Jahrgang 
1857
Seite
50
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der aus der Stadt heimkehren ſollte, der ihrem Herzen innerlich theuer war. Endlich klärte ſich, lange nach dem Sonnenuntergang, der Himmel auf, und ſie begannen die Wäſche heimzutragen. Da jedoch das Schulhaus bei der Kirche am nördlichen Ausgange des Dorfes und in dieſer Richtung das äußerſte Haus lag, ſo führte ſie ihr Weg nicht durch das Dorf, ſondern den Fußpfad hinauf; den Käthchen, Franz und die Koſelin in ſo ver⸗ ſchiedener Stimmung auf⸗- und abgeſchritten waren, wo durch ſie mit keiner Seele in Berührung kamen, die ihnen hätte mittheilen können, was ſich im Dorfe ereignet hatte.

Erſt als ſie ſpät beim Kaffee ſaßen, der auch als Abend⸗

mahlzeit gelten mußte, kam der Lehrer heim und brachte erſchütternde Kunde von der einen, ſehr ſeltſame von der andern Seite, welche einer großartigen Wirkung nicht verfehlen konnte in den Gemüthern der Zuhörenden.

V.

Als die Koſelin Peter Merks Stube verlaſſen hatte, blieb der Alte in ſeinem Sorgenſtuhle liegen. Er ver mochte nicht aufzuſtehen; aber er rang verzweifelnd die Hände. Was ſie ihm geſagt, zeigte ſeines umgewandel ten Sohnes Entſchluß in ſeiner Feſtigkeit. Er wand ſich in ſeinem Sorgenſeſſel wie ein Aal, aber er ſah nur das drohende Unglück und keinen Ausweg, und in der Bruſt regte ſich ein Etwas, das wol auch zu andern Zeiten einmal leiſe ihn gemahnt hatte an ſeine Sünden. Diesmal aber war's anders, als ſonſt. Dieſes Mal konnte er nicht die innere Qual und Angſt vertilgen mit der Macht eines böſen Willens, wie er es wol früher bisweilen vermocht hatte. Er fühlte ſich matt, ſchwach, elend. Es war, als wenn mit einem Rucke das Alter mit all' ſeiner Schwäche und ſeinem Wehe über ihn hereingebrocheu wäre. Und dazu die innere Aufregung, Angſt und Qual! Um die Haushaltung kümmerte er ſich gar nicht, auch nicht um den Ackerbau draußen. Des Sohnes Worte brannten in ſeiner Seele wie unauslöſch⸗ lich Feuer. Er wollte das fluchbelad'ne Erbe nicht! War's denn nicht wirklich fluchbeladen? Konnte er es läugnen, daß er durch den beſtochenen Notar den Mar⸗ tinsvetter herumgebracht, der im letzten Augenblicke der armen Witwe das ihr Gehörende zuwenden wollte? Konnte er es in Abrede ſtellen, daß er ſeines Bruders

Familie arm gemacht? Aber das Bekennen, das Herausgeben? Da ſträubte ſich die eingefleiſchte Hab⸗

ſucht, der unerſättliche Geiz mit aller Kraft dagegen. Das war ein Kampf in der Seele, der den Alten hinüber und herüberriß, der ihn geiſtig abmarterte und leiblich erſchöpfte. Er nicht, er trank nicht, er hatte nirgends Ruhe und lief aus einer Stube in die andere, kratzte ſich heftig hinter den Ohren, rieb ſich die Stirne und kam zu keinem Entſchluſſe, weder zu dem, feſtzuhalten, was er hatte, noch zu dem, die Bedingung ſeines Sohnes zu erfüllen. So ging der Tag dahin, und er war der ſchrecklichſte, den Peter Merk erlebt.

Was hätte er darum gegeben, jetzt eine vertraute Seele zu haben; allein die hatte er nicht. Der Pfarrer? Ja, der! der hatte ihm Aehnliches, wie jetzt der eigne Sohn, ſchon gar oft geſagt und ihn gepackt, wie mit Fäuſten, doch nur mit Worten, daß ihm der Angſt⸗ ſchweiß wie Erbſen auf die Stirne trat; den brauchte er jetzt noch, um ihn vollends aus der eignen Haut her⸗

auszujagen! Die Koſelin, die alte Margreth? Die hatte ihm heute ſchon mit ihrer zweiſchneidigen Zunge in die Seele hineingeſchnitten. Und doch er bedurfte des Rathes, der Beihülfe, um zu einem feſten Entſchluſſe zu kommen! Gegen Abend wollte er einmal hinaus aufs Feld ſchlendern, ob ihm da nicht Einer begegne, mit dem er zutraulich reden könne; aber da fing's zu donnern und zu blitzen an. Das war nun auch am Ende! Er ſetzte ſich höchſt unglücklich in ſeinen Seſſel.

Da fing das Wetter an ſich zu entladen. Blitz auf Blitz, Donner auf Donner; dann der grelle Blitz und der gellend krachende, nachrollende, faſt knatternde Schlag! Peter Merk fuhr aus ſeinem Seſſel, der ihm jetzt ein rechter Sorgenſtuhl war, und ſtand urplöͤtzlich mitten in der Stube, und ſeit lange zum erſten Male entfuhr ſei⸗ ner Lippe die Bitte um himmliſchen Schutz. Er zitterte heftig am ganzen Leibe.

Ach! wenn doch der Franz nicht unterweges iſt! ſeufzte er und faltete die Hände.

Aber der Donner hatte ihn ungewöhnlich erſchüttert. Die Blitze ſchienen ihm drohende Mahner einer künftigen Vergeltung. Und doch keine Wendung zu dem, was Franz gefordert! So ſchwer fiel's der Seele des Geizigen, die Bande zu löſen, die ihn mit Höllenmacht an den Mam⸗ mon binden! Hier bewies ſich des Herren Wort: daß leichter ein Kameel durch ein Nadelöhr gehe, denn daß ein Reicher in das Reich Gottes komme. In der ſelben ſtets wechſelnden Stimmung verlebte er wieder eine qualvolle halbe Stunde! da lief Einer keuchend am Hauſe vorüber und dann heran. Er riß die Thüre auf und rief dem Alten zu: Erſchrecket nicht, Peter Merk, aber Ihr ſollt eiligſt nach der Stadt kommen, der Blitz hat Euren Franz getroffen! Jetzt ſtürzten Knechte und Mägde herbei, die ſich bis jetzt möglichſt in den Ecken umher gedrückt hatten, um dem Alten nur nicht nahe zu kommen; denn ſein Ausſehen war erſchreckend. Der Bauer erzählte, das Gewitter habe einen Trupp Leute, theils aus dem Dorfe, theils aus andern im nahen Ge birge liegenden Ortſchaften unterwegs getroffen. Einer habe gerathen, unter einen der alten, hohen, dichtbelaubten Nußbäume zu treten, um ſich vor dem nahenden Haupt⸗ regenguſſe zu ſchützen; Niemand habe gewarnt, weil Keiner an die Gefahr gedacht. So hätten ſie ſich deun an den Baum möglichſt angedrängt, weil dort der meiſte Schutz vor Regen zu hoffen war. Plöͤtzlich blitzt's und kracht's, und ſie alle ſtehen in Feuer, aber ſie ſtürzen alle übereinander zur Erde ohne Bewußtſein, erſtickend im gräßlichen Schwefelqualme. Wie viele todt ſeien, wiſſe er nicht. Er habe ſie eben nur auf einen Wagen in die Stadt fahren ſehen, und die zwei Doctoren und die Bart⸗ feger dabei, Alles in Angſt, Sorge und Mitleid mit den Verunglückten. Da habe ihm der Auswanderungsagent, der beſſer ſehen konnte, wer auf den mit Stroh und Bett⸗ werk belegten Wagen lag, zugerufen: Hannickel Pleß, eilet heim und ſagts dem alten Merk(was er dazu ſetzte, mag ich nicht ſagen!), ſein Sohn ſei vom Blitz getroffen! Tummelt Euch! Da ſei er denn gelaufen, daß ihm ſchier der Athem ausgegangen, um zu macheun, daß der alte Merksvetter den guten Franz noch einmal ſähe!

Den Wagen herbeil ſchrie plötzlich der Alte, und der Ton ſeiner Stimme klang entſetzlich. Er mußte ſich halten, um nicht umzuſinken. Bleib' da! Hannickel Pleß, rief er dieſem zu. Deine Schuld ſchenk' ich Dir, die Alle ſind Zeugen, wenn Du Dich zu mir ſetzeſt und mit mir fährſt;