſt am Himmel zeigen ſich nur graue Wolkenmaſſen oder verbrei⸗ tet ſich ein nebelartiger Schleier, zwiſchen welchem nur hier und da einmal ein Stückchen Himmelblau hervor ſchaut. Todesſchweigen lagert über dem Moor, denn hier weidet kein Reh, blöckt keine Kuh, hier ſingt kein Vogel, knarrt kein Wagen, erſchallt keine frohe Menſchen⸗ ſtimme; dagegen wehen und ſchleichen Nebel über die feuchteſten Stellen und verleihen dieſer Gegend etwas Unheimlichgeſpenſterhaftes. Selbſt die ſchwarzen Moor bäche fließen ſchweigſam in ihrem ſchlammigen Bett dahin, und in mattem Glanze ſchillern die offnen Waſſerſtellen, die trichterförmig in die Tiefe reichen.
Nur einen Unterſchied bemerkt man in der Gleich⸗ förmigkeit der Bodenbedeckung. In Zwiſchenräumen von 6— 8 Fuß erhebt ſich von der Höhe und Geſtalt eines Maulwurfshügels ein lockrer Raſenhöcker, der von einem Büſchel Haidekraut gebildet wird. Die nordeuropäiſchen Haidekrautarten haben nämlich die Eigenthümlichkeit, daß ſie den Boden durch ihre Wurzeln nicht nur auf— lockern, ſondern ihn auch durch vermoderte Wurzeltheile wölben, ſo daß ſich auf dieſen Polſtern, die man in


