Jahrgang 
1857
Seite
53
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Ach, Herr Lehrer, rief er ihn an, ſeid Ihr hier? Wie kommt Ihr denn her in der Nacht?

Käthchen, Eures Bruders Kind, wißt Ihr ja, ſagte der Lehrer, iſt die treue, freiwillige Pflegerin aller Kranken daheim in unſerm Dorfe. Als ſie nun von dem Unglücke Eures Sohnes und der übrigen Leute hörte, ließ ſie ſich nicht mehr halten, dem Doctor zu helfen mit ihrer Pflege. Da hab' ich ſie herbegleitet, das gute Kind, daß ihr kein Leid geſchehe; denn ſie war mit ihrer Mutter und der Koſelin grade in meinem Hauſe zur Wache. Nun aber ſagt der Doctor, daß Franz keiner Pflege bedürfe, Ihr aber, und ſo komme ich einestheils, mich nach Euch zu er kundigen, anderntheils zu fragen, ob Ihr Euch von Käthchen wollet pflegen laſſen?.

Der Alte faltete die Hände und ſprach leiſe Worte in ſich hinein, die der Lehrer nicht verſtand; aber es war ihm doch, als rege ſich in ihm das, was die alte Koſelin pro phetiſch vorhergeſagt, als begönnen nämlich die feurigen Kohlen ſchon zu brennen.

Ach, Herr Lehrer! hob, nachdem er einige Zeit ſo in ſich hineingeſprochen, der Alte an, es iſt anders mit mir, und ich bin ſelbſt ein Anderer geworden. Ich habe viel Unrecht gethan, aber ich mache es gut, wenn mich Gott will länger leben laſſen. Ich habe heute damit begonnen. Der Merkin hab ich all das Gut, was ich an mich gebracht, und was einſt meinem Bruder gehörte, zurückgegeben, und auch die volle Hälfte des Gutes vom Martinsvetter durch freiwillige Schenkung, ſammt den Zinſen vom Tage an, da ich die Erbſchaft antrat. Seid Ihr mit mir zufrieden? Der Lehrer ſah ihn überraſcht an und ſagte: Gott ſegne Euch dafür, daß Ihr gut machet begangenes Unrecht! Ihr handelt nach Gottes Wort, und der Herr wird Euch gnädig ſein. Er drückte ihm die Hand.

Soll ich denn nun den rechten Schluß machen, ſagte darauf wieder der Lehrer: es iſt Euch das liebe Kind als Pflegerin willkommen?

Gewiß, entgegnete er; aber ſagt ihr nichts von dem, was ich Euch geſagt habe, gelobt mir das!

Der Lehrer gelobte es.

Wie gehet's meinem Sohne? fragte er dann.

Da möget Ihr ſelber ſehen, verſetzte der Schullehrer, als eben die Thüre aufging und Franz hereintrat. Er hatte noch des Vaters Frage gehört..

Mir geh's vortrefflich, ſagte er, Dank ſei dem Herrn, der uns alle wunderbar erhalten hat!

Ja wohl, verſetzte der Alte. Bei mir hat die Hand des Todes mächtig an die Pforte geklopft. Sieh, Franz, mein linker Arm iſt lahm. Als ich Dich da liegen ſah, meinte ich, Du ſeieſt todt, und vor Schrecken traf mich der Schlag.

Es wird mit Gottes Hülfe ſchon beſſer und der Arm wieder brauchbar werden. Nur dürfen wir nicht vergeſſen, daß der Herr der rechte Arzt in Ifrael iſt und nicht die Menſchen; der auch inwendig alle unſere Gebrechen heilet.

Du haſt Recht, Franz, ſagte der Alte. Ob ich gleich leiblich leide, fühle ich doch die heilende Hand des Herrn

auch inwendig, und Du wirſt Morgen ſehen, wie ich das verſtehe. Er drückte des Sohnes Hand.

Wo iſt denn das Käthchen? fragte er darauf, und über das Antlitz des Sohnes flog ein Lichtſtral ſeliger Freude.

Der Lehrer brachte ſie. Schüchtern und geſchämig zur Erde blickend, ja faſt zitternd und bleicher Wange, trat ſie zu dem Siechbette des Mannes, deſſen eiſerne Hand ſchwer auf ihrem Familienglücke, ja erdrückend ge ruht. Sie wagte es nicht, ihn anzuſehen.

Der Alte betrachtete ſie lange und wohlgefällig. Kind

meines Bruders, ſagte er dann, Dein Vater und Deine Mutter ſind nicht hier, daß ich ſie um Vergebung bitten könnte. Laß mich es bei Dir thun. Vergib mir, Kind, das Unrecht, was ich Euch zufügte! So weit es Menſchen vergüten können, habe ich es gut gemacht und werde es noch gut machen. Willſt Du? Alle die Erinnerungen ſtürmten auf das jugendliche Herz ein. Was ſie nicht erlebt, ſie hatte es ja gehört von der Mutter und der Koſelin. Aber ein Blick auf Franz, und ſie gedachte der heiligen Pflicht des Chriſtenherzens. Sie ſagte:

Möge Euch Gott ſo vergeben, wie ich Euch vergebe!

O Du milder Engel! rief der Alte, wunderbar er⸗ griffen, aus; Du gießeſt Balſam in mein wundes Herz und Frieden in meine Seele. Ja, Gott wird mir ver⸗ geben, wie Du vergabſt; aber er wird Dich auch ſegnen, wie Du es verdienſt! Kind meines Bruders, rief er mit größerer Anſtrengung, mein Franz hat Dich lieb. O ich bitte Dich, wenn auch Du ihm nicht grolleſt um meinet willen, gib ihm deine Hand. Werde ſein Weib. Dann erſt iſt der Fluch verſchwunden und der Frieden kehrt wieder!

Er ſank zurück. Ein tiefes Stöhnen drang aus ſeiner Bruſt hervor, und das Zuſammenzucken ſeiner Geſtalt ließ eine Rückkehr des Schlages fürchten.

Doctor! rief Franz angſtvoll in den Saal hinaus.

Er kam, nahm das Licht und trat zum Bette.

Allmälig trat jener furchtbare, aber unverkennbare

Ausdruck des Geſichtes hervor, welcher der Stempel des

Todes iſt.

Jetzt ſetzte der Doctor das Licht wieder auf den Tiſch. Käthchen, ſagte er zu dieſer, dießmal iſt es mit der Pflege nichts. Der Sohn bedarf ihrer nicht, weil er geſund iſt, und der Vater ebenſo wenig, weil er vollendet hat! Er iſt geſtorben, und menſchliche Hülfe war vergeblich, denn ich erkannte ſein nahes unausbleibliches Ende. Er ging hinaus.

Franz drückte dem Greiſe die Augen zu. Dann knie ten die dreie, Käthchen, Franz und der Schulmeiſter, nieder am Sterbebette und beteten lange und innig. Und als ſie aufgeſtanden, ergriff der Letztere des Mädchens Hand und ſagte: Käthchen, dieſer Abend iſt ein Abend reichen Segens. Du haſt ihm Frieden gegeben, und ſein Wort heiligt Eure Liebe. Gottes Segen wird Euch nicht fehlen.

Der Arzt trat im Saale wieder zu ihnen.

Herr Doctor, ſagte der Lehrer, darf Franz mit uns heimkehren?

Nein, ſprach der Doctor. Er hat auch Morgen noch Zeit. Ich dächte aber, Ihr bliebet alle hier. Es iſt Ein Uhr nach Mitternacht. Die Ruhe wird Euch Allen Be dürfniß ſein, wie mir. Ich denke, hier neben dem Hos pitale, im Adler, findet Ihr, was Ihr ſuchet.

Franz entſchied ſchnell, und ſie gingen hinüber in das Gaſthaus, wo der Knecht mit den Pferden noch harrete und mit Erſchrecken das Ende ſeines Meiſters vernahm. Hannicke war heimgeeilt, ſein Glück, die erlaſſene Schuld ſeinem Weibe und ſeinen Kindern zu verkündigen.

VII.

Am andern Morgen kam der Notar in's Hospital, wurde aber in den Adler gewieſen. Da ſaßen die dreie ernſt und ſtill beim Frühſtück. Der Notar bezeugte ſein Beileid und legte in Franzens Hand ein Aktenſtück. Es