Jahrgang 
1857
Seite
85
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Illuſtrirtes Voläsbfall.

Herausgegeben von Heinrich Schwerdt.

Wöchentlich 1 ½ 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und alle Poſtämter des Fürſtl. Thurn⸗ und Taxis'ſchen Poſtgebiets für 12 ½ Ngr., und im Deutſch⸗Oeſterreichiſchen Poſtvereinsgebiete für 15 Ngr. vierteljährlich zu beziehen.

Durch Nacht zum Licht.

Eine Erzählung von Guſtav Nieritz.

(Fortſetzung.)

Faſt die einzige Ausnahme von dieſer Verſchwörung machte Marianne, ein junges, blühendes Mädchen, wel ches im dritten Stockwerk des Schleier'ſchen Hauſes bei einer alten Kriegsrathswittwe diente und mit dem übel geplagten Graveur inniges Mitleid hatte. Daſſelbe be wies ſie durch wiederholte kleine Aufmerkſamkeiten und Gefälligkeiten, welche dem jungen Mann wohl thaten und ihn einigermaßen für die übrigen Anfeindungen entſchä digten. Bald brachte Marianne dem über kalte Füße klagenden Julius ein Stück wollene, wärmende Decke, bald hatte ſie für ihn eine Taſſe voll heißen Kaffees oder Warmbiers aufgehoben, bald ſchob ſie ihm in die ver klommenen Hände ein paar eben vom Feuer genommene Schalkartoffeln. Seinen Bedarf an Brennöl holte ſie vom Kaufmann, und die Cigarre, welche Julius zuweilen bei ſeiner Arbeit rauchte, war meiſtentheils ein Geſchenk Mariannens, welches ſich dieſe von dem Kaufmann als Zugabe erbeten hatte. Gegen ſolche Theilnahme blieb Julius nicht unempfindlich. Das Gefühl eines reinen Wohlwollens erfüllte ſein Herz gegen das junge Mädchen und trieb ihn an, demſelben ſich dankbar zu beweiſen. In dieſer Abſicht ſtach er ein zierliches Petſchaft mit den zwei Buchſtaben M. N., welche Marianne Niedlich, ſo lautete der Name ſeiner Wohlthäterin, bedeuteten und von einem Myrthenkranz umgeben waren. Mit dieſem Geſchenk wollte Julius das Mädchen zum Chriſtfeſte erfreuen.

Vorher jedoch ereignete ſich noch theils Erfreuliches, theils Aergerliches. Zu dem Letzteren gehörte die fort⸗ dauernde Hartnäckigkeit des Herrn von Majoram, ſeine über fünf Thaler betragende Schuld bei dem Petſchirer zu berichtigen. Dieſer hatte wiederholt ſeinen vornehmen Schuldner ſchriftlich gemahnt, doch ſtets ohne Erfolg. Als nun der reiche Hofherr eines Mittags in einem koſt baren Zobelpelz bei dem frierenden Petſchirer vorüber ſtolzirte, ſo übermannte dieſen endlich ein gerechter Zorn. Er eilte ſeinem Schuldner nach, vertrat ihm den Weg und redete ihn mit den laut und drohend geſprochenen Worten an:

Mein Herr, bezahlen Sie mich! Lange genug habe ich Geduld mit Ihnen gehabt. Schämen ſollten Sie ſich bei Ihrem Stande und Reichthum, einem armen Arbeiter ſeinen Lohn vorzuenthalten. Bezahlen Sie mich, oder ich werde Maaßregeln ergreifen, die Ihnen nicht angenehm ſein dürften.

Dieſe unerwartete, kühne Rede machte Herrn von Majoram verſteinern. Im erſten Augenblick ſtand er ſtarr und ſtumm da. Im zweiten aber färbte eine dunkel aufſteigende Zornesröthe ſein breites Antlitz, und drohend erfaßte ſeine Rechte das dicke ſpaniſche Rohr.

Was? Was will dieſer freche Menſch von mir? Was ſagt er? ſchäumte erſchuldig ſollte ich ihm etwas ſein, ihm, den ich noch nie früher geſehen habe?