Jahrgang 
1857
Seite
68
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Das Leben der Thiere im Verlauf der Jahreszeiten. Februar.

Bei gelinder Witterung erwachen hier und da die Fleder⸗ mäuſe aus dem Winterſchlafe. Füchſe, Iltiſſe, Steinmarder, Katzen ranzen; die Haſen fangen an zu rammeln; die Hühner und Gänſe legen Eier; Habichte, Spechte, Schwäne ziehen durch. An ſonnigen Tagen ſingt die Amſel oder Schwarzdroſſel, die einzige unter allen Droſſeln, die ihren Wohnort im Winter nicht verändert, und ſchon kommt der gemeine Finke oder Buchfinke an, gewöhnlich das Männchen einige Tage vor dem Weibchen. So auch kommen, früher oder ſpäter, je nachdem die Witterung fällt, die weggezogenen Hänflinge, der rauhbeinige Falke, die Miſtel⸗ droſſel, die Feldlerche, welche uns bei gelinder Witterung gleich nach ihrer Ankunft mit ihrem Geſange erfreut, die Baumlerche, der gemeine Staar, die Ringel⸗ und Holztaube und die Wald⸗ ſchnepfe, die in gelinden Wintern gänzlich bei uns bleibt. In der letzten Woche des Februar kommt auch oft das Ackermännchen oder die weiße Bachſtelze. Elſtern, Krähen und Miſteldroſſeln paaren ſich. Der Lachs zieht ſich aus dem Meere, worin er ſein Wachsthum erlangt, nach den Strömen hinauf, in denen er ge⸗ boren ward, und verrichtet dieſe Züge in großer Geſellſchaft.

Eine Nacht in den Niederalpen. Der Himmel bewahre Euch davor, jemals eine Nacht in den Schluchten der Alpen her⸗ umirrend zubringen zu müſſen, eine Nacht, die kein Stern erleuch⸗ tet, wo der Sturmwind durch die Bäume brauſt und ſich ſein To⸗ ben mit dem Geheul der Wölfe und dem Getöſe der Sturzbäche vermiſcht.

Die Bruſt ſeufzt unter der ſchweren, ſtets wachſenden Angſt. Der Kopf brennt; die Gedanken verwirren ſich und die Sinne vergehen; der feuchte Hauch des Mundes gefriert auf den Lippen zu Eis. Und dann die Furcht in dieſer endloſen Einſamkeit! Möget Ihr auch dem Tode ſchon keck in's Auge geſchaut haben, hier wandelt Euch dennoch die Furcht an; denn unter Euren Füßen kann ſich ein Abgrund öffnen, noch einen Schritt, und es verſchlingt Euch ſein weit geöffneter Schlund. Aber dennoch hütet Euch, ſtill zu ſtehen, denn der fallende Schnee würde Euch in ein eiſiges Leichentuch hüllen, daß Euer Blut erſtarren, Euch langſam in eine ſanfte Betäubung einwiegen würde; Ihr würdet fühlen, wie Euer Daſein allmälich entſchwindet und aufhört. Eine ſolche Angſt und Marter ſtand ein Reiſender aus, der ſich 1793 in einer wilden Gegend der Niederalpen verloren hatte; ſchon ſeit dem Morgen irrte er umher und hatte ſpät am Abend noch keine Spur einer menſchlichen Wohnung gefunden. Die Nacht brach herein, er ſetzte ſich, von Müdigkeit er⸗ mattet, vom Hunger gepeinigt, ohne Hoffnung auf Errettung ſich dem Tod ergebend. Aber plötllich entreißt er ſich dieſer Er⸗ ſchlaffung, muthig erhebt er ſich und ſetzt ſeinen Weg weiter fort. Nachdem er eine Stunde zurückgelegt, während welcher er mehre Mal in die Tiefe der Abgründe geſtürzt ſein würde, wenn er ſich nicht an die Zweige von Sträuchern angehalten hätte, die er an ſeinem Wege fand, verließ ihn abermals ſein Muth, und auf Alles gefaßt, legte er ſich auf ein Felsſtück nieder.

Welch leiſer, unbeſtimmter Ton ſchlägt da an ſein Ohr? O welches Glück! es iſt das Geläute eines Glöckchens; der rettende

Der Himmel bewahre Euch davor; denn ſchneidende Kälte zieht die Glieder zuſammen und dringt durch alle Gebeine.

Was heliebt.

Laut kommt näher, und endlich ſieht er einen Hund, von einem Ordensbruder gefolgt, vor ſich ſtehen.

Der Mönchbrachte ihn in ſein Kloſter, wo er durch die Sorgfalt der Mönche, durch ein ſtärkendes Abendbrot und die wohlthätige Flamme des Kamins bald die Gefahren der Nacht vergaß und mit den Kloſterbrüdern eine trauliche Unterhalung begann. Er äußerte ſein Erſtaunen, hier an einem ſolchen Orte ein wie durch ein Wun⸗ der erbautes Kloſter zu finden, da, wo man es nicht für möglich halten würde, auch nur eine Hütte zu bauen.

Aber die Mönche, welche von der Erſchöpfung und dem fieberhaften Zuſtande ihres Gaſtes üble Folgen befürchteten, verſprachen ihm, morgen alle dieſe Fragen beantworten zu wollen, und brachten ihn in ein bequemes Schlafzimmer, deſſen Annehmlichkeit durch das Toben des Windes und das Geheul der Wölfe nur noch erhöht wurde.

Als der Reiſende am folgenden Morgen erwachte und die reine, friſche Gebirgsluft einathmete, entfaltete ſich ein wunder⸗ bares Schauſpiel vor ſeinen Augen. Die Sonne ging eben auf und übergoß mit ihrem Purpurglanze einige Häuſer, deren weiße Mauern von der glühendrothen Grundfarbe der himmelhohen Kalkfelſen glänzend abſtachen.

Mitten in dieſen Felſen, in einer ungeheuren Schlucht, ſah er eine kleine Pforte und eine dunkle Felſentreppe, die zum Kloſter führte.

Zwei hohe ſpitze Berge ragten über Alles dies empor, ihre Gipfel wurden durch eine einſame, etwa 250 Fuß lange Kette verbunden, in deren Mitte ein fünfeckiger Stern hing. Noch be⸗ trachtete der Gaſt voll Verwunderung und Neugier dieſe merk⸗ würdige Kette, als der Mönch, der ihn am vorigen Tage aufge⸗ funden hatte, zu ihm eintrat.

Dieſer Ort, ſprach er, der Frage ſeines Gaſtes zuvor⸗ kommend,dieſer Ort heißt Wouſtiers; der Stern, den Sie in⸗ der Mitte der Kette gewahren, iſt das Wappen der Grafen Blacas. Im Jahre 1215 nämlich that ein Graf dieſes Hauſes, der während der Kreuzzüge in Paläſtina gefangen worden war, ſeiner Schutzpatronin, unſerer Liebfrauen von Beauſſez, das Gelübde, ihr, wenn er aus der Sklaverei befreit würde, eine goldene Kette zu weihen, welche dieſe beiden Felsſpitzen verbände, zum Andenken an die eiſerne, welche er bei den Ungläubigen ge⸗ tragen hatte. Er kam wirklich aus der Gefangenſchaft zurück und wollte nun ſein Gelübde erfüllen; allein die Ordensbrüder von Wouſtiers ſtellten ihm vor, daß eine ſo reiche Gabe, auf unzu⸗ gänglichen Felſenſpitzen angebracht, die Habſucht vieler Leute reizen und ihr Unglück werden könnte, und daß es daher gewiß zweckmäßiger ſei, den Betrag dafür zu guten Werken zu ver⸗ wenden und ein Hoſpitium zu bauen. Der edle Ritter folgte dem Rathe der frommen Väter und begnügte ſich, eine eiſerne Kette zwiſchen den beiden Felsſpitzen aufhängen zu laſſen.

Ein haarloſes Pferd. Herr Stieglitz zeigt gegenwärtig dem Wiener Publikum ein überaus ſeltenes, nacktes Pferd, das am Körper vollkommen haarlos iſt und keine Spur von Schwanz und Nackenmähne, ja ſelbſt von Augenwimpern zeigt, wodurch es ſich von allen bekannten Pferderacen unterſcheidet. Die Schön⸗ heit und Zierlichkeit der Formen dieſer echt orientaliſchen Stute, die Zartheit und Feinheit ihrer grauen, von röthlichem Schim⸗ mer überflogenen und wie Sammet ſich anfühlenden Haut, welche lebhaft an die amerikaniſchen Hunde erinnert, geben ihr einen eigenthümlichen, ſchönen Anblick. 4

Verlag von Hugo Scheube in Gotha. Verantwortl. Redacteur: Hugo Scheube in Gotha. Druck von Gieſecke& Deorient in Leipzig.