Alpen Maß und Ziel geſetzt. So wenig es über 8000 Fuß Höhe regnet, ſo ſelten ſchneit es auch darüber; die Schnee⸗ menge nimmt ebenſo nach oben zu, wie nach unten ab, und über 10,000 Fuß Höhe iſt ſie ſchon ziemlich gering. Je dünner, trockner, kälter die obere Luft wird, um ſo weniger iſt ſie zu Niederſchlägen geeignet. Je geringer ferner in den oberen Regionen der Luftdruck iſt, deſto leichter geht die Verdunſtung vor ſich, und Schnee und Eis verdunſten bekanntlich ſchnell, wie Jedermann in dem Eisſtück beobachten kann, das er in ſeinen Keller trägt.
Der Schnee der Hochalpen iſt im Vergleich mit dem der Ebene von vorn herein viel feiner, aber auch härter, und wenn ihn auch die heiße Juliſonne beſcheint, wird er nicht feucht, ſondern blos lockerer, ſandartiger, und in der Nacht'werden alsbald die Körner wieder zur eiſigen Maſſe gebunden, die wir„Firm“ nennen. Der Firm iſt immer noch Schnee, viel poröſer und leichter als das Gletſchereis, und ſehr weiß. Indem aber die oberen Firmſchichten auf die unteren drücken und dieſe zu⸗ ſammenpreſſen, wird durch den Druck etwas Wärme frei und damit die Schmelzung ſo weit angeregt, daß ein Kryſtalliſationsprozeß beginnt, die Maſſe ſcheidet ſich in feſtere Eiskörner und etwas Waſſer, das, ſo gering auch ſeine Menge, doch hinreicht, die Körner gleicherweiſe zu vereinigen und neue Verſchiebung derſelben zu geſtatten. Es erfolgt ein langſames Herabfließen, wie bei einer brei⸗ oder ſyrupartigen Maſſe; die Firmkörner werden dabei größer, bläulich von Farbe und gehen unterhalb die Höhe von 8000 bis 7500 Fuß ganz in Gletſchereis über. Dieſes Gletſchereis iſt von dem gewöhnlichen Eiſe ganz verſchieden. Es erſcheint als eine compakte Maſſe von bläulich⸗weißer Farbe, nur von mehr oder weniger Luftbläschen durchdrungen. Unterſucht man ein hand⸗ großes Stück davon im Zuſtande des Schmelzens, ſo be⸗ merkt man die Auflöſung in unregelmäßig geſtaltete Körner von verſchiedner Größe, die, durch etwas Waſſer noch verbunden bald zerfallen.
Durch den angedeuteten Kryſtalliſationsprozeß, der bei der Bildung des Gletſchers obwaltet, wird letzterer ein lebendiges Weſen, das ſich aus innerem Antriebe fort⸗ bewegt und das in ſeinen Bereich kommende Waſſer auf⸗ nimmt, um es zu aſſimiliren, d. h. in Gletſchermaſſe zu verwandeln. Das von der Sonnenwärme erzeugte Schnee⸗ waſſer dient alſo ebenſo zum Wachsthum des Gletſchers, wie die Quellen, über die er ſich wölbt und fortſchiebt und
denen er auch im Winter eine ſchützende Decke giebt.
Treffen zwei Gletſcher aus verſchiedenen Theilen auf⸗ einander, ſo vereinigen ſie ſich zu einem Gletſcherſtrom. Von der Stärke und Höhe der Firmlagen und von den im Thal befindlichen dem Gletſcher zu Gebote ſtehenden Quellen hängt wohl hauptſächlich die Schnelligkeit des Waſſers und des Fortbewegens ab; von dem Grindelwald⸗ gletſcher iſt bekannt, daß er ſich jährlich etwa 25 Fuß weit fortſchiebt. Oft vergrößern ſich die Gletſcher ganz auffallend und ganz unabhängig von der äußeren Tem⸗ peratur durch einige Jahre und ſchwinden dann wieder bis auf einen gewiſſen Grad zurück. Hört der Kry⸗ ſtalliſationsprozeß auf, ſo iſt auch die Vorwärtsſchiebung
vorbei, und mit der inneren Wärmeentwickelung hört auch
die Anziehung auf, der Gletſcher kühlt ſich aus und ver⸗ fällt den allgemeinen Naturgeſetzen— er ſchmilzt von
allen Seiten ſo lange zuſammen, bis die Vermehrung der oberen Firmſchichten wieder ein neues Leben anfacht; es bildet ſich ein neuer Gletſcher unter den von unten ausgehöhlten alten hinein, hebt ihn unter krachender Zer⸗ lüftung in die Höhe und bewegt ihn auf ſeinem Rücken abermals vorwärts. Steinſchichten und oft ganze Gras⸗ flächen werden rein vom Grunde abgefegt und vorwärts geſchoben und die Schuttmorünen lagern als ſchmutzige Vorpoſten am Gletſcherende.
Manche grüne Alpwieſe iſt durch den Gletſcher auf immer verwüſtet worden, denn ungleich dem Schnee, der Felder und Berge in dem Winterfroſt wärmt und ſchützt, damit das Pflanzenleben im Sommer um ſo fröhlicher erblühen möge, zerſtört der Gletſcher unerbittlich alles organiſche Leben. Und dennoch iſt er nicht minder als der Schnee ein Wohlthäter für Länder und Völker. Im Sommer, wenn die Torfmoore unſerer niederen Gebirge, des Brockens, des Ochſenkopfs und ſelbſt der 5000 Fuß hohen Schneekoppe ihren Waſſervorrath erſchöpft haben und man über manchen„Bergſtrom“ trocknen Fußes hinüber ſchreiten kann: dann rinnen aus den Eisfeldern und Schneeſeen der Hochalpen unzählige Bäche, dann ſchwillt unſer deutſcher Rhein zu ſeiner oft erſchreckenden Fülle und Größe, und werden unzählige andere Flüſſe geſpeiſt, daß ſie in der trocknen Sommerszeit das durſtige Land tränken und erquicken. Nicht blos die in der Schweiz entſpringenden Flüſſe: Rhein, Rhone, Clar, Reuß ſind Kinder des Gletſchers, auch die auf niederer Schwarz⸗ waldhöhe ihre Quellen habende Donau— was wäre ſie ohne das Schnee⸗ und Gletſcherwaſſer, das die friſchen Alpenkinder Iller, Lech, Iſar und vor Allem der könig⸗ liche Inn ihr zuführen? Und bilden nicht die Eisfelder mächtige Brücken, die von einem Bergkamme zum andern führen, und Uebergänge erleichtern, die ſonſt unmöglich wären? Wie in Sibirien und Kamtſchatka manche Straßen nur im Winter fahrbar werden, ſo ſind auch in den Alpen manche Straßen nur durch Schnee und Eis gebaut und geebnet worden. Freilich iſt der Weg oft ſehr beſchwerlich und gefährlich, und mancher kühne Wandersmann und Gemſenjäger iſt in einer Gletſcherſpalte umgekommen, aus der ihn kein Rufen retten konnte. Aber wie auf der von Froſt ſtarrenden Eisfläche alles Leben erſtorben ſcheint, und das Ohr doch in der Tiefe das Rauſchen und Sickern des allbelebenden Waſſers vernimmt, das die Erſtarrung wieder löſt: ſo ſind gerade dieſe Eismeere und Eisberge der Gletſcher das verbindende Glied, welches den Firnſchnee, der ſonſt für das organiſche Leben ver⸗ loren gehen müßte, wieder an die Wärme der tieferen Thäler hinabführt, um ihn zu der raſtlos, die Erdober⸗ fläche durchrieſelnden Flüſſigkeit aufzulöſen. Was ſind einige verſchüttete Dörfer und verſchüttete Alpwieſen gegen den Segen, der ganz Deutſchland, Frankreich, Italien, man kann ſagen ganz Europa zu Gute kommt! So keimt überall in der Natur aus ſcheinbarer Unordnung die Harmonie, aus Tod und Zerſtörung das Leben. Du fährſt nur darum im Sommer ſo bequem von Köln nach Holland, weil es in den Hochalpen an Schnee und Eis nicht mangelt. Der Föhn, der heiße, ſtürmiſche Alpen⸗ ſcirokko, der ſchon manches Schiff in den Wellen der Schweizerſeen vergrub, ſpendet zugleich den Regen, den er aus den Schneefeldern der Alpen nach Baiern und Würtemberg trägt.


