erleuchtet. zur Thüre. vom Wagen zu ſteigen. Der Knecht und Hannickel Pleß halfen ihm herab. Sie mußten ihn auch in den Saal führen. Als er ſeinen Sohn bleich und angegriffen in einem der Betten erblickte und glaubte, er ſähe ihn als Leiche, da brach der Reſt von Kraft im alten Leibe zu⸗ ſammen, und ohnmächtig hing er in den Armen der beiden Männer. Doctor Thomae ſah ihn. No! Nol rief er zornig. Iſt nicht Arbeit genug an den Eſeln, die im Ge⸗ witter ſich unter einen Baum ſtellen? Müßt Ihr einem geplagten Manne noch Arbeit bringen? Wer iſt denn der Alte, den ihr da hereinſchleppet?
Schon an der Anrede, die brummig genug war, konnte etwa ein Fremder erkennen, daß der Doctor Armenarzt war.—
Als er aber vernahm, der Alte ſei der reiche Peter Merk von dem nächſten Dorfe, der ſeinen Sohn ſehen wolle, da pfiff plötzlich der Wind aus einer andern Rich⸗ tung. Er war ungemein zuthunlich und artig.
Leget den Herrn Merk hierher, ſagte er, damit er weich lieget, und gehet einmal aus dem Wege, daß ich ihn unterſuche. Er trat zu ihm, fühlte den Puls und wurde ernſt. Er fühlte noch einmal und verordnete etwas, das ſehr ſchnell mußte gebracht werden. Dann aber begann er die Wiedererweckungsverſuche und ließ ihm zur Ader. Die Erfolge dieſer Verſuche blieben lange aus. Endlich ſchlug er die Augen auf, aber er war an der linken Seite völlig gelähmt. Ein Schlag hatte ihn in Folge der außer⸗ ordentlichen inneren Aufregung getroffen. Er kannte dieſen Zuſtand genau; denn ſeinen Vater hatte der Schlag auch getroffen. Kaum vermochte er zu reden, als er in ein anderes Zimmer gebracht zu werden verlangte. Man will⸗ fahrte ihm, und hier angelangt, begehrte er einen No⸗ tarius, der dann auch bald bei der Hand war.
VI.
Mit einer Schnelligkeit, daß der ehrliche Schullehrer dem lieben Mädchen kaum zu folgen vermochte, ſchritt Käthchen den Weg nach der Stadt hin. Vergebens ver⸗ ſuchte er ſie in ein ihre Gedanken etwas ableitendes Ge⸗ ſpräch zu ziehen. Wenige Worte, und es ſtockte wieder. Am Ende ſchwieg auch der Lehrer und folgte nur ihrem beflügelten Ausſchreiten. Dennoch war es bereits ſpät, als ſie in das erleuchtete Hospital traten. Die Menſchen, welche Neugierde und Theilnahme herbeigeführt, hatten ſich verlaufen. Im Saale war Niemand, als die Aerzte und die Gehülfen und Pfleger. Sie meinten, das Mädchen und der Schullehrer ſuchten Anverwandte und fragten deshalb. Doch das Auge der Liebe ſieht ſcharf. Schon hatte Käthchen Franz und er ſie erblickt. Sie eilte zu ſeinem Bette, kniete daran nieder, um ſeinem Geſichte recht nahe zu ſein, damit er nicht laut reden müſſe, und ergriff ſeine Hand. Der Jüngling aber, überwältigt von der Macht ſeiner Liebe und recht deutend, was ſie hierher geführt, zog ſie leiſe an ſich und blickte ihr in das treue Auge, und beider Augen wurden feucht.
Du kommſt zu mir? fragte er, ihre Hand drückend.
Dich zu pflegen, ſagte ſie mit herzgewinnendem Lächeln. O Du Gutel Wußteſt Du denn von dem Unglücke?— fragte er.
Viele Menſchen ſtanden auf den Treppen bis Peter Merk war nicht im Stande, allein
ihre Stirne auf das Bette.
Schlaganfall, ſagte der Doctor.
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Ich hörte es und lief hierher, und der gute Schullehrer begleitete mich, erwiderte ſie. Gott Lob und Dank, daß ich Dich ſo nicht finde, wie ich gefürchtet, oder gar—
Todt fragte er. Hätteſt Du denn um mich getrauert?
Franz, wie magſt Du ſo reden, ſprach ſie und legte
Da faßte er ſie mit beiden Händen, richtete ihr Geſicht auf, blickte ihr in das in Thränen ſchwimmende Auge und ſagte: Haſt Du mich denn lieb? Käthchen, ſage mir's, ich bitte Dich! Reiße mich heraus aus der tödtlichen Qual der Ungewißheit!
Siehe, meine Seele hat nur einen Gedanken, und der biſt Du!.
Sie ſchloß das Auge, als er ſanft ihr ſchönes Geſicht⸗ chen ſo hielt und ihr ſo feſt in daſſelbe blickte. Käthchen, rief er halblaut, ich beſchwöre dich, rede: Haſt Du mich lieb?—
Ja, ſagte das Mädchen erröthend und ſich losmachend, leiſe und kaum gehaucht. Da ſchlang er den Arm um ihren Nacken und drückte den erſten Kuß der Liebe auf ihre Lippe.
Das hatte der Schullehrer mit halbem Auge geſehen und freute ſich in ſeiner Seele. Er wollte dieſen Augen⸗ blick des Erkennens und Verſtehens zweier guten Herzen nicht ſtören.
Der Doctor Thomae aber kam daher aus der Stube, wohin man den alten Merk gebracht. Trotz der Brille, deren Gläſer wie Pflugräder waren, erkannte er d Mädchen nicht.
Iſt das ſeine Mutter? fragte er den Schullehrer, auf Käthchen deutend. Der war nahe daran laut aufzulachen, hielt ſich aber und ſagte: Nein, Herr Doctor, es iſt Eure Krankenpflegerin, die Euch zu Hülfe kommt. Ihr kennet ſie ja von daheim her!—
Potz Blitz! ſagte der Doctor und trat zum Bette und ſah die Glut in des Mädchens Geſichte und die Ver⸗ klärung zugleich, die auf den ſchönen Zügen lag. Guten Abend, ſagte er. Willſt den da pflegen, Kind?— Nun, der macht Dir keine Mühe. Er läuft Morgen wieder heim; aber der Alte macht mir mehr Sorge.
Mein Vater? fragte Franz überraſcht. War's mehr denn eine Ohnmacht?
Nun— ja, freilich; etwas mehr,— ſo ein kleiner Ich denke aber, es ſoll vorübergehen.
So muß ich aufſtehen und zu ihm, ſprach Franz.
Jetzt nicht, verſetzte der Doctor. Es ſind Sterbens⸗ gedanken ihm gekommen, ob's gleich daran noch nicht iſt. Da hat er einen Notarius rufen laſſen, und der ſchreibt eben eine Art von Teſtament, Schenkung oder deß Etwas. Verſtehe das Zeug nicht! Da wollen wir ihn gehen laſſen. Iſt das vorbei, ſo führ' ich Dich zu ihm, Kind, ſagte er, ſich zu Käthchen wendend.
Ach, Herr Doctor, ſprach das noch immer glühende Mädchen, fragt ihn aber doch erſt, ob er mich auch will, oder thut Ihr es, Herr Lehrer; denn Ihr kennet die Sache beſſer und wiſſet, wie er geſinnt iſt.
Der Lehrer verſprach es, und Alle ſetzten ſich an Franzens Bette, der Käthchens Hand nicht aus der ſeinen ließ.
Erſt nach einigen Stunden verließ der Notar das Zimmer, und der Schullehrer trat hinein.
Der alte Merk erkannte ihn ſogleich. Der Lehrer erſtaunte über ſeine heitere Miene, überden Ausdruck von Zufriedenheit und Glück, den er nie auf Peter Merks düſtrem Geſichte geſehen.
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