Saturn,
der drittletzte und zweitgrößte Planet unſerer Sonnenweltordnung.
Nach den neueſten Ergebniſſen aſtronomiſcher Forſchungen.
Von Pf. Fleiſchhauer.
„Auch das unerſchöpfliche Reich der Natur in die Jupitermonde*), die wir nur mit guten Fernröhren
ſeinen mannichfachen Geſtaltungen und Erſchei⸗
nungen ins Augezu faſſen:“ iſt ein Hauptzweck unſers „Feierabend.“ Jal groß iſt der Schöpfer dieſer Natur, groß und unerſchöpflich ſein Reich, groß und unerſchöpf⸗ lich an Verſchiedenheit der Formen und Geſtaltungen, welche die göttliche Urkraft ins Daſein rief;—„groß ſind die Werke des Herrn; wer ihrer achtet, der hat eitel Luſt daran!“ Ein„ſolches Werk des Herrn“ wollen wir im Folgenden unſerer Betrachtung unterziehen.
Wer von meinen geehrten Leſern ſollte noch nicht von dem Planeten Saturn gehört oder ihn geſehen haben, der im nächſten Halbjahre wieder den heitern Abend⸗ himmel in dem leicht erkennbaren Sternbilde der Zwillinge ſchmücken wird?— Er gehört mit zu den lichthellern oder augenfälligern Wandelſternen; ſein Lichtglanz iſt etwas matt, von bleichröthlicher Farbe, und ruhig, nicht flim⸗ mernd und funkelnd wie das Licht der Fixſterne.
Betrachten wir dieſen Weltkörper mit einem ſtark ver⸗ größernden Fernrohre, welche ſonderbare Geſtalt gewahren wir da?— Bald ſieht er aus wie ein Topf mit zwei Henkeln oder Handhaben, bald wie eine im Barbierbecken liegende Seifenkugel, bald wie eine Scheide mit zwei langen Zapfen, bald wie eine von einer Stricknadel in der Mitte durchſtochene Melone. Woher aber dieß?— Die Urſache iſt, daß dieſer Planet einen mehrfachen concentriſchen (ſeinen Mittelpunkt umgebenden) Ring hat, der, je nach der Stellung Saturns zur Erde, uns jene ſonderbaren Geſtalten vorzaubert.
Ehe ich jedoch von dieſem höchſt merkwürdigen Ringe oder vielmehr Ringſyſteme rede, wollen wir erſt unſere Aufmerkſamkeit auf den Planeten ſelbſt wenden.
Schon die alte Welt kannte dieſen Wandelſtern, der ihr als der letzte und entfernteſte am Himmel galt. In der Bibel(Amos 5, 26) wird er Chiun genannt, und man weiß, daß namentlich die alten Araber den Saturn als ein Geſtirn von unheilbringendem Einfluß, was eben der Name Chiun im Arabiſchen bedeuten ſoll, anbeteten und ihm jährlich einen Stier opferten, der mit Oel be⸗ goſſen in einer Grube verbrannt wurde, wobei die heid⸗ niſchen Opferprieſter beteten:„Heiligſter Gott, dem es angeboren iſt, Uebles anſtatt Gutes zu thun, wir haben Dir Dein Ebenbild geopfert; nimm es an und wende Deine bösartige Macht von uns ab!“— Die Griechen nannten dieſen Planeten Kronos, den Gott der Zeit, und die Römer ſprechen von einem goldnen Zeitalter Saturns; ſeiner Bildſäule gaben ſie als Attribute den verhüllten Hinterkopf, die Senſe, die Schlange im Kreis, die Fußfeſſel und bisweilen eine Ziege zu ihren Füßen. Aus der hintern Kopfverhüllung hat man ſchließen wollen, daß die Alten ſchon etwas vom Ringe des Sa⸗ turns erkannt hätten, was gerade nicht unmöglich erſcheint, da im Morgenlande die Atmoſphäre viel reiner und heller iſt, als im Abendlande, und es dort Leute gibt, die z. B.
erkennen, mit bloßen Augen erblicken; ja die Chineſen und Indier ſollen auf ihren alten Charten den Saturn wirklich mit einem Ring abgebildet haben. Indeſſen laſſen wir dieſes Mythologiſche oder Fabelhafte, und wenden wir uns zu einer Beſchreibung des Planeten ſelbſt.
Saturn übertrifft unſere, uns ſo groß und weit dünkende Erde an Größe gegen 750 mal, d. h. ſoviel Erdkugeln zuſammengeballt würden nöthig ſein, um eine Saturnkugel zu bilden. Der mittlere Durchmeſſer der letzteren beträgt mehr als 16,000 geographiſche Meilen, während unſere Erdkugel nur etwa 1719 Meilen hat. Da indeſſen die Dichtigkeit ſeiner Maſſe viel geringer iſt als die unſerer Erde, nämlich nur derſelben, ſo würden ungefähr 100 Erdkugeln ſich nöthig machen, um die Sa⸗ turnkugel aufzuwiegen. Bemerken muß ich jedoch, daß dieſe Dichtigkeit an der Oberfläche des Saturns nach dem Innern hin zunimmt, ſo daß wir überhaupt die mittlere Dichtigkeit dieſes coloſſalen Weltkörpers mit der Schwere des Korkholzes vergleichen können, und gäbe es z. B. auf dem Saturn Felſen und Steinmaſſen wie bei uns, ſo würden dieſelben in unſerm Waſſer nicht unterſinken, ſondern wie Holz auf demſelben herumſchwimmen. An Oberfläche hat der Planet 780 Millionen Quadratmeilen und übertrifft demnach unſere Erde mit ihren 9 ½6 Mil⸗ lionen Quadratmeilen Flächengehalt ungefähr um 84 mal.
Da die Bahn Saturns um die Sonne herum ſehr excentriſch, d. h. vom Kreiſe abweichend iſt, ſo iſt ſeine Sonnennähe und Sonnenferne eine verſchiedene; jene be⸗ trägt 186 ½¼ Millionen Meilen, dieſe 208 ½ Millionen Meilen, alſo die mittlere Entfernung 197 ½¼ Millionen Meilen. Ein Dampfwagen, der in einer Stunde 8 Meilen weit dahinrollt, würde von der Sonne bis zum Saturn ungefähr 24 ⅛ Millionen Erdenjahre gebrauchen, um dieſe Wegſtrecke zurückzulegen; dagegen eine Kanonenkugel, die in einer Secunde 600 Fuß weit fliegt, nur etwa 246 Jahre. Fürwahr, eine ungeheure Weite, die bezüglich der mittlern Entfernung Saturns von der Erde, nur ein paar Millionen Meilen kürzer ſein würde, und dennoch haben wir Erdbewohner, wenigſtens die Aſtronomen, eine ziemlich genaue Kunde von der Beſchaffenheit dieſes mächtig großen Weltkörpers.
Wenn nun aber dieſer Planet ſo ſehr weit von der Sonne entfernt iſt, wie mag's da um ſeine Beleuchtung durch die Sonne ſtehen, die doch bekanntlich allein ihren dunkeln Wandelſternen Licht, Wärme und Leben ſpendet, alſo auch dem Saturn?—
Dieſe Beleuchtung iſt freilich nach unſern menſchlichen Begriffen eine ſehr geringe; ſie iſt 90 mal ſchwächer als bei uns, und der ſchönſte Mittag auf dem Saturn kann nur unſerer erſten Morgen⸗ oder letzten Abenddämmerung ähnlich ſein. Die Sonne erſcheint den Saturnbewohnern
*) Der im Jahre 1837 zu Breslau verſtorbene Schneidermeiſter Schön konnte gleichfalls die Jupitermonde mit bloßen Augen erkennen. S. Kosmos III, 112.


