Jahrgang 
1857
Seite
58
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we und zu proben, ob es gelingt, ein und das andere Stück

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gegüldigen Geſteins zu Tage zu fördern, und freuen ſoll es

mich, wenn, was ich finde und bringe, probehaltig befun⸗ den und nicht für taub angeſprochen wird. Ohne Bild! Es drängen ſich zahlreiche Fragen über Erſcheinungen im Volkslebeu auf, die ihrer Löſung harren, Fragen, warum dieſes und jenes ſo und juſt ſo iſt und nicht anders geworden im Lauf ſeines Beſtehens durch lange Jahrhunderte.

Eine Menge Einzelnheiten, Gewohnheiten, Gebräuche, Redensarten im deutſchen Volksleben ſind da, ſind vor⸗ handen, aber Niemand weiß, ſeit wie lange und warum vorhanden? Manches davon, zumal das, was in das fruchtreiche Gebiet des wol unbedenklich auf die altheidniſche Zeit zurückführen, ſowol Gebräuche als Anſchauungen; Anderes aber hat mit dem germaniſchen Heidenthum nichts zu ſchaffen, ge⸗ hört mehr der ſpäteren Zeit an, wurzelt im Katholicismus oder tritt in den proteſtantiſchen Ländern als urſprüngliche Folge der Reformation zu Tage oder iſt ſogar noch ſpäte⸗ ren Urſprunges. Keine dieſer Eigenthümlichkeiten, die ſich ſo mannichfach geartet zeigen, wurde dem Volke aufgedrun⸗ gen; weder entſprangen ſie durch Anlaß und Urſprung von oben her, von den Fürſtenhöfen, noch vom Ritterthum, noch bildete das Bürgerthum ſie mit Bewußtſein aus, ſondern ſie entſtanden ſo, wie im Kranze ſchier unver⸗ ſehens mit einem Male die Blumen da ſind, eine nach der andern, mit der andern, unmittelbar, kaum ehe man an ihre Keime dachte, und oft in überraſchender Fülle.

J. Volksthümlicher Mißbrauch geheiligter Perſonennamen.

Das Wort volksthümlich iſt ſeit einigen Decen nien oder auch etwas länger zu einem neuzeitlichen Schiboleth geworden; man pries das volksthümliche

Aberglaubens gehört, läßt ſich

auf einer höheren Stufe der Bildung ſtehend, als in irgend einem andern Staate Europa's iſt, wie Jeder wahrnehmen kann, der ihm ſich nähert, noch vielfach roh, ungeſittet, zur Pöbelhaftigkeit bei der geringſten Reizung geneigt, auch ſehr geneigt, Andere zu übervortheilen, an eingeroſteten Vorurtheilen haften zu bleiben, und vermag in reichem Maße Licht⸗ und Schattenſeiten zu entwickeln. Dasbiedere Volk iſt ehrlich und hat Diebesgelüſte; es iſt ſittſam und auch wieder ſchauderhaft unſittlich; es bewirthet mit Gaſtlichkeit und ſchließt dem Armen häufig

Herz und Thüre; es iſt gut und freundlich, böſe und rauh,

wie der Anlaß es mit ſich bringt; dieſelbe Hand, die zum Willkommen ſich entgegenſtreckte, greift zum Knüttel und

prügelt den Kirmſengaſt. Dasbiedere Volk verſchließt ſich der Bildung nicht, es lieſt auch Bücher, wenn es

an Brauch und Aberglauben.

Weſen und verſtand darunter Alles, was unmittelbar im Volke lebt und ſtrebt, denkt und fühlt, aus ihm hervor⸗

geht, ihm eigen oder angepaßt iſt, und zwar meiſtens mehr im guten als ſchlimmen Sinne. Dichter und Schrift⸗ ſteller bemühten ſich und ſtrebten dahin, volksthüm lich zu ſchreiben, d. h. ſo, daß ſie auch vom geringen Volk verſtanden wurden, oder ſo, als erzähle ſtatt ihrer und ſpreche ſelbſt das Volk, wie es unter ſich zu ſprechen gewohnt iſt, wie die Lies zur Greth und der Hans zur Bäbel ſpricht. Andere Freunde der Volksthümlichkeit ſtrebten ein inniges Verſtändniß mit dem Volke an, ſuch⸗ ten ſich in daſſelbe einzuleben, ſeine Fähigkeiten, Gewohn⸗ heiten, Sitten und Unſitten, Beduürfniſſe und Gebräuche tennen zu lernen, theils um dieſelben Andern richtig zu ſchildern, theils deren Mängeln abzuhelfen.

Was an all' dieſen ſogenannten volksthümlichen Beſtrebungen gut und löblich iſt, ſoll und darf nicht getadelt werden; Vieles aber wurde und wird übertrieben, auf unnatürliche Spitzen geſtellt und das volksthümliche Weſen häufig überſchätzt, häufig auch unterſchätzt. Die einen hätſchelten dasgute, dasliebe, dasbiedere Volk, zumal als es galt, die politiſche Gauklerbühne unter den Dorflinden aufzuſchlagen; Andere glaubten, nur durch eine gemeine und rohe Schreibweiſe dem Volke verſtänd lich zu werden und zu gefallen. Eins wie das Andere enorme Verkehrtheiten! Das Volk, d. h. nicht im ſtaatlichen Sinne die Bevölkerung, ſondern der geringere ſtädti⸗ ſche Handwerker⸗ und Handarbeiterſtand und auf Dörfern der Häusler⸗ und Bauernſtand in Deutſchlandeimmer

juſt Luſt und Zeit zum Leſen hat, aber immer lieber ein Liederbüchlein, als Pſalmen oder die Sprüchwörter Salo⸗ monis, und den Eulenſpiegel lieber, als die tauſend und aber tauſend neuen Volksbücher, die für daſſelbe geſchrie⸗ ben werden. Mit Zähigkeit hält das Volk immer noch im Guten und Schlimmen am Alten, am Hergebrachten, E Es glaubt immer noch an Hexen, räuchert das Vieh und durchräuchert oder bekreuzt die Ställe; es gebraucht noch Sympathie, läuft lieber zum Quackſalber, zum Kurſchmied, zum Schwitz⸗ doctor und Waſſerbeſchauer, als zum ſtudirten Arzt, und ſchickt weit ſchneller nach ärztlicher Hülfe, wenn die Kuh krank iſt, als wenn ein Menſch der erſteren bedarf.

Was das Volk am meiſten mit bewahrt, das iſt ſeine

Derbheit, ſind ſeine rohen Späße, iſt ſein naturwüchſiger

Witz, iſt ſeine Neckluſt. Dieſe äußert ſich, während ohne⸗ hin Namenverſtümmelung durch den Volksmund von älteren Zeiten her gäng und gäbe iſt, häufig durch Spottnamengebung, die nicht ſelten zu Schimpfnamen umſchlagen, welche dem Ohre des Gebildeten noch viel ſchlimmer lauten, als ſie gemeint ſind.

Selſamer Weiſe hat ſich nun an eine Reihe geheiligter Perſonennamen, wie die von Erzengeln, Apoſteln und Hei⸗ ligen doch ſind, die volksthümliche Neigung angehängt, ſie

nicht nur zu verſtümmeln, ſondern unbedingt verächtlich

zu gebrauchen. Woher dieſe volksthümliche Unſitte denn eine ſolche, und zwar eine tiefeingewurzelte und un⸗ austilgbare iſt es ihren Urſprung hat, und zu welcher Zeit ſie dieſen Urſprung gewann, vermag ich nicht zu ſagen; ich will nur die Namen nennen, welche ich meine.

Der Witz desbiedern Volkes verſchonte ſelbſt den Namen Gottes und Chriſti nicht, trotz dem entgegen⸗ ſtrebenden zweiten Gebote. Mit einem gewiſſen ſpött⸗ lichen Ausdruck ſpricht dieſer Witz von einemlieben Gott von Frankreich, einemHerrgott von Mannheim, einem Herrgottle von Baſel; unter den beiden letztern ſind wol im Mittelalter wunderthätig geweſene Chriſtus⸗ bilder zu verſtehen. Auch liebt das Volk, unpaſſend und unſchicklich genug, von Gott und dem Erlöſer in der Ver⸗ kleinerungsform zu ſprechen.Ach Herr Jehchen! Ach Her Jehle!(Jeſuschen, Jeſulein) O du mein liebes Gottchen! Was hat der Erzengel Michael der bibliſchen Mythe gethan, und wie kommt er dazu, daß das deut⸗ ſche Volk ſeinen verſtümmelten Namen: Michel ins⸗ gemein als einen Träger der Verſtandesbeſchränktheit gebraucht? daßder Michel ein unliebſamer Name iſt, daß das Schimpfwort aufkam:Dubiſt ein Erzmichel?, ſo wie die unſaubere Einladung: Du kannſt mich vetter⸗ micheln! Vettermichele mich! Bis zum Ekel wieder