ganz von Rußland abhängigen Perſiens mit Afghaniſtan in Folge der Lage Herats das einzige Hinderniß in den Weg legte. Sie reizten darum Perſien zum Kriege gegen Herat. In der That unternahm Abbas Mirza ſchon 1833 einen Zug gegen daſſelbe und ſuchte, von den Ruſſen unterſtützt, die Stadt einzunehmen; da jedoch Kamran Schah von den Briten unterſtützt wurde, ſo mißglückte das Unternehmen. Später erfolgte ein neuer Zug der Perſer auf Herat, und zwar mit aller Langſam⸗ keit und Schwerfälligkeit, welche alle Bewegungen mor⸗ genländiſcher Heermaſſen kennzeichnet. Der Schah von Perſien brach am 23. Juli 1837 mit dem gebräuchlichen Pomp von ſeiner Reſidenz Teheran auf, ſtand am 14. October noch bei Niſchapur, nicht viel mehr als halbwegs zur Grenze ſeines Reiches, eroberte im November Schorsdan, die Grenzfeſte von Herat, und langte endlich Anfang Decembers vor der Hauptſtadt Herat an, deren
Vertheidigung ein junger engliſcher Offizier, Pottinger,
leitete, während die Belagerungsarbeiten von dem ruſſi⸗ ſchen Geſandten Grafen Simonitſch und einem ruſſiſchen Stabsofficier ſollen beaufſichtigt worden ſein. Thatſache iſt die Anweſenheit des ruſſiſchen Geſandten im Heerlager der Schahs von Perſien, deſſen Streitmacht 40,000 Mann zählte. Da mehre Stürme mißlangen und der Schah Kunde erhielt von dem Bündniß Englands mit dem Maharadſcha Rundſchit Singh von Lahore und mit dem Schah Schudſchah, dem Gegner Doſt Mohammeds, wie davon, daß fünf engliſche Kriegsſchiffe mit 2200 Mann Truppen im perſiſchen Meerbuſen erſchienen wären und die Inſel Karak und die Hafenſtadt Buſchir beſetzt hätten, entſchloſſen ſich die Perſer, die Belagerung von Herat am 9. Sept. 1838 aufzuheben und den Rückzug anzutreten. Nach dem Abzuge der Perſer ſchickten die Engländer den Major Todd nach Herat, zahlten, um Kamran Schah zu gewinnen, eine monatliche Steuer von 25,000 Rupien und verwendeten noch überdies eine bedeutende Summe, um die Stadt in vertheidigungsfähi⸗ gen Stand zu ſetzen. Aber gerade dieſe Bemühungen er⸗ regten die Beſorgniß, daß England ſelbſt ſich der Stadt bemächtigen wolle. Kamran knüpfte mit den Perſern Unterhandlungen an und behandelte den Major ſo, daß dieſer um ſeiner Sicherheit willen endlich abziehen mußte. Der Angriff der Perſer auf Herat gab Anlaß zu dem Anfangs für die Engländer glücklichen, dann aber ſo ver derblichen Kriegszuge derſelben nach Afghaniſtan. Der Plan, Herat von Afghaniſtan aus zu erobern, ſcheint wirklich bei den Briten beſtanden zu haben, mußte aber wegen der Schwierigkeiten, mit welchen die Ausführung verknüpft geweſen wäre, aufgegeben werden. Der Feld⸗ zug gegen Kabul hatte gegen 50,000 Kameele gekoſtet, ein Zug nach Herat hätte abermals 20,000 bis 30,000 Laſtthiere in Anſpruch genommen, die kaum mehr zuſam men zu bringen geweſen wären.
Kamran Schah ſtarb im Mai 1843, und nun bemäch⸗ tigte ſich der allmächtige Vezier Jar Mohammed Khan, der 1838 die Stadt gegen die Perſer vertheidigt hatte, der Herrſchaft, vertrieb die Söhne Kamran Schahs, machte ſich zum Schah von Herat und unterwarf ſich, um ſeine Herrſchaft gegen etwaige Angriffe von Kamrans Söhnen zu ſichern, dem Schah von Perſien, während er zugleich mit Akhbar Khan und deſſen Vater Doſt Mohammed Ver⸗ bindungen anknüpfte. Auf dieſe Weiſe kam Perſien oder eigentlich Rußland dem Ziele, das es nicht durch gewalt⸗ ſame Mittel erreichen konnte, dennoch näher.
Jar Mohammed Khan ſtarb im Sommer 1851 mit Hinterlaſſung eines Sohnes, den Niemand anerkennen wollte. Herat wurde von allen Nachbarn als eine herren⸗ loſe Sache betrachtet, alle ſtrebten nach ſeinem Beſitz. Einmal erhoben die Perſer Anſprüche, worin ſie von den Hazarehſtämmen des umliegenden Gebiets, die wie die Perſer ſchiitiſche Mohammedaner*) ſind, unterſtützt wurden; ein zweiter Bewerber war der Khan von Bochara, ein dritter der afghaniſche Häuptling von Kandahar, der Herat als von ihm abhängig anſah, und als vierter trat Doſt Mohammed in die Schranken. Der Sohn Jar Mohammed Khans fand ſich, nachdem er den afghaniſchen Häuptling von Kandahar in einem Treffen geſchlagen hatte, doch nicht im Stande, ſeine Stellung zu behaupten, und erſuchte den Schah von Perſien um Hülfstruppen, die auch ſogleich abgeſendet wurden. Zehntauſend Mann machten ſich von Meſched auf den Weg, und drei Tage nach ihrer Ankunft erklärte der Häuptling von Herat, er habe Stadt und Provinz dem Schah von Perſien übergeben und ſich ſelbſt zu deſſen Statthalter ernannt. Dies geſchah im Frühjahr 1852.
Rußland iſt ſeit dem Frieden von Turmantſchai, wel⸗ cher dem ruſſiſch⸗perſiſchen Kriege im Jahre 1828 ein Ziel ſetzte, in allen innern und äußern Angelegenheiten des perſiſchen Reichs die leitende Macht, die wegen ihrer größern militäriſchen Kräfte auch größern Einfluß beſitzt, als das über größere Geldmittel verfügende England. Rußland iſt es, welches den Hof von Teheran fortwäh⸗ rend anſtachelt, die Herrſchaft Perſins, wie ehemals unter den Sofi, über Herat und Kandahar bis unfern des Grenze des anglo⸗indiſchen Reichs auszudehnen, welchem ruſſiſch-perſiſchen Getriebe die Beherrſcher Hin⸗ doſtans natürlich nicht gleichgültig zuſehen können. Eng⸗ land weiß ſehr wohl, daß Rußland in Perſien allmächtig iſt, und daß ſeit geraumer Zeit die ruſſiſche Loſung für Perſien: Herat! lautet, der Hintergedanke derſelben aber Indien iſt. Sein Beſtreben iſt daher, das Näherrücken des ruſſiſchen Einfluſſes an die indiſche Grenze zu ver⸗ hindern. Während des jüngſten Krieges zwiſchen Ruß⸗ land einer-, der Türkei und den Weſtmächten andererſeits war die Aufmerkſamkeit Europa's meiſt auf diejenigen Gegenden gerichtet, welche die unmittelbaren Schauplätze des Krieges bildeten. Aber auch damals bekämpfte ſich am perſiſchen Hofe der Einfluß der Gegner. Die perſi⸗ ſche Regierung erklärte zwar zu Anfang des Jahres 1854, der Schah Naſir Eddin werde mit allen Potentaten, mit Rußland, mit der Pforte und mit den Weſtmächten in freundſchaftlichem Benehmen bleiben, ſich nicht in ihren Streit miſchen und ſich weder links, noch rechts von der geraden Linie der Neutralität entfernen; aber er leiſtete trotz dieſer amtlichen Erklärung den Ruſſen im letzten Kriege mannigfachen Vorſchub, ſein Geſandter befand ſich im Lager des ruſſiſchen Generals Murawiew und verſah das ruſſiſche Heer mit allem Lebensbedarf. Vergebens verſuchten die Weſtmächte alle Mittel, um den Hof von Teheran auf ihre Seite zu ziehen. England hielt ſich eine Zeitlang im Hintergrund und ſchob Frankreich vor. Eine glänzende Geſandſchaft Napoleons III. zog nach Teheran, und am 12. Juli 1855 wurde ein Handels⸗
*) Die Mohammedaner ſcheiden ſich bekanntlich in zwei Haupt⸗ ſecten, Sumiten(Bekenner einer Tradition) und Schiiten(Nichtbeken⸗ ner derſelben). Die Türken und Afghanen ſind Sumiten, die Perſer Schiiten.


