Jahrgang 
1857
Seite
83
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Dieſe Anſichten des Publikums aber, die wahrſchein⸗ lich aus den erſten Ausgaben von Raff's Naturgeſchichte, dem Hauptorakel der ſrüheden Generationen, ſtammen, ſind in ſo vielen weſentlichen Punkten irrig, daß es der Mühe werth erſcheint, die reine Wahrheit über die Lebensgeſchichte des ſtummen Gaſtes mitzutheilen.

Zuerſt iſt zu erwähnen, daß die eigentliche Heimath des Härings keineswegs das Polarmeer iſt, und daß er ſchon aus dieſem, wie aus andern Gründen nicht, wie vielfach geglaubt wird, eine Hauptſpeiſe des? Wallfiſches ausmacht. nördlichen Bezirke des atlantiſchen Oceans; ſein Vater⸗ waſſer(denn Vaterland kann man nicht ſagen) dehnt ſich ſüdlich bis zum Kanal aus. Im mittelländiſchen Meere findet er ſich nicht und wird daſelbſt durch die Sardelle vertreten. An die Küſten Grönlands verirren ſich nur ſehr einzelne Fiſche; auch ſah nie ein Seefahrer einen der Häringsſchwärme, die in der Nordſee ſo dicht erſcheinen, auf dem Her⸗ oder Hinzuge vor oder nach dem Eismeere. Aber dieſe Häringszüge können ſich ja in einer ſolchen Tiefe bewegen, daß ſie dem Menſchen verborgen bleiben, könnte man einwenden;ſie ziehen vielleicht das? Wandern im Dunkel der Meerestiefe deshalb vor, weil ſie hier ſich ſicherer fühlen vor den ien Schnapphähnen und Raubrittern, die ihnen auflauern? Dieſer Einwand wird beſeitigt durch den poſitiven Nachweis daß der Häring das ganze Jahr hindurch in den genannten Stri⸗ chen des atlantiſchen Meeres wohnt. Es werden in der Nordſee zu allen Jahreszeiten einzelne Häringe gefangen und friſchgebraten als L keckerbiſſen verſpeiſt, und gar häu fig trifft man daſelbſt Häringe im Magen von Raub⸗ fiſchen, welche in größeren Tiefen des Meeres gefangen wurden. Unſer Fiſch lebt demnach zu allen Jahreszei⸗ ten in der Nordſee, aber in ſolcher Tieſe, daß die ge woöhnlichen Fiſchernetze ihn nicht erreichen. So wie nun

Lachs und Hauſen zur Laichzeit aus dem Meere bergan ſteigen in die ſüßen Gewäſſer der Flüſſe, um Eier dort abzuſetzen: ſo macht der Häring ſeine Hochgeitsreiſe, indem er aus der Tiefe des Meeres, wo natürlich das Waſſer, da die kälteren und ſchwereren Waſſerſchichten hinunterſinken, kühler iſt, empor ſteigt zu den wärmeren, von der Sonne beſtrahlten oberen Schichten des Meeres. Dies iſt die Zeit, wo die Häringe in unzählbaren Schwär men an der O berfläche erſcheinen und ſich ſo d dicht zu ſammendrängen, wie eine gelagerte Schafheerde, ſodaß ſie icht ſelten ſich gegenſeitig die Schuppen abreiben.

Dieſer Wanderzug der Häringe von unten nach oben geſchiel ht nicht an allen Orten gleichzeitig. An den nörd lichſten Hebriden⸗Inſeln erſcheinen d ie Häringsſchwärme

im Mai, um Edinburgh im Sommer, in der Gegend des

Waſhbuf ens(an der Oſtküſte Englands) im Herbſt, in den weſtlichen Buchten Schottlands im Frühwinter, am nindeühf Auslaſſe des iriſchen Meeres, dem Nordkanale, in Frühling. Jedenfalls hängt die an verſchiedenen

Oerblichkeiten zu verſchiedenen Zeiten eintretende Laich zeit von der Temperatur des Meerwaſſers an den betref⸗ fenden Stellen ab; doch ſind unſeres Wiſſens exakte Beobaohtungen darüber nicht vorhanden.

Auf dieſen Laichzügen werden große Mengen unſerer Reiſenden von Raubfiſchen und Raubvögel n verſchlungen, doch fallen gewiß noch viel mehr den Menſchen als Beute zu. Man ſchätzt den Ertrag des geſammten jährlichen Häringsfanges, wohl nicht zu hoch, auf tauſend Millionen. Nur die anßerordentliche Fruchtbarkeit der Weibchen(der

Er iſt vielmehr ein ſtändiger Bewohner der

Rogen eines Härings enthält 20 40,000 Eier) erklärt die Thatſache, daß ſeit Menſchengedenken, während die Flußfiſche ſich in vielen Ländern ſo ſelten machen, daß man zur künſtlichen Fiſchbrut ſchreiten muß, die Zahl der Häringe ſich nicht vermindert hat.

An einzelnen Stellen des Meeres, ſelb ſt an ganzen Küſten ſind ſie freilich ſelten geworden. So ſcheinen einzelne Buchten. Schottlands und die ganze ſchwediſche Küſte, an denen es ſonſt von dieſen Hochzeitsreiſenden wimmelte, von der launigen Touriſtenſtrömung ordent⸗ lich in Verruf gethan zu ſein. Die betrübten Fiſcher erklären ſich dieſes bedauerliche Wegbleiben nicht etwa aus der ſchnöden Art, mit der ſie die einkehrenden Fremd⸗ linge ſchlimmer gebrandſchatzt haben, als es den Men⸗ ſchen im verrufenſten Hotel geſehieht(wer ſchreibt auch ein Unglück gern der eigenen Schuld zu?); ſie ſuchen vielmehr die Ablenkung dieſesFremdenverkehrs aus Urſachen abzuleiten, deren Unwal hrſcheinl lichteit auf d den erſten Blick einleuchtet. Hier ſoll eine ſtattgehabte See ſchlacht, dort das Schnauben und Toben der Dampf⸗ ſchiffe den Häringen ihre früh ere Einkehr verleidet haben, obgleich doch an andern Orten, wo whenföwiel Kanonen⸗ ſchüſſe dröhnen und Dampfer brauſen und plätſchern, die Laichzüge ſich nach wie vor vollzählig einſtellen. Vielleicht liegt die Urſache ſolchen Wegbleibens darin, daß an den verlaſſenen Stellen die Weichthiere, Fiſche und Krebſe, welche den Häringen als hauptſächliche Speiſe dienen, ſelten geworden ſind.

Ein Vorurtheil des Publikums iſt der weit verbreitete Glaube, daß die Holländer den Häringsfang ſo aus⸗ ſchließlich in den Händen haben, als den Anbau der Ge⸗ würznelken. Es mag dieſe Meinung die Nachwirkung der bekannten Thatſache ſein, daß zur Blüthezeit ihrer Seemacht die Holländer wirklich den Haringsfang, wenig⸗ ſtens den Häringshandel, faſt ausſc chließlich betrieben, und das Vorurtheil dadurch beſtärkt werden, daß man den Häring bei den Kaufleuten ſtets mit fetten Kreide⸗ buchſtaben als holländiſchen ausgeboten findet.

Zu allererſt wurde der Häringsfang von den Schotten

betrieben. Das Meer ſpülte ihnen die Beute der Netze ſo nahe an ihre Wohnorte, daß es nicht anders kommen

bounto, als daß ſie zuerſt die Häringsfiſcherei betrieben. Selbſt die Niederländer kauften dieſe Fiſche anfangs von den Schotten. Bald(angeblich ſchon vor dem 16. Jahr⸗ hundert) rüſteten aber die unternehmungsl uſtigen Holländer eigne Schiffe aus, betrieben damit in dem ſchottiſchen Meere den Fiſafang und ſchützten, als die Schotten gegen dieſen Eingriff in ihr Fiſchwaſſer Einſprache thaten, ihre Buyſen durch die ſie deNochendan Kriegsſchiffe. Aber erſt, als durch den Holländer Beukelszoon im Jahre 1386 das Linſaiz zen der leicht verderblichen Waare erfunden wurde, erlangte der Fiſch einen größeren Werth als Handelsartikel, und der Häringsfang wurde mit raſch ſteigendem Eifer betrieben. Im ſiebenzehnten Jahrhundert ſandte Holland jährlich über tauſend Buyſen in die ſchottiſche See, und über 400,000 Menſchen ſollen mit dem Fange, dem Einſalzen unb Verpacken dieſer Meeres⸗ beute beſchäftigt worden ſein. Ungemein große Geld⸗ ſummen ſtrömten dadurch Holland zu; Amſterdam iſt, dem Sprüchwort nach, auf Häringsgräten erbaut. Zu⸗ gleich erwarben ſich die Holländer auf dieſen Nnicht gefahr⸗ loſen Jagdzügen einen großen Theil der Seetüchtigkeit, die ſie für längere Zeit zu den gefürchteten Herrſchern des Meeres machte.