Jahrgang 
1857
Seite
71
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Die Wintergärten.

Von Hermann Jäger.

Erſter Artikel.

Die Sehnſucht aus dem kalten, düſtern Bereiche unſers nordiſchen Winters nach den immer grünen, ſon⸗ nigen Gefilden des Südens iſt unter den Bewohnern des kalten Erdtheils vielleicht ſo alt als die Kenntniß, daß es anderwärts eine ſchönere glücklichere Natur gibt, nie be⸗ rührt von dem eiſigen Hauche des Winters. Die Sage vom verlorenen Paradies beruht großentheils auf dieſer Sehnſucht, und faſt alle Völker erblicken im Spiegel des Glaubens einen ewig grünen Garten als Ort der Seligen. Zugvögel, gehen jetzt, wo das Reiſen ſo leicht und bequem gemacht iſt, nach Italien und andern Südküſten Europa's, wol auch nach Egypten, Algier und Madeira. Wenn erſt die Eiſenbahn über die Landenge von Suez fertig iſt, wird man auch nach Oſtindien reiſen, um an den Ufern des Ganges und Indus wirklich unter Palmen zu wan⸗ deln. Andere Wohlhabende ziehen den ſchönen Süden in ihr Haus und legen ſich in ihrer Wohnung oder nahe dabei einen ſogenannten Wintergarten an, um beque⸗ mer undungeſtraft unter Palmen wandeln zu können. Aber auch uns andern Menſchenkindern, die wir nicht zu

⸗jenen Begünſtigten gehören, wird hie und da Gelegen⸗ heit geboten, aus der Herrſchaft der Winterkälte in die herrlichen Räume eines Wintergartens zu flüchten und dort ſogar in geiſtigen und leiblichen Genüſſen zu ſchwel⸗ gen; denn die Speculation hat in vielen großen Städten Wintergärten für das Publikum eröffnet.

Die Wintergärten ſind keine neue Einrichtung, aber erſt der Neuzeit war es möglich, wirkliche, natürliche Nachahmungen tropiſcher Landſchaftsbilder in's Leben zu rufen. Erſt mußte die Gärtnerei einen ſo hohen Stand⸗ punkt einnehmen wie jetzt; die Technik mußteKryſtall⸗ paläſte herſtellen und ihre Erwärmung möglich machen; Gärtner mußten ſelbſt jene glücklichen Gegenden geſehen haben, deren Pflanzen ſie naturgemäß ziehen wollten; die höhere Gartenkunſt mußte auch hier eingreifen und maleriſch gruppiren lehren. Es mußte erſt ein Alexander von Humboldt aufſtehen und mit dem friſchen poetiſchen Pinſel ſeiner Schilderung die Landſchaft fremder Zonen in den herrlichſten Farben malen, um das Verlangen nach ähnlichen Genüſſen zu erwecken. Ein Martius mußte ſeine Phyſiognomie des Pflanzenreichs in Braſilien und die Braſilianiſche Reiſe mit wirklichen Bildern ſchmücken und ein F. H. von Kittlitz ſeine Vegetations⸗ anſichten aus dem ſtillen Ocean zeichnen und bekannt machen. Alles dieſes mußte vorausgehen, um aus den Wintergärten das zu machen, was ſie geworden ſind: ein ideales Bild tropiſcher Pflanzennatur, ein Mittel, den Winter unter Palmen zu vergeſſen.

Die erſten Spuren der Wintergärten finden wir ſchon bei den Römern in den ſogenannten Adonisgärten. Doch beſtanden dieſe nur in einem beſchränkten Raume und waren höchſtens Das, was man jetzt ein Blumenzimmer nennt. Dieſſeits der Alpen berichtet die Sage zuerſt von dem Wintergarten Albert des Großen(Albertus Magnus, der berühmteſte Gelehrte ſeiner Zeit, Vorſteher der Schule zu Köln), worin er am 6. Januar 1249 dem König Wil⸗ helm von Holland, als dieſer zum Römiſchen Kaiſer ge⸗

Viele Reiche entfliehen dem Winter wie die 1 3 zu wiſſenſchaftlichen Zwecken zog, ein angemeſſenes Klima

krönt war, ein Feſt unter blühenden Bäumen und fremden

Gewächſen in den Räumlichkeiten des Dominicanerklo⸗ ſters?*) gab, und welcher Garten ihn in den Ruf eines Zauberers brachte. Seit der Einführung der großen

Drangerien in den nordiſchen Ländern im 16. und 17.

Jahrhundert, noch mehr aber ſeitdem tropiſche Pflanzen aus entlegenen Welttheilen nach Europa gebracht wur⸗ den, ſind Gewächshäuſer ein Gegenſtand des Vergnügens der Großen geworden, und es entſtanden Gebäude, welche nicht nur den Zweck hatten, fremden Pflanzen, die man

zu verſchaffen, ſondern förmliche Wintergärten, in denen man ſich auch im Winter den Genuß der ſchönen Jahreszeit zu verſchaffen ſuchte. Sie wurden meiſt mit großem Luxus erbaut und ausgeſtattet. Einige derſelben enthielten die ſel⸗ tenſten Gewächſe, beſonders Palmen, die aus ihrem Vater⸗ lande mit bedeutenden Koſten geholt wurden; andere waren blos Orangerien, die in glänzenden Sälen aufgeſtellt waren. Der erſte eigentliche Wintergarten, welcher dieſen Namen führte, entſtand in dem Lande, wo der Winter am fühlbarſten und daher die Sehnſucht nach Naturgenuß am ſtärkſten iſt, in Rußland. Der Schöpfer derſelben war der bekannte Günſtling der Kaiſerin Catharina II., Fürſt Potemkin. Dieſer Wintergarten lag am Tauriſchen Palaſt in St. Petersburg und war ſo groß, daß ſpäter ein Bataillon Soldaten in dem leeren Gebäude exerzieren konnte. Die Länge des Saales, welcher durch rieſige, zwiſchen den Säulen angebrachte Fenſter erhellt wurde, betrug über 600 Fuß. Die Mittelſäulen im Saale ſelbſt hatten das Anſehen von Palmenſtämmen und verliefen oben in einer an die Decke gemalten Wedelkrone. Zahl⸗ reiche Kieswege wanden ſich durch blühende Gebüſche und Alleen, blühenden Obſtbäumen über kleine Hügel und führten zu Felſen und Grotten, verſteckten Lauben und Baſſins mit Goldfiſchen. Zahlreiche Spiegel warfen die Decoration zurück und ließen den Saal endlos erſcheinen. Ueberall waren prächtige Werke des Meiſels, Statuen, Vaſen u. ſ. w. aufgeſtellt, darunter in der Mitte des Saales die Statue der großen Kaiſerin aus carariſchem Marmor. Potemkin gab in dieſem Wintergarten die glän⸗ zendſten Feſte. Den prachtvollſten Eindruck machte es, wenn Tauſende von Kerzen einen wunderbaren Glanz verbreite⸗ ten. Herrliche Muſik und balſamiſche Düfte vollendeten den Zauber, welcher jeden Beſucher umfing. Der Saal war aber ſeiner Einrichtung nach für die Pflanzen höchſt unzweck⸗ mäßig, und die damit in Verbindung ſtehenden Gewächs⸗ häuſer konnten kaum die entſtehenden Lücken ergänzen und nur an gewiſſen Tagen die geſchilderte Pracht entfalten. Der Wintergarten am Tauriſchen Palaſt ging nach Potem⸗ kins Fall ein; es iſt aber neuerdings ein anderer pracht⸗ voller und zweckmäßigerer dort eingerichtet worden. Potemkins Beiſpiel fand bald Nachahmung. Wenige Jahre nachher legte der prachtliebende Herzog Karl Eugen von Württemberg den erſten Wintergarten in Deutſch⸗ land an, nämlich in ſeiner Reſidenz Ludwigsburg.

*) Ich habe dieſe Sage zu einem Märchen benutzt, welches ſeiner Zeit in dieſen Blättern erſcheinen ſoll.