Jahrgang 
1857
Seite
49
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Ilcuſtr

Wöchentlich 1 ½ 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und alle Poſtämter des Fürſtl. Thurn⸗ und Taxis'ſchen Poſtgebiets für 12 ½ Ngr., und im Deutſch⸗Oeſterreichiſchen Poſtvereinsgebiete für 15 Ngr. vierteljährlich zu beziehen.

Die Nacht im Zleich-Häuschen. Eine Geſchichte,

erzählt vn W. O. von Horn.

(Schluß.)

Raſch! raſch, Kind, rief die Koſelin. Heute ſpaßt's nicht. Gewitter über geſchwungene Nußbäume haben böſe Raupen. Ich entſinne mich, daß anno elf, auch um dieſe Zeit, eins tüchtig uns geſchuhriegelt hat. Damals wurde Martins⸗Peters⸗Lisbeth unter einem Nußbaum mauſetodt geſchlagen und der Nußbaum da⸗ zu mitten entzwei.

Es blitzte in dieſem Augenblicke heftig.

Heiliger Sanct Antonius von Padual rief die Koſe⸗ lin und bekreuzigte ſich. Da haben wirs ſchon!

Indeſſen hatten die vier fleißigen Frauen denn die Lehrerin half wacker die Wäſche in Körbe gerafft und glücklich im Bleichhäuschen geborgen, das gegen den Regen vollen Schutz verlieh. Auch die Frauen und das Kind fanden Schutz darin, da das Wetter ſo raſch heran kam, daß man unmöglich mehr zum Dorfe hätte gelangen können, ohne ſich der Gefahr auszuſetzen, durchnäßt zu werden. So ſchien es wenigſtens; aber Blitz und Don⸗ ner und Sturm ziſchten, krachten und heulten um die Wette, ohne daß es lange Zeit auch nur ein Tröpflein geregnet hätte. Das Gewitter war ſo heftig, wie man im ganzen Verlaufe des Sommers keins erlebt hatte. Unter den vier Frauen zeigte ſich die Koſelin am feſteſten und ruhigſten. Die Lehrerin zitterte; die Merkin bebte leiſe, und Käthchen ſah ſtill vor ſich nieder.

Plötzlich erhellte ein fürchterlicher Blitz das Häus⸗

chen; ihm folgte unmittelbar, hell und grell tönend, dann ſeltſam raſſelnd, der Donner mit ſolcher Heftigkeit, daß laut aufſchreiend die Frauen von ihren Sitzen emporge⸗ riſſen wurden. Heiliger Sanct Antonius von Padual rief die Koſe⸗ lin aus, das hat eingeſchlagen. Den Ton kenne ich. Gerade ſo raſſelte es, als dazumal Martins⸗Peters⸗ Lisbeth unter dem Nußbaume erſchlagen wurde. Wenn's nur kein Unglück gegeben hat! Gott ſei uns und allen Menſchen gnädig!

Mit dieſem Schlage, der allerdings gräßlich und erſchütternd war, ſchien ſich das Gewitter entladen zu haben. Der Sturm legte ſich. Es blitzte wol noch, aber der Donner war bei Weitem nicht mehr ſo heftig und hörte endlich ganz auf. An ſeine Stelle trat ein ſanfter Regen, deſſen die vertrocknete Flur bedurfte. Er hielt faſt bis zum Abend an und ſomit auch die Frauen im Bleichhäuschen gefangen; denn ſie wagten nicht, die ſchön getrocknete Wäſche dem Beregnetwerden preiszu⸗ geben. An Unterhaltung fehlte es ihnen nicht; denn die Koſelin hatte in ihrem langen Leben ſo vielerlei Gewitter⸗ unglücksfälle erlebt, daß ihr der Stoff für ihre redſelige Zunge nicht ausging. Nur Eine war mit ihren Gedan⸗

ken anderswo und mit beſonderer Beängſtigung bei Einem,