Jahrgang 
1857
Seite
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fenen, äußerſt reinlich gehaltenen Häuſer in langen Gaſ⸗ ſen hinaus, doch nicht, ohne daß jedes einzelne ſich mit einem heitern Garten umfriedete. Er bildet überall zu dem grünen Wieſengrunde des Thales, zu der dunkeln Tannenwaldung der Nachbarhöhen den duftigen und bun⸗ ten Gegenſatz. La Chaux⸗de⸗Fonds iſt faſt doppelt ſo ſtark bevölkert, als die ariſtokratiſche Hauptſtadt; denn es hat über 12,000 Einwohner. Eine eigenthümliche, oval ge⸗ baute Kirche mit kunſtvoll gewölbter Decke vereint die Ein⸗ wohner zum Gebet, während ein höchſt elegantes Caſino ihren geſellſchaftlichen Sammelpunkt bildet. Außerdem findet ſich eine Menge von anſehnlichen öffentlichen Gebäu⸗ den und gemeinnützigen Anſtalten; die Grundſprache iſt zwar franzöſiſch, doch ſteht faſt gleich berechtigt das Deutſche daneben, und man hört beides mit gleicher Fertigkeit, letzteres ſelbſt meiſtens mit weniger ſtarkem ſchweizeriſchen Accent geſprochen, als anderwärts.

Die Alhrenfabrikation.

Daß La Chaux⸗de⸗Fonds und LeLocle die großartigſte Uhrenfabrikation beſitzen, bedarf wol kaum der Erwäh⸗ nung. Man ſagt, ſie verbreiteten zuſammen alljährlich mehr denn 120,000 Stück Uhren über die Erde, deren Geſammtwerth 12 Mil. Francs erreiche, während die einzelne Uhr am Platze von 5 Francs bis auf 6000 Francs verſchieden am Werthe iſt. Ungefähr um dieſelbe Zeit, wo in Deutſchland auf dem Schwarzwalde die Fabrika⸗ tion der Holzuhren ihren Anfang nahm, wurde die der Taſchen⸗, alſo Metalluhren von Richard hier eingeführt. Die Herſtellung geſchieht, wie bei aller Fabrikation, durch Theilung der Arbeit. An einem beſtimmten Rädchen, ja vielleicht nur an den Zacken ſeines Kammes verfeilt ein Menſch ein ganzes Leben; der andere ſtellt nur ein be⸗ ſtimmtes Stiftchen her; der dritte eine Schraube u. ſ. w. Dieſe einzelnen Theile werden dann von einem andern Ar⸗ beiter ſortirt, ein dritter hat einen gewiſſen Theil der Zu⸗ ſammenſetzung zu machen, ein vierter einen andern u. ſ. w., bis endlich das ganze Werk zuſammengeſtellt iſt, und nun an diejenigen Arbeiter kommt, welche die erſte gröbere Regu⸗ lirung zu beſorgen haben. Aber auch die Kapſeln und Deckel der Uhren werden hier in ähnlicher Arbeitstheilung aus den roheſten Anfängen bis zur feinſten Vollendung der Ciſelirung des Gehäuſes gefertigt. Selbſt die Edelſteine, auf denen die feineren Uhren laufen, empfangen hier den für ihren Zweck nothwendigen Schliff; und ſogar die Ma⸗ ſchinen und Werkzeuge, welche für all dieſe ſchwierigen und feinen Arbeiten nothwendig ſind, gehen aus den kunſt⸗ reichen Händen der Bewohner des Hochthales hervor.

Wir ſind es gewohnt, wenn wir an Fabriken denken, uns überfüllte Säle vorzuſtellen, vertheilt in kaſernenar⸗ tige Gebäude, belebt von jenen grauen, kränklichen Ge⸗ ſtalten, die bei kümmerlichem Brote ein düſteres Daſein gedankenlos hinſchleppen. Letztere bemerkt man am Hoch⸗ thale von La Chaux⸗de⸗Fonds nirgends. Aber auch die Induſtriecaſernen ſind nur ganz einzeln vorhanden. Ge⸗ wöhnlich haben nämlich die großen Unternehmer ihre Ar⸗ beiter weit verſtreut im Flecken wohnen. Jeder derſelben hat für den beſtimmten Uhrentheil, den er liefert, die Werkſtatt in ſeinem Privatlogis. Da nun die Herſtellung jedes Theiles wieder durch gewiſſe Vortheile vervollkomm⸗ net werden kann, ſo iſt es natürlich, daß der beſonders geſchickte Verfertiger, z. B. eines beſtimmten Stiftes, ſehr

bald von den verſchiedenen Unternehmern bedeutende Lie⸗ ferungsaufträge erhält, für ſeine Arbeit verhältnißmäßig höhere Preiſe bedingen kann und ſo in den Stand geſetzt wird, die Bearbeitung des von ihm herzuſtellenden Uhren⸗ theiles wiederum zu theilen. Das heißt, er hält auf eigene Koſten Arbeiter für jeden einzelnen Handgriff und ſchafft ſich dadurch gewiſſermaßen ſelbſt wieder die Stellung eines Manufacturherrn in kleinem Maßſtabe. Mit Fleiß und Glück gelingt dann wol die weitere Ausdehnung des Ge⸗ ſchäfts, und ſo kommt es hier öfter als anderswo vor, daß ein einfacher Fabrikarbeiter als Fabrikherr und Arbeit⸗ geber für Viele ſein Leben endet, ohne doch jemals eine ganze Uhr aus ſeiner Werkſtätte hervorgehen zu ſehen.

Von La Chaux⸗de⸗Fonds nach Locle iſt es anderthalb Stunden. Dieſer ganze Weg läuft ununterbrochen zwiſchen hübſchen Häuſern hindurch, bis man den ſtäd⸗ tiſch gebauten Marktflecken in einem breiten Wieſenthal erreicht. Auch ſeine 6,800 Einwohner beſchäftigen ſich vorzugsweiſe mit Uhrmacherei und Gold⸗ und Silberar⸗ beiten, jedoch nicht ſo ausſchließlich, als jene von La Chaux⸗ de⸗fonds. Denn dort treten noch Spitzenklöppelei und Handſchuhfabrikation hinzu. Das Leben von Locle unter⸗ ſcheidet ſich in ſeinen äußern Erſcheinungen nicht weſent⸗ lich von dem von La Chaux⸗-de⸗fonds. Dieſelbe Beweglich⸗ keit der aufgeweckten und durchſchnittlich wohlhabenden Bevölkerung, dieſelbe Intelligenz und auch dieſelbe ſchöne Sorge für Schulen und Erziehungsanſtalten, welche meiſtens durch Privatmittel hergeſtellt werden. Locle ſo⸗ wol, wie La Chaux⸗-de⸗fonds ſind die Geburtsorte vieler ausgezeichneter Künſtler. Ducommun, der Herſteller eines wunderbaren Planetariums, lebt noch jetzt in Chaux⸗ de⸗fonds; die beiden berühmten Mechaniker(Automaten⸗ verfertiger) Droz Vater und Sohn waren dort geboren und verbrachten dort den größten Theil ihres Lebens.

Von Locle bis an die franzöſiſche Grenze ſind es nur wenige Minuten. Der Weg dorthin führt über den Grenzfluß Doubs, dann über Morteau nach Beſangon. Nach dem Doubs ſtrömt nun das kleine Flüßchen Bird, welches in der Nähe der wohleingerichteten und viel be⸗ ſuchten Bäder von Combe⸗Girard entſpringt und früher den untern Theil des Thales von Locle zu einem unge⸗ ſunden Sumpfe machte, wenn auch ſein Abfluß, in eine Felsſpalte ſtürzend, drei unterirdiſche Mühlen mit Waſ⸗ ſer verſorgte. Allein dieſer Abfluß genügte nicht, und ſo wurde zu Anfang dieſes Jahrhunderts durch den einige Minuten von den Mühlen entfernten Felſen Cül de Ro⸗ ches ein 850 Fuß langer Tunnel gegraben, welcher das Waſſer in den Doubs leitet. Dadurch iſt für das Thal von Locle auch noch neuer trockener Boden gewonnen, deſſen Mangel eben die frühere Ungeſundheit der Luft erzeugte.

Um von Locle zurückzukommen nach dem Neuenburger See, braucht man nicht die Straße zu verfolgen, die wir hierher wanderten, ſondern kann, freilich mit einem wenig intereſſanten Anfange, der nichtsdeſtoweniger einigerma⸗ maßen beſchwerlich iſt, in direct ſüdlicher Richtung nach Travers kommen, deſſen Landſtraße nach Neuchatel über einige intereſſante Punkte führt. Hier nämlich gelangen wir in ein Hochthal, wo die Uhrmacherei zwar nicht ver⸗ geſſen iſt, doch aber zurücktritt gegen die Fabrikation von Liqueuren, beſonders Abſynth, Käſen und anderen länd⸗ lichen Producten. Namentlich das Ende des Weges bei Corcelles und Lercheux eröffnet dann eine wunderſchöne Ausſicht auf den See, den man unfern der herrlichen Brücke von Serrisres wieder erreicht.