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ſerleitung herunter in ihre Straßen, welche theilweiſe deren leicht verſiegende Brunnen erſetzt. Aus jener Zeit aber, da die Stadt als Grenzfeſtung der Römer entſtand, hat ſie ein burgartiges Anſehen bis auf den heutigen Tag bewahrt, welchem die ſpäteren Zeiten nur noch einen eigen⸗ thümlich feudaliſtiſchen Charakter beifügten, wie er ſonſt in Schweizerſtädten ſelten vorkommt. Hoch und vielge— thürmt ragt das alte Schloß auf der weſtlichen Höhe neben der gothiſchen Stiftskirche über die ringsum liegen⸗ den Bürgerwohnungen empor. Im Gegenſatz dazu ſcheinen dieſe, von fern her angeſehen, faſt mehr den Cha⸗ rakter eines fröhlichen Dorfes zu tragen; und man muß
erſt näher herankommen, um zu erkennen, daß auch ſie
den ariſtokratiſchen Eindruck rechtfertigen, welchen Neuen⸗ burgs erſter Anblick hervorrief.
Man begegnet vielen eleganten und modernen Ge⸗ bäuden, deren ganze Phyſiognomie darauf hinweiſt, daß ererbter Reichthum ſie erſchuf und nicht erſt der Erwerb des gegenwärtigen Geſchlechts. Ja, indem man hindurch fährt, berührt uns wol eigenthümlich eine Erſcheinung, die ſonſt in der ganzen Schweiz kaum irgendwo vorkommt; nämlich die Bekleidung der dienenden Leute mit den Haus⸗ farben ihrer Herrſchaften. Das übrige Publicum aber trägt eine Eleganz zur Schau, deren beſtimmte Art ebenfalls ſonſt mehr den kleinen Reſidenzen Deutſchlands, als den repu⸗ blicaniſchen Städten der Schweiz angehört. Es iſt nicht nöthig, hier an die geſchichtlichen Verhältniſſe zu erinnern, aus denen ſich ſolche Erſcheinungen naturgemäß heraus gebildet haben. Gerade die letzte Zeit hat dieſelben von ſo verſchiedenen Seiten beleuchtet, daß es in der That über⸗ flüſſig erſcheinen möchte, wenn man ſofort bei der Ankunft in der lieblichen Stadt ſich in Betrachtungen darüber verlöre.
Mag es immerhin ſein, daß Neuenburgs materielle Verhältniſſe auf der Grundlage eines klar und einfach geordneten Staatslebens ſich noch harmoniſcher entfaltet haben würden, als es trotz der politiſchen Zwitterſtellung und der dadurch bedingten Abweichungen in den ſocialen Verhältniſſen ſeiner Bevölkerung geſchah,— immerhin läßt ſich nicht verkennen, daß ſelbſt die äußeren Erſcheinungen, wie ſie ſich uns bieten, nicht entſtehen konnten, wenn nicht die vornehmeren Familien des Cantons in patrioti⸗ ſcher Weiſe für ihre Heimat gewirkt hätten. In ganz vor⸗ trefflichen Volksſchulen bezeugt dies zunächſt der geſammte Canton, und ihre Wirkungen konnten um ſo ungehemm⸗ ter ſich ausbreiten, als die ganze Bevölkerung, mei⸗ ſtens celtiſchen und burgundiſchen Stammes, durch treff— liche Geiſtesbegabung und eine ſolide Biederkeit des
triziats zu Tage traten.
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Charakters ausgezeichnet iſt, wozu ihr die Natur einen ſchönen und kräftigen Körperbau verlieh.
Jene höchſte Reinlichkeit und ſaubere Heimatlichkeit der Häuſer, die in den reformirten und gemiſchten Can⸗ tonen der deutſchen Schweiz ſo wohlthuend berührt, ohne ſich immer gleichermaßen auch in die franzöſiſchen Can⸗ tone fortzuſetzen, erreicht in Neuenburg vielleicht ihren Höhepunkt, und dieſes wieder namentlich in den Ufergelän⸗ den des Sees, den ſogenannten Vignobles(Weinbergen), die, von der Natur am meiſten begünſtigt, allerdings den wohlhabendſten Theil des Landes bilden. Die Seean⸗ wohner gelten denn auch durchſchnittlich als mehr könig⸗ liſch geſinnt, während die Bewohner der Jurahöhen, die Montagnards, durch ihre hohe induſtrielle Betrieb⸗ ſamkeit, ihre leichte Beweglichkeit und ihren ſchweizeri⸗ ſchen Patriotismus, ein faſt nothwendiges Ferment bil⸗ den, damit die behagliche Wohlhäbigkeit des Seeufers nicht allmälich in eine gewiſſe Unbehaglichkeit verſinke.
Es iſt natürlich, daß vorzugsweiſe in der Hauptſtadt die Erfolge der gemeinnützigen Beſtrebungen des Pa⸗ Da iſt das Stadtſpital, wel⸗ ches von D. Bury erbaut und mit einer Summe von 3 Mill. Francen ausgeſtattet wurde; da iſt ferner das ſchöne neue, von J. L. von Pourtalès geſtiftete Hospital der barmherzigen Schweſtern; da iſt weiter die höhere Lehranſtalt und ein Gymnaſium, deſſen Naturaliencabi⸗ net ein Agaſſiz, Coulon u. a. Neuenburger mit reichen Gaben ſchmückten, während außerdem eine kleine aus⸗ gewählte Gemäldeſammlung dazu beſtimmt iſt, den äſthe⸗ tiſchen Sinn ſeiner Zöglinge anzuregen. So könnte man noch eine Reihe von Stiftungen und Anſtalten nennen, von denen jede auf der einen Seite Zeugniß ablegt vom
bürgerlichen Sinne ihres Stifters, auf der andern von dem
ſtarken Bedürfniſſe der Bevölkerung nach feinerer Aus⸗ bildung und Sitte. Auch iſt's ja bekannt, wie viele Hun⸗ derte von Lehrern und Erzieherinnen aus dieſer kleinen, kaum mehr als 71,000 Seelen zählenden Bevölkerung hinausziehen in die fernſten Länder, um dort der Heran⸗ bildung und Belehrung weiter Kreiſe ihre Kräfte zu widmen. So ſteht Neuenburg in einem geiſtigen Rap⸗ port mit den fernſten Gegenden der Welt, deſſen Glei⸗ chen ſich kaum eine andere Stadt oder ein anderer Land⸗ ſtrich rühmen mag. Und ſelbſt von dieſem rein cultur⸗ lichen Geſichtspunkt aus mußte die ſogenannte Neuen—
burgerfrage, welche den Beginn des neuen Jahres ſo
lebhaft in Anſpruch nahm, auch in der unpolitiſchen Welt eine beſondere Bedeutung gewinnen. (Schluß folgt.)
Deutſche Valkseigenthümlichkeiten.
Cultur⸗Studien von Ludwig Bechſtein.
Wie in dem tiefen Schoße der Waldgebirge und des Flachlandes da und dort immer neue Schätze des Bodens aufgefunden und aufgethan werden— beſtehen dieſelben aus edlen und nutzbaren Erzen oder aus Salz oder aus Steinkohlen, Bergnaphthen, Torf u. ſ. w.— ſo liegen für die Forſchung der Gegenwart und der Zukunft noch zahlloſe unerſchloſſene Stoffe, die der deutſchen Cultur⸗ geſchichte angehören, vergraben und harren auf ihr Fündigwerden, auf die rechte Muthung. Kaum iſt auch
in dieſem Goldlande der An⸗ und Abbau begonnen, ſo wachſen die Scharen der Goldgräber, die aber nicht, wie da, wo es nur um materielle Funde ſich handelt, aus dem Schoße der Cultur und Geſittung in Rohheit und Barbarei zurückſinken, ſondern ruhig und friedlich neben⸗ einander im Eldorato des Geiſtes ſchürfen, ſei es auf großen, ausgiebigen Strecken, ſei es in vereinzelt zu Tage ſtehenden Gängen oder auf verloren hinſtreichenden Adern. An den letzteren beiden verſuche auch ich einzuſchlagen
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