Jahrgang 
1857
Seite
51
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richt zu erſtatten.

denn ich bin allein nicht im Stande dazu. Auch brauch' ich Dich noch anderwärts. Den Wagen! Den Wagen! Den Wagen! Die beiden Knechte waren weggeeilt. Der Eine zog den Leiterwagen heraus und bemühte ſich, einige Säcke mit Spreu recht feſt zu ſtopfen, damit ſie zu Sitzen dienten; der Andre war an den Pferden. Hannickel Pleß half dem, der die Sitze bereitete, und nun ging's ſchnell. Bald darauf rollte der Wagen durchs Dorf in den Abend hinein. Das erzählte der Schulmeiſter den Frauen.

Als er aber das Wort ausſprach: Euer Sohn iſt vom Blitze getroffen, da wurde Käthchen weiß wie eine Lilie. Sie ſank in ihrer Mutter Arm. Ihre Bruſt ſtöhnte. O mein Kind! Mein Kind! ſchrie die Mutter voll Jammer und Entſetzen.

Plötzlich richtete ſich das Mädchen auf und ſah ihre Mutter feſt an. Mutter, ſagte ſie, ich ſterbe nicht. Es war nur eine augenblickliche Schwachheit. Ich weiß, was mir obliegt. An ſein Leidensbette muß ich. Hier habe ich nach meinen ſchwachen Kräften der Krankenpflege mich unterzogen, und ihn ihn ſollte ich ohne Beiſtand, unter fremden Händen laſſen? Mutter, laß mich gehen. Hier ſterbe ich.

Kind, ſagtender Schulmeiſter, es iſt Nacht, und es regnet noch, wie willſt Du in die Stadt kommen?

Das iſt eitle Sorge! rief das Mädchen. Ich bin gar manchmal ſchon in der Nacht hinabgelaufen, wenn ein Kranker ſchlimmer wurde, um dem Doctor Thomae Be⸗ Es iſt mir nie etwas Schlimmes be⸗ gegnet. Sie machte ſich eiligſt fertig.

Die Mutter ſah ſie bittend an, aber ſie ſchwieg doch.

Selig ſind die Barmherzigen, denn ſie ſollen Barm⸗ herzigkeit erlangen, ſagte die Koſelin. Sie übt die rechte chriſtliche Rache aus, ſie thut dem Feinde Gutes für ſeine Uebelthat; ſie ſammelt vielleicht feurige Kohlen auf ſein Haupt. Franz iſt ja des Alten Sohn!

Die Lehrerin blickte mit innigem Wohlgefallen auf das ſchöne Mädchen, deſſen Wangen ſich im edlen Ent⸗ ſchluſſe der hingebenden Liebe höher geröthet hatten. Dann flüſterte ſie ihrem Manne etwas in's Ohr und ſah ihn dabei ſo liebevoll bittend an, daß er lachend ihr mit der Hand über die Wange ſtrich und bejahend nickte.

Sol ſagte das Mädchen. Jetzt bin ich fertig. Sie reichte ihrer Mutter die Hand.

Gott behüte Dich, und ſeine heiligen Engel mögen Dich begleiten! ſagte mit einem tiefen Seufzer die Mutter.

Der Lehrer nahm ſeine Mütze und einen Regenſchirm. Die Lehrerin reichte auch Käthchen einen, und erſt jetzt nahm Käthchen wahr, daß der Lehrer ſie begleiten wollte. Sie wollte ihn zurückhalten; aber er that's nicht, und ſo ſchieden ſie denn ſelbander. Der Regen hatte indeſſen, wie es oft bei Gewittern der Fall iſt, faſt plötzlich aufge⸗ hört. Die Sterne leuchteten in der reinen Luft ganz

außerordentlich hell, und die beiden Wanderer ſchritten

kräftig aus.

Mit dem Unglücksfalle verhielt es ſich allerdings ſo, wie Hannickel Pleß geſagt hatte, doch bei weitem nicht ſo mit den Folgen. Betäubt waren alle, und bewußtlos hatte man ſie theilweiſe in die Stadt gebracht, in deren Nähe das Unglück geſchehen war; allein man brachte ſie wieder zum Leben, und nur ein Greis ſchien in ſeiner Bewußtloſigkeit hinüberſchlummern zu wollen. Dennoch gelang es endlich auch dieſen wieder ins Leben zurückzu⸗ bringen. Die Warnung war wieder einmal recht ein⸗ dringlich gegeben, die ſo oft wiederholt wird, und doch ver⸗

geblich, bei einem Gewitter nie Schutz und Schirm zu ſuchen unter den Aeſten hoher Bäume. Die ganze kleine Stadt war in wogender Aufregung; denn es handelte ſich um nichts geringeres, als um elf Menſchenleben. Ebenſo groß, wie die Aufregung und Theilnahme geweſen, war nun auch die Freude über die unverhoffte und unerwartete glückliche Wendung.

In welcher Lage der alte Peter Merk war, als ſeine Braunen mit dampfenden Nüſtern den Weg nach der Stadt dahin flogen, iſt ſchwer zu beſchreiben. War doch ſeit dieſer letzten Nacht ein Schlag nach dem andern gekommen, und die ſcharfe Axt war immer gegen den innerſten Kern ſeiner in die Seele eingewachſenen Neigungen, man könnte ſagen, gegen den Mittelpunkt ſeines Lebens gerichtet; denn dieſer Kern und Mittelpunkt, zugleich die Angel, um die ſich Denken, Wünſchen, Wollen, Fühlen und Thun drehte, war ja ſein Reichthum, ſein Geld. Er hatte Zeit genug gehabt, zu erkennen, wie es um ihn ſtand; wie er ein armer verlaſſener Greis ſein würde, wenn Franz ſchiede; wozu er dann gegeizt, geſcharrt, gewuchert, erſchlichen und erſchnappt. Er erkannte ſeine Armuth in ſeinem Reichthume, und das Gewiſſen fing an ihn zu quälen. Alle ſeine Vergehen, beſonders an der Schwägerin, der Witwe Merk, an ſeinem Bruder, ſie ſtanden vor ſeinem innern Auge, und ſein Kind hatte ſie ihm dahin gerückt, recht zu ſeinem Schrecken und Elende. Die Donnerſchläge am Himmel hatten wiedergehallt tief in der Bruſt. Und nun kam der herbſte, ſein Kind war erſchlagen! Das voll endete die innere Erſchütterung, und eine Folge davon war es, daß er dem Hannickel Pleß ſeine Schuld erließ, die vierzig Thaler betrug, die aber auch nur durch die höchſt wunderbare Rechnung Merks und Hannickels völlige Un⸗ kenntniß des Rechnens zu ſolcher Höhe angewachſen war.

Als der Wagen dahinrollte, ſagte der gern bleibende Knecht zu den Mägden: Habt ihr gehört, was unſer Meiſter zum Hannickel ſagte? Nun iſt mir's denn doch, als wenn die Welt bald unterginge; denn daß ein ver⸗ ſteinert Herz, das dem darbenden Armen aus Geiz ſein Brot nicht bricht, einem armen Kerl ſeine ganze Schuld erläßt, das kommt mir faſt vor, wie eins der Zeichen auf Erden, von denen der Herr redet.

Was da Alles geſchehen iſt, begreif' ich nicht, ſagte die älteſte Magd. Es muß doch ein heiß Feuer ſein, bis Erz ſchmilzt.

Laßt den Alten gehen, ſagte die andre Magd, und denket an den guten Franz! Gott wolle ihm gnädig ſein und ihn nicht ſterben laſſen! Gewiß! Gewißl ſprachen die beiden andern aus ihres Herzen Grunde. Aber auch mit dem, hob der Knecht wieder an, iſt es anders gewor⸗ den, und Gott weiß, wie! Was wird das noch werden?

Ueberlaßt es Gott dem Herrn, ſagte die älteſte Magd. Der lenket die Herzen der Könige wie Waſſerbäche: er wird auch das harte Herz eines Bauern faſſen und Alles herrlich hinaus führen. Wiſſet Ihr was? Gehet ſchlafen; ich bleibe auf, weil wir nicht wiſſen, wann der Meiſter zurückkommt! Das geſchah denn, und das fromme Mädchen holte ſein Gebetbuch und betete inniglich, daß der Herr Alles wohl machen möge.

In unglaublich kurzer Zeit erreichte der Wagen mit den dampfenden Roſſen die Stadt. Wo aber fand man die Unglücklichen? Der Knecht klopfte am erſten beſten Hauſe und hörte dann hier, daß Franz und ſämmtliche vom Blitze Getroffene in einem Saale des Hospitals ſich befänden. Dorthin lenkte der Wagen. Der Saal war