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und den der Herr aufnehmen wollte, fiel ſeiner älteſten man hörte an der Altmühl nichts mehr von ihm, bis zu
we Stiefſchweſter zu, die jenſeits der Altmühl in Laubenzedel gerinicht weit von Mooskorb an einen Weber verheiratet
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war. Da mußte er, als er etliche Jahre hinter ſich hatte, das Spulrädchen drehen und, wenn das Garn zum Ein ſchlag nicht mehr reichen wollte, dahin und dorthin gehen und den nöthigen Nachtrag holen, wobei er hin und wie der von den Bäuerinnen Reden verſchlucken mußte, welche der Ehrlichkeit der Weberzunft zu nahe traten und an das alte fränkiſche Spottliedlein erinnerten:
Weberlein, Weberlein, wick, wick, wick!
Um einen Kreuzer Galgenſtrick,
Um einen Kreuzer türkiſch Garn
Muß der Weber in d'Holl' nein fahrn.
Auf einem ſolchen Geſchäftsgang kam er auch nach Wald, wo gerade nach geendigter Chriſtenlehre die Früchte einer milden Stiftung, neugebackene Wecken in verſchie denen Formen, unter die Armen und Kinder vertheilt wurden. Er war aber in der Kirche getauft worden, an deren Pforte dieſes geſchah, und deswegen ſtreckte er auch ſeine Hand nach einer Gabe aus. Aber der geſtrenge Kirchenpfleger ließ weder Geburt noch Taufe gelten und wies ihn ab, und noch dazu mit einem harten Wort. Als er beſchämt ſeine Hand zurückzog und traurig über den Kirchhof hinging, fiel ihm eine Thräne auf das Grab ſeiner Mutter am Weg.
Oeſto beſſer erging es ihm in Gunzenhauſen. Dort diente ſeine jüngere Stiefſchweſter in dem Hauſe des Bürgermeiſters, und ſo oft er an den Sonntagen nach der Chriſtenlehre ſie heimſuchte, theilte ſie mit ihm die zwei großen Nudeln, die ſie als Abendbrot bekam. Aber die Bürgermeiſterin hielt es anders, als der Levit an der Kirchthüre in Wald. Sie nahm, als ſie die Schweſter treue ihrer Magd gewahrte, das Sonntagsdeputat auf ihren Etat, und man will wiſſen, daß er die erſte Ecknudel in ſeinem Leben aus ihrer Hand bekam.
Der Kirchenpfleger und dieſe Samariterin hinterließen von zwei entgegengeſetzten Seiten her tiefe Eindrücke in der Seele des Waiſenknaben.
Anfang der zwanziger Jahre des laufenden Säculums ein Mann nach Gunzenhauſen kam.
Der war ſo fremd und ausländiſch in ſeinem ganzen Weſen und doch auch wie zu Hauſe. Er fand, ohne zu fragen, die Seitengaſſen und Ausläſſe, durch die man am bequemſten aus dem Städtlein ins Freie gelangt; durch die großen Lachen, zwiſchen denen Laubenzedel und die Schlungenhöfe liegen, traf er die Wege ſo ſicher, als hätte
ter dort herum ſein ganzes Lebenlang die jungen Gänſe
gehütet, und die Schleichwege durch die Hecken und Gärten von Wald und Mooskorb waren ihm ſo bekannt, wie den Ortseingeſeſſenen, die auf ihnen zu Felde gingen und wieder heim, während die Andern beim Fuhrwerk auf dem Sattelgaul oder auf der Deichſel ſitzend durch den ellen⸗ hohen Koth der Fahrwege kamen. Erkundigte er ſich aber nach den Dingen in Laubenzedel oder nach den Leuten, die dort waren oder noch ſein konnten, ſo zeigte es ſich, daß er da und dort eben ſo bekannt war, wie weiland Büſching— der in einer Gedächtnißrede der Caſtellan von Europa ge⸗ nannt wird— in unſerem Erdtheil von oben bis unten aus.
Endlich als der Mann erfragt hatte und wußte, was er erfragen und wiſſen wollte, durchbrach er das Incognito, womit mehr als fünfzig Jahre ihn umgeben hatten, und bewies Allen, die es wollten, er ſei derſelbe Johann Michael Sichlinger, der als armer Leute Kind ohne Wecken ge tauft, von den Leviten in Wald als Ausländer tractirt, von der Bürgermeiſterin als Nächſter geſpeiſt, von dem Gott der Sperlinge bis nach Paris ſpedirt, von der Re
volution und dem Kaiſer der Franzoſen zu einem Pro
Aus dem Knaben aber wurde ein Jüngling, aus dem
Lehrling am Spulrad ein Geſell, und dieſer kam, nach dem er in Pfofeld und Ansbach längere Zeit gearbeitet
hatte, mit einem wandernden Collegen in das Weichbild
von Frankfurt am Main. Da hatte er nicht mehr, als einen einzigen einſamen Groſchen im Säckel, als er durch das offene Thor in die Stadt hineinſchaute. Auch hing ſchon vor demſelben am Wachthauſe eine große Tafel, und auf derſelben ſtand mit nagelneuen Buchſtaben geſchrie ben:„Das Fechten iſt bei Strafe verboten.“ Aber er ließ ſich doch nicht abſchrecken, und wenn es ihm auch nicht ganz ſo leicht ums Herz war, wie den deutſchen Kaiſern, die hier zu ihrer Krönung einzogen, ſo tröſtete er ſich doch mit dem Worte:„Ihr ſollt nicht ſorgen“, das auch in der
Kaiſerſtadt hundertfältig auf den Gaſſen herumhüpfte und
auf den hohen Giebeldächern zirpte. Seinem Reiſe geſährten fiel das Herz zu dem verlaſſenen Groſchen in der Hoſentaſche, und er kehrte um.
Unſer Held dagegen kam zwei Jahre darauf nach Paris und ward nach und nach unter ſeinen Hausgenoſſen und nächſten Nachbarn als Jean de Mooskorb bekannt, da der Name Sichlinger für franzöſiſche Sprachorgane faſt ſo unmöglich iſt, als das alte Schiboleth:„Metzger wetz dein Metzgersmeſſer.“ Aber bald wurde auch er in die Strom ſchneller und Wirbel der Revolution hineingezogen, und
viantmeiſter der großen Armee erhoben und von dem wiedergekehrten Frieden zu einem Rentier— aber nicht zu einem Lappländiſchen— gemacht worden ſei.
Dann that er ſeine Schätze auf und ſtiftete zur Erinnerung an ſeine Lehrjahre der Gemeinde Laubenzedel zwei hundert und fünfzig Gulden, zum Dank für den nicht genoſſenen Weck der Gemeinde Wald mit Mooskorb eine große Summe nebſt einer Thurmuhr, die auf vier hundert Gulden kam, und der Stadt Gunzenhauſen aus Erkenntlichkeit für die empfangenen vièken und guten Nudeln ein tauſend Gulden mit der Beſtimmung, daß:
1. Die Zinſen von den dreihundert Gulden der Ver ſorgungs⸗Anſtalt für kranke Handwerksgeſellen und Dienſtboten zufließen; 2. die Intereſſen von dreihundert und fünfzig Gulden am Michaelistage an Arme vertheilt und 3. die Renten von dreihundert und fünfzig Gulden zu einem gewiſſen Zweck und bis zu einer gewiſſen Zeit zuſammengehalten und zu dem Stammcapital geſchla⸗ gen werden ſollten. Die Zinſen von den ſiebenhundert Gulden, die er den Gemeinden Wald und Laubenzedel zuwendete, beſtimmte er zur Vertheilung von Wecken und Bibeln.— Von den Hunderten und Tauſenden, womit er ſeinen Verwandten Häuſer baute und Grundſtücke kaufte, womit er einen Sohn ſeiner verſtorbenen Schweſter in Paris erzog, ließ er nicht einmal ſeine linke Hand mehr wiſſen, als nöthig war, und der Erzähler kann davon noch weniger berichten.
Im Jahre 1843 am 13. October ſtarb der Stifter in der großen Stadt an der Seine, 87 Jahre 6 Monate und 7 Tage alt und ward zu ſeinen Vätern verſammelt. Ehe er aber ſeine Wanderſchaft beſchloß, war ein Bürſchlein
aus dem Eichſtädtiſchen noch in dem erſten Drittel der
ſeinigen.— Es wollte, ein Büttner ſeines Handwerks, g 7 8
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