Jahrgang 
1857
Seite
70
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ohne vielfaches Drängen und Beeinträchtigen der gewohn⸗ ten Plätze abging.

Eben ſang die Gemeinde den Schlußvers, und der Prediger hatte bereits die Kanzel betreten, als in deren Nähe die Gläsfenſter eines Betſtübchens mit Geräuſch emporgeſchoben wurden und Julius in dem feſtlich geklei⸗ deten Herrn, welcher die Störung verurſachte, den Ober⸗

poſtrath erkannte. Derſelbe blickte mit einer ſtill zufrie⸗ denen Miene auf die Kopf an Kopf gedrängte Zuhörermenge zu ſeinen Füßen nieder und ſchien, wie der Phariſäer im Tempel, zu ſich ſelbſt zu ſprechen:Ich danke dir, Gott, daß ich mein eigenes bequemes, heizbares Betſtübchen be⸗ ſitze, daher auch nicht nöthig habe, mich ſchon vor Beginn des Gottesdienſtes einſtellen und mich drängen laſſen zu müſſen, wie dieſe armen Leute da unten.

Julius dagegen ertappte ſich bei dem Anblick des Ober⸗ poſtraths auf einer Regung des Neides und des Haſſes, daher er ſchnell ſein Antlitz hinweg und dem Prediger zu⸗ wendete, welcher über das Evangelium von dem reichen Mann und dem armen Lazarus predigte. Unwillkürlich wurde der Petſchirer dadurch wieder an den Oberpoſtrath erinnert, der an ihm, wie jener reiche Mann im Evan⸗ gelio an dem armen Lazarus, gehandelt hatte und gleichwol dort oben vor ihm mit ſeiner Frömmigkeit ſich brüſtete. Er warf ihm daher einen Blick zu, in welchem der Ober⸗ poſtrath das bittere Gefühl des von ihm abgewieſenen Petſchirers hätte leſen können, wenn jener dieſem Blick begegnet wäre. Wirklich hatte Schleier den Graveur be⸗ merkt und wieder erkannt, zugleich ihm aber auch ſein Gewiſſen, bewegt durch die eindringlichen Worte des Kanzelredners, ſeine Aehnlichkeit mit jenem unbarmher⸗ zigen Reichen vorgeworfen. Während am Schluſſe der Predigt der Petſchirer getröſtet ſich fühlte, ja ſogar ſich beglückwünſchte, daß er der arme Graveur und nicht der reiche Oberpoſtrath wäre, dem es wie allen Reichen ſchwer werden dürfte, einſt in das Himmelreich einzugehen, em pfand Schleier ein Mißbehagen und eine Unruhe in ſich, über deren Grund er nicht im Zweifel ſein konnte.

Erhoben und beruhigt verließ Julius das Gotteshaus. Da fühlte er plötzlich vor demſelben eine Hand auf ſeine Achſel ſich legen, und als er verwundert ſich umſah, er blickte er den Oberpoſtrath hinter ſich, welcher ihn mit freundlicher Stimme anredete:

Herr Pech? nicht wahr? Bemühen Sie ſich morgen früh um 9 Uhr noch einmal zu mir. Vielleicht daß wir wegen des Plätzchens in meiner Hausflur doch noch einig werden könnten. Feſt verſprechen kann ich's Ihnen freilich nicht. Alſo: auf Wiederſehen, Herr Pech!

Höchlich überraſcht und freudig blickte Julius dem Oberpoſtrath nach.

So iſt, ſprach er zu ſich ſelbſt,der gute Same des göttlichen Worts doch bei dem Oberpoſtrath nicht auf den harten Weg gefallen. Nun, wie Gott will!

Sie ſcheinen, ſprach des andern Tags Schleier zum Petſchirer,ein fleißiger Kirchengänger zu ſein. Ich ent⸗ ſinne mich jetzt, Ihr Geſicht ſchon oft vor mir während des Gottesdienſtes erblickt zu haben. Das iſt ein gutes Zeichen und empfiehlt Sie nicht wenig bei mir. Unſere jetzigen jungen Männer halten wenig auf's Kirchengehen, ausgenommen den Frauenzimmern zu Liebe. Darum mangelt ihnen die Gottesfurcht, und der ſträfliche Leicht⸗

ſinn greift immer weiter um ſich. Wenn Sie ſich als einen reputirlichen Mann, ohne Schulden und ohne Schwindeleien ausweiſen können, ſo will ich Ihnen den gewünſchten Platz in meiner Hausflur gegen einen Mieth⸗ zins von jährlich 60 Thalern überlaſſen, der ſelbſtver⸗ ſtändlich vierteljährig voraus zu entrichten iſt.

Sechszig Thaler für ein ſo kleines Plätzchen in der kalten, zugigen Hausflur, entgegnete Julius,iſt viel, ſehr viel, Herr Oberpoſtrath, zumal für einen jungen Anfänger ohne alle Kundſchaft. Würden Sie ſich nicht mit 40 oder höchſtens 45 Thalern begnügen? Wenigſtens für das erſte Jahr?

Nicht einen Heller weniger, erwiderte Schleier. Der Kunſthändler Dings da hat mir ſchon 100 Thaler geboten, und ich bin nicht darauf eingegangen. Entſchließen Sie ſich bald, bevor meine gute Laune wieder verfliegt.

Nach einigem Beſinnen machte Julius Richtigkeit. Er brachte den geforderten Ausweis über ſeine Perſon und ſeine Verhältniſſe bei, bezahlte ein Vierteljahr Miethe voraus und richtete ſich in der Hausflur ein, wo er dicht an der offenen Hausthüre ſeinen Sitz und Stand einnahm. Zunächſt war Julius darauf bedacht, einen hübſchen Vor⸗ rath von Petſchaften anzufertigen, die er vorn auf ſeinem Tiſchchen zur Schau auslegte, ſo wie er auch die davon genommenen Siegelabdrücke auf einer grün überzogenen Papptafel aufhing. Julius bekam nunmehr reichliche Gelegenheit, alltäglich ſehr viele Menſchen jeden Alters,

Geſchlechts und Standes in ſeiner dichten Nähe verüübe. 9

ziehen zu ſehen, namentlich in den Mittagſtunden, w die vornehme und ſchöne Welt die Schloßgaſſe auf und nieder zu wandeln pflegte. Es gab der ſchönen, hübſchen und anziehenden Mädchengeſichter ſehr viele darunter, welche einem jungen Manne den Kopf wie das Herz warm machen konnten. Allein deshalb hatte Julius den theuern Platz in der Hausflur nicht gemiethet und ſeine Kunſt nicht erlernt, um, anſtatt auf das Metall und den Stein unter ſeinen Händen, nach verführeriſchen Schönen zu ſehen, die ohnehin den armen Petſchirer keines Blicks würdigten und für ihn nicht geſchaffen waren. Daher verwendete er bald kein Auge mehr von ſeiner Arbeit und grub mit dem ſcharfen Grabſtichel ſo eifrig in den ſpröden Stoff, als wäre keine Außenwelt für ihn da.

Wenn nur der erſte Kunde ſich herbeigefunden hätte dachte Julius unabläſſig. Allein es verſtrich die ganze Woche, ohne daß ſich dieſer Wunſch erfüllte. Traurig trug er am Sonnabend Abend ſeinen Stuhl und ſein Tiſchchen in die Hausmannswohnung, um beides daſelbſt in Verwahrung zu geben, eine Vergünſtigung, die ihm nicht ohne klingende Entſchädigung zugeſtanden wor⸗ den war.

Julius Pech war eine Waiſe und beſaß nur noch zur einzigen Verwandten ſeines Vaters Stiefſchweſter, welche von den Zinſen eines mäßigen Vermögens in der Reſidenz lebte und dem jungen Mann eine zweite Mutter geworden war. Sie tröſtete denſelben, als er über den ſchlechten Erfolg ſeiner begonnenen, ſelbſtſtändigen Künſtlerlaufbahn kleinmüthig ſich bezeigte, und ermahnte ihn, ſein Vertrauen auf Gott zu ſetzen und ſolches am Sonntage wieder in der Kirche befeſtigen zu laſſen. Solches hätte der junge Mann ſchon von ſelbſt gethan.

(Fortſetzung folgt.)

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