holten in ihren ephemeren Spottgeburten die politiſchen Schriftſteller der 1848er Periode ihr Gewäſche vom ſo⸗ genannten„deutſchen Michel“, womit ſie ihr eigenes Volk fort und fort ins Antlitz ſchlugen, es als einen großen Dümmling hinſtellten, der ſich Alles gefallen, auf ſich treten, trampeln und trommeln laſſe, und wodurch ſie ihn zum Aufruhr, ſchönredneriſch zur Erhebung, zum„politi⸗ ſchen Bewußtſein“ zu bringen ſuchten. Dummer, plumper und trivialer Spott iſt aber für ſolche Zwecke kein Mittel. Es hat mir ſtets um den Schriftſteller leid gethan, der ſich des Ausdruckes„deutſcher Michel“ bediente; denn dieſen Ausdruck gegen das eigene Volk und Vaterland zu gebrauchen, verräth eine gemeine Geſinnung, welche ſchlechte Schei demünze freilich von politiſchen Kippern und Wippern der angedenteten Zeitperiode in großer Ueberfülle ausgeprägt wurde.
Wer zuerſt in unſerem Volke, d. h. der Geſammt⸗ bevölkerung Deuſchlands, der die größten, beſten und erleuchtetſten Männer doch mit entſtammen und an⸗ gehören, den albernen Spitznamen aufbrachte, braucht ſich darauf nichts einzubilden. Er war oder iſt ein arm⸗ ſeliger Tropf, dem Tröpfe nachahmten.
Alle und jede Bezeichnungen der Geſammtmaſſe irgend eines Volkes, wie John Bull, Bruder Jonathan u. dgl. ſind nur Abgeſchmacktheiten im großen Styl und ſchmecken nach der Tabagie des gemüthlichen Erz philiſterthums; ſie ſind nur ein Zeichen von Rohheit, nicht von nobler Sitte und Geſinnung.
Die Apoſtelnamen Matthäus und Matthias kom⸗ men bei unſerer Volksthümlichkeit auch ſchlecht weg. Das biedere Volk abbrevirte, d. h. verſtümmelte dieſe Namen in Matz, wie Gottfried in Götz, Friedrich in Fritz u. dgl., und welche Begriffe es an die Matzbenennung hing und hängt, be⸗ darf kaum der Andeutung. Wie kommen die werthen Apoſtel⸗ namenzu dieſen unſaubern Begriffen, die durch vorgehängte Beiworte der Namen noch geſteigert werden, Beiworte, die vom ſcheinbar unreinlichſten Thier hergenommen ſind!
Johannes, ein ſo hehrer und ſchöner Name, in deſſen zwei Haupträgern das neue Teſtament uns einen feurigen, gottbegeiſterten Propheten und einen Jünger der Liebe zeigt, welcher letztere ein nicht minder gottbegeiſter⸗ ter Prophet, Dichter und Seher war,— wie ſpringt mit dieſem Namen unſere Volksthümlichkeit um? Zunächſt in Hans abgekürzt und verſtümmelt, iſt mit dem Hans und dem Hänschen wiederum, wie beim Michel, der Dümmling fertig.„Einen zum Hänschen haben“ heißt ihn foppen, necken, allerlei vorfabeln und aufbinden, in der Vorausſetzung, daß ſeine Geiſtesbeſchränktheit dieß nicht merke.—„Hänſeln“ bedeutet ſcherzhafte Neckerei, Abſperrung des Weges durch Strauche, Bänder oder Kranzgewinde, um eine Gabe zu erlangen, beſonders bei Einzügen in neues Eigenthum, bei Brautfahrten u. dgl. Die Ausdrücke:„Dummer Hans“—„das iſt ein Erz hans“,„das iſt ein rechter Hans“— letzteres noch mit einem unziemlichen Nachſatz, der auch dem Herrn Hans von Rippech nicht fehlte, kann man im Volke und nicht blos im gemeinen Volke alle Tage hören. Und doch iſt Johannes der in Deutſchland häufigſte Tauf⸗ name, der ſtets allen übrigen Tauf- und Rufnamen voranſteht. Unbewußt glaubte der fromme Sinn im Volke durch den Namen Johannes des Täufers dem Täuf⸗ ling einen Schutzpatron zu erwecken, und zwar erhielt ſich dieſer Brauch ebenſowol in der proteſtantiſchen Kirche, die doch ſonſt Schutzpatrone nicht feiert, als in der katholiſchen.
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An dem Namen Hans hat die deutſche Volksthüm lichkeit am meiſten und liebſten Witz geübt; er muß unzäh⸗ lige Mal herhalten. Wer hätte nicht ſchon den Namen Hans Dampfggehört oder ſelbſt im Munde geführt? Ebenſo Hans Narr, Hans in allen Gaſſen. Selbſt Dr. Luther ſchalt einen Herzog von Braunſchweig Hans Wurſt und ſchrieb gegen ihn unter dieſem Ehrentitel ein Buch. Vorzugsweiſe mußte der Poſſenreißer der früheren deutſchen Bühnen Hans Wurſt heißen und heißt bei Seiltänzern und ſonſtigen Gauklerbanden noch heute ſo. Ein Mann, der dieſen Namen Hans Wurſt wirklich führte, lebte vor Zeiten in Arnſtadt und hatte merkwürdige Händel dort, wo nach einem alten Reime auch:
Hans Bohne Nebels Narren⸗Verſtand
Die blühende Stadt geſteckt in Brand. Hans, Junker Hans heißt in Hexenproceſſen ſelbſt häufig der Teufel; ein Wildjägergeſpenſt heißt Hans Sagenteufel u. ſ. w.
Sanct Petrus wird in Peter verſtümmelt, und wie viel muß dieſer Name ſich aufbürden laſſen. Der große Apoſtel, der Fels, auf welchen Chriſtus ſeine Kirche baute, von deſſen Grabſtätte die Stralen chriſtlicher Cul⸗ tur in alle Lande der Erde drangen, auf den ein Prieſterreich ſich gründete und aufbaute, das in allen Stürmen der wech⸗ ſelnden Weltgeſchicke unerſchüttert wie ein Fels im Meere ſteht, und gegen das die Wogen erfolglos donnern und ſchäumen,— was hat er gethan, daß an ſeinem Namen das biedere deutſche Volk den Fluch aller Albernheit, Lächerlichkeit und Dummheit haftet?—„Du dummer Peter,“„Du ſteifer,— du ſchmutziger, du hölzerner,— du alberner Peter“ iſt überall die heimiſche Redensart. Im Spiele, das„der ſchwarze Peter“ heißt, wird der, welcher zuletzt eine beſtimmte Karte, nachdem alle gleich⸗ artigen Bilder weggeworfen ſind, in der Hand behält, alſo genannt und mit gebranntem Korkſtöpfel im Geſicht ſchwarz punctirt und zum Popanz gemacht. Faſt in allen Volks⸗ und Kinder⸗Märchen, in denen einer der Helden den Namen Peter führt, iſt dieſer vorzugsweiſe der Sün⸗ denbock, der Dumme, der Häßliche, der neidiſche, ja ſelbſt der ſchlechtherzige obligate Böſewicht.
Warum iſt nun aller Hohn, Schimpf und Spott durch ganz Deutſchland volksthümlich auf den Namen Peter gehäuft? In Thüringen iſt auch die Redensart üblich, wenn jemand fragt, wer dieß und das geſagt habe und der Gefragte dieß nicht zu beantworten Luſt hat, daß er antwortet:„Pieter(Peter) Neffert“— oder:„Gehe zu Pieter Nefferten und laß' dir's ſajen.“
Paulus begegnet uns nur im Meiningenſchen ver⸗ ſtümmelt und ſchimpflich: Hannpähl! Ebenſo im Meinin⸗ ger Unterlande wurde aus Philippus: Löpps mit dem Beiſchmack der Dummheit. Der Name Jacob, den ein Apoſtel führte, dient ebenfalls dem Spotte und der Verhöh⸗ nung. Im Hennebergiſchen wird mit der Abkürzung Kobes (ſprich Gobes), aus Jacobus verſtümmelt, geradezu ein alberner Menſch bezeichnet und ſo ein werther Name miß⸗ handelt.„Du biſt ein rechter Kobes!“ heißt ſo viel, als: „Du biſt ein abgeſchmackter, begriffloſer Kerl.“ Milder als dieß gemeine Schimpfwort drückt ſich das Scherzwort aus:„Du biſt der wahre Jacob!“, d. h.:„Du biſt ſo und ſo, biſt ein guter Kerl, der keine Ofenſchränke abbeißt, der das Pulver nicht erfunden hat“ u. ſ. w. In einer thüringi⸗ ſchen Stadt erzählt man ſich von dieſem Spottnamen eine hübſche Anecdote. Ein Mann von etwas beſchränkten
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