Jahrgang 
1857
Seite
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Verfall noch höchſt großartigen Ruinen von Muſſalah, demOrte der Andacht, einem Gebäude, das von einem Nachkommen Timurs zur Aufnahme der Ueberreſte des Imam Reza errichtet, deſſen Bau aber nicht vollendet wurde, weil in Folge von Streitigkeiten die Gebeine des genannten Heiligen nach der Stadt Meſched gebracht wurden. Der bereits genannte britiſche Reiſende Conolly ſchildert den Bauſtyl in Herat als viel großartiger, denn in Meſched. Er fand hier große Säulenhallen mit Mo⸗ ſaiken in weißen Quarztafeln und bunten gebrannten Ziegeln ausgeführt, die beim Eingang ein hohes Dom⸗ gewölbe zieren, mit Reſten von Bogen, Säulen und von zwanzig Minarets umgeben, auf deren höchſten 140 Stufen führen. Conolly beſtieg dieſen Minaret und er⸗ freute ſich von deſſen Höhe einer herrlichen Ausſicht über das rings umher ausgebreitete, an die blühendſten Ge⸗ genden Italiens erinnernde Garten⸗ und Culturland. Herat hat viele Vorſtädte, eine Citadelle nnd nicht unwichtige Baumwollen-, Seiden⸗, Shawls⸗, Teppich⸗, Leder- und Waffenfabriken. Beſonders berühmt ſind die hier verfertigten Schwertklingen von Khoraſan(Timur

hatte eine Colonie von Waffenſchmieden von Damaskus

nach Herat verſetzt) und unter den übrigen Fabrikaten die

ſeidenen und wollenen Teppiche, welche zu den verſchieden⸗ ſten Preiſen(von 10 bis 1000 Rupien das Stück) in allen Größen und mit den prachtvollſten Farben gefertigt

werden; aber bei der noch immer zu großen Unſicherheit

des Landtransports für ſolche Waaren werden die koſt⸗

barſten nur ſelten beſtellt. In der Umgebung von Herat wird viel Seide gewonnen, jedoch nicht hinreichend zur Ausfuhr. Die Eiſen⸗ und Bleigruben könnten bei beſſe⸗ rer Bewirthſchaftung eine reichlichere Ausbeute liefern. Wolle wird beſonders in dem Lande der Hazarehs im Ueberfluß hervorgebracht. Von den vier Diſtricten: Obeh, Ghorian, Karach und Sabſawer, in welche das Land eingetheilt wird, iſt der erſtere ein Bergwerksland, das faſt alle Metalle liefert und eine heiße Mineralquelle enthält, die von vielen Kranken beſucht wird. Karach iſt hauptſächlich von dem räuberiſchen Nomadenſtamm der Eimaks bewohnt.

Die Einwohner, deren Zahl in der neuern Zeit in Folge der Verwüſtungen Herats von 100,000 auf etwa 45,000 geſunken iſt, treiben außer den bereits angedeuteten Gewerben einen ſehr lebhaften Handel und verſenden von Landesproducten hauptſächlich Safran, Aſſa foetida, Pi⸗ ſtaziennüſſe, Maſtix, Manna, einen eigenthümlichen gel⸗ ben Färbeſtoff, Ispiruk, und ein Gummi, Birzund genannt, beſonders viel getrocknetes Obſt und Pferde nach Indien.

Werfen wir nun einen Blick auf die neueſte Ge⸗ ſchichte der Stadt und des Landes, das in der Mitte des vorigen Jahrhunderts an das neu entſtandene Afgha⸗ nenreich gefallen war.

Der Gründer dieſes neuen Königreichs war Ahmed Schah, der afghaniſche Chlodwig, der im Jahre 1747 die Krone von Afghaniſtan auf ſein Haupt ſetzte und nach der herkömmlichen orientaliſchen Sitte eine hochklingende Ehrenbenennung annahm; er gab nämlich ſeinem Hauſe den Titel Dor Doran(d. i. Perle der Zeit), und nach dem Hauſe ward in der Folgezeit ſein junger Stamm und ſelbſt das Reich Dorani oder Durani genannt. Ahmeds Reich würde unter ſeinen Nachkommen im In⸗ nern befeſtigt und nach Außen erweitert worden ſein, wenn die Erbfolge geregelt und das Land ſich, nicht zwi⸗

zu ſtürzen, welcher der unmittelbaren Verbindung des

ſchen drei mächtigen Nationen, den Engländern, den Per⸗ ſern und den Sikhs, befunden hätte. Aber der Unverſtand und die Selbſtſucht der Prinzen des fürſtlichen Hauſes, ſowie die wechſelnden Umſtände und die liſtigen Anſchläge der benachbarten Reiche haben die ſchönen Hoffnungen zu Grabe getragen, mit welchen die erſten Anfänge Ahmeds die Einſichtsvollen ſeiner Nation erfüllten. Schon Ahmeds Sohn Timur, der ihm 1773 folgte, wirkte durch ſeine ſchwachſinnige zwanzigjährige Regie⸗ rung entſchlaffend auf alle Bande des Gehorſams im Innern und nach außen. Gleich nach ſeinem Tode (1793) erhoben ſich mehre Parteien, welche den Staat mit gänzlicher Auflöſung bedrohten. Timurs älterer Sohn, Mahmud, war damals Statthalter in Herat. Er unterwarf ſich zwar ſeinem jüngern Bruder Siman, wel⸗ cher Schah geworden war, aber nur ſcheinbar. Er lauerte

vielmehr auf eine Gelegenheit, ſich die Krone der Durani

auf das Haupt zu ſetzen oder doch wenigſtens Herat und die Umgebung zu einem unabhängigen Fürſtenthum zu erheben. Zwiſchen beiden Brüdern kam es 1794 an den Ufern des Hirmend zu einem hartnäckigen Treffen, in welchem Mahmud geſchlagen wurde und nach Herat zurückfloh. Von ſeinem zweiten Bruder Firus und ſei⸗ nem Sohn Kamran begleitet, erſchien er 1797 am perſi ſchen Hofe zu Teheran und bat den Schah Feth Ali um Hülfe. Er erhielt ſie. Siman Schah, der beim Heran⸗ nahen dieſes Sturmes aus Weſten auf einem Zuge gegen Indien begriffen war, eilte ſchnell in die Heimath zurück, ſchlug die Perſer und bemächtigte ſich Herats durch Ver⸗ rath. nochmals nach Khoraſan zu flüchten, wo ſie um nach drücklichere Hülfe beim Hofe von Teheran einkament Feth Ali Khan ſtellte ſich ſelbſt an die Spitze des Zugs gegen Oſten. Aber auch dieſer Verſuch Mahmuds, ſich mit perſiſcher Hülfe des Fürſtenthums Herat und dann des Thrones von Kabul zu bemächtigen, mißlang, ebenſo ein dritter im Jahre 1800. Später verhalf ihm der Barakſi Fateh Khan zur Herrſchaft. Aber die Wirren in Afghaniſtan hatten damit ihr Ende nicht erreicht, ſie dauerten vielmehr eine lange Reihe von Jahren fort. Der wieder vertriebene Mahmud fand eine Zufluchtsſtätte in Herat und lebte daſelbſt bis 1829. Dort herrſchte ſein Sohn Kamran Schah, der letzte Durani, aber in Ab⸗ hängigkeit von Perſien und ſtets beſorgt, durch das Nach⸗ barland um den letzten Reſt ſeiner politiſchen Exiſtenz gebracht zu werden.

Bald erhielt Herat eine beſondere Wichtigkeit durch die im Norden von Indien zuſammentreffenden Beſtre⸗ bungen der Ruſſen und Engländer und wurde ſo in die verſchlungenen Kreiſe europäiſcher Politik hineingezogen. Für eine auf Oſtindien zielende Macht iſt der Beſitz von Herat von der größten Bedeutung. Zwiſchen dem Nor den und dem Süden von Aſien, ſagt ein großer Kenner des Morgenlandes, Profeſſor Neumann, liegen drei große Bollwerke, Tſcherkeſſien, Perſien und Afghaniſtan. Das erſte Bollwerk läßt ſich öſtlich umgehen von einer Macht, die auf dem caſpiſchen Meere eine Flotte hat und auf dem Südufer, in Ghilan und Maſenderan, Stütz⸗ punkte beſitzt. Perſien war für Rußland gewonnen, nun kam es darauf an, auch im letzten Bollwerke ſich Einver⸗ ſtändniſſe zu verſchaffen. Die Ruſſen ſuchten durch ihre Verbindungen mit dem Barakſifürſten Doſt Mohammed von Kabul den Duranifürſten Kamran Schah von Herat

Mahmud und Kamran ſahen ſich gezwungen,