Neben dem großartigen Häringsfange und Handel der Holländer kam der in andern Ländern betriebene wenig in Betracht. Die Oſtſee lieferte, wie jetzt noch, wenige und geringe Häringsbeute; die von deutſchen Seeſtädten, wie Hamburg und Bremen, ausgeſandten Häringsſchiffe geben noch jetzt nur einen kleinen Theil der Conſumtion von Deutſchland; der franzöſiſche Härings⸗ fang, der einen mittleren Jahresertrag von drei bis vier Millionen Franken abwerfen ſoll, und der däniſche, der an den jütiſchen Küſten, um die Färöer und um Island betrieben wird(in Lymfjorden fing man einmal in einem Jahre für 2 ½ Mill. Rthlr.), ja ſelbſt der ſkandinaviſche kamen dem holländiſchen Fiſchereibetriebe nicht gleich. Als bedeutendſter Nebenbuhler Hollands, deſſen Fiſcherei im J. 1808 von 1500 auf 30 Häringsbuyſen geſunken war, ſich aber neuerdings bis zur Ausſendung von mehreren Hunderten erholt hat, ſteht jetzt England da.
Irrthümlich meint man, die Holländer fingen die enorme Menge von Häringen, die ſie verſenden, in der Nähe ihrer Küſte. Nicht einmal alle geräucherten(Pöck⸗ linge) ſind im Zuyderſee gefangen; die allergrößte Menge der als Salzhäringe verkauften Fiſche werden von den Holländern in den um Schottland liegenden Meerestheilen erbeutet. Ihre Fiſcherei beginnt gegen Ende Mai und dauert gewöhnlich bis zum Januar. Die Buyſen ver⸗ ſammeln ſich um die Schottlandinſeln und ſuchen die Stellen des Meeres auf, wo der Zug am ergiebigſten er⸗ ſcheint. Man erkennt die Häringsſchwärme beſonders leicht in der Nacht an dem Glanze ihrer Schuppen(Härings blick). Die aus Hanf oder Seidenfäden gefertigten, bis über 2000 Fuß langen Netze, welche einer größeren An zahl(gegen 50) hintereinander geſtellter Fliegennetze gleichen, werden des Nachts eingeſenkt. Die Maſchen derſelben ſind von ſolcher Weite, daß der raſch ſchwim mende Fiſch mit dem Kopfe in eine Maſche eindringt, aber wegen der beim Rückzugsbeſtreben umgeſtülpten Kiemen deckel nicht wieder herauskann. Am Morgen wird das Netz allmählig aufgezogen und die Beute in Körbe ge⸗ ſammelt. Ein Theil der Schiffsmannſchaft beginnt ſo gleich, die Fiſche auszuweiden, einzuſalzen und zu ver packen. Die Erträge des Anfangs der Fangzeit(vom 25. Juni bis zum 16. Juli) werden durch eigne ſchnell ſegelnde Transportſchiffe(„Häringsjäger“) ſogleich nach Holland geſchafft, da die Häringe, in denen weder Rogen noch Milch entwickelt iſt, für beſonders werth voll gelten(Jungfernhäringe, Matje). Die heimkeh renden Buyſen ſelbſt bringen nur das Mittelgut(Voll häringe) und die geringſte, magerſte Sorte(Scholhäringe, die ſchon gelaicht haben) mit nach Hauſe, welche beide Sorten in Holland friſch geſalzen und verpackt werden. Durch Polizeigeſetze iſt geſorgt, daß dieſes Verpacken ge hörig geſchehe. Wie reichlich der Fang ſei, erhellt daraus, daß man zuweilen zehn und mehr Laſten auf einen Zug fängt. Eine Laſt aber enthält zwölf Tonnen und die Tonne wenigſtens 1000 Stück, ſo daß alſo die Beute einer Nacht manchmal in 120,000 Stück beſteht.
Die holländiſche Häringsfiſcherei ſteht, obgleich ſie ſich in unſerem Jahrhunderte wieder gehoben hat, doch unter der früheren Höhe. Während dieſer Fang in der höchſten Entwickelung 450,000 Menſchen beſchäftigt, ſollen jetzt nur 112,000 Holländer mit dem Fangen und Ver packen des Härings zu thun haben.
Dagegen hat ſich, zufolge den engliſchen officiellen V
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Berichten(vergl. Chamber's Journal Juli 1856), der
Häringsfang in Schottland bedeutend gehoben. Der
Hauptſitz der ſchottiſchen Fiſcherei iſt Wick(nahe an der Nordoſtſpitze Schottlands, dem Cap Duncansbay). Wäh⸗ rend im J. 1820 nur 30,000 Tonnen gefangen wurden, füllt man jetzt jährlich ſaſt eine Million derſelben. Das zu dieſer Fiſcherei verwendete Betriebskapital wird auf drei Mill. Pfd. Sterl. geſchätzt. An der nordöſtlichen Küſte Schottlands bildet dieſe Fiſcherei den Hauptverdienſt der Bewohner. Man zählt über 9000 Boote und 68,952
Menſchen, die beim Fangen und Verpacken thätig ſind.
Und zwar arbeiten von dieſen 40,350 als Fiſcher, 1913 als Küper, 3730 Tagelöhner, 1127 Einſalzer und 21,832 Frauensperſonen als Ausweiderinnen und Verpackerinnen. Der Fang geſchieht an den Küſten Schottlands meiſt durch das Treibnetz, deſſen eines Ende am Boote befeſtigt iſt, während das andere an einem Anker oder an der Küſte haftet. Durch oben angeknüpfte Schwimmtonnen und durch unten befeſtigte Steine wird es in ſenkrechter Stellung erhalten. Nicht ſelten bedient man ſich aber hier auch des Schleppnetzes(beſonders an der Weſtküſte), deſſen eines Ende am Ufer befeſtigt iſt, während man das andere in einem Boote halbkreisförmig um die Meeres⸗ bucht führt. Die letztere Art des Fanges verurſacht weniger Koſten und Zeitaufwand. Eine Frau weidet durch je zwei Meſſerzüge in einer Stunde 1000 Stück aus. Je früher die Fiſche geſalzen werden, deſto beſſer erhalten ſie ſich. Der Fang, wie ihn die Schotten betreiben, iſt, ob⸗ gleich faſt nur in der Nähe der Küſte ausgeübt, keines⸗
wegs gefahrlos. Jährlich zählt man eine beklagenswerthe
Anzahl von Unglücksfällen. Am 18. Auguſt 1848 er⸗ tranken 100 Fiſcher, welche 400 Witwen und Waiſen hinterließen.
Was iſt nun wohl Urſache, daß die Engländer, die doch überall und namentlich auf der See, wo es Geld zu gewinnen gibt, mit aller Macht Koncurrenz erheben, noch immer in dieſem Geſchäfte, welches die Natur ihnen ge⸗ wiſſermaßen in die Hand gegeben, die Holländer nicht ausgeſtochen haben?
Zuerſt haben die ſchottiſchen Fiſcher keine bedeckten Boote, können alſo nicht, gleich den Holländern, in die offne See ſtechen, wo die Fiſche beſſer ſind. Aber warum ſchaffen die engliſchen Unternehmer, denen Kapitalien in Ueberfülle zu Gebote ſtehen, nicht Buyſen an? Da die engliſchen Zeitungen ſich ſelber darüber wundern und den Grund davon nicht einſehen, wollen auch wir uns mit der unbegreiflichen Thatſache begnügen. Zweitens gelten allgemein die holländiſchen Häringe für beſſer eingeſalzt und darum preiswürdiger. Dieſer auch von den Eng⸗ ländern anerkannte Vorzug rührt theils von dem beſſern Salze, deſſen ſich die Holländer bedienen, theils von der größeren Sorgfalt her, mit welcher die letzteren, vielleicht durch die ſtrenge Polizei⸗Aufſicht angeregt, das Einſalzen und Vexpacken betreiben. Die engliſche Regierung be⸗ ſtrebt ſich aber in neueſter Zeit, durch ihre Kontrole den ſchottiſchen Fiſchen gleiche Güte und Geltung zu ver ſchaffen; eine Fiſchereikommiſſinn(board of fishery) verbürgt durch einen in die Tonne gebrannten Stempel die gute Beſchaffenheit des Inhaltes.
Den Erfolg dieſes Wettrennens der Holländer und Engländer um den Vorrang in der Häringsfiſcherei müſſen wir abwarten. Jedenfalls ſind die erſteren durch ihren alten Ruf einſtweilen im Vortheile.
Verlag von Hugo Scheube in Gotha.— Verantwortl. Redacteur: Hugo Scheube in Gotha.— Druck von Gieſecke& Deorient in Leipzig.


