jährige Stille und der gedankenloſe Wilde nicht mehr die einzigen Beſitzer des Urwaldes ſind.
Das etwa zwei Stunden öſtlich von Adelaide aus der Ebene aufſteigende Mount Lofty⸗Gebirge bietet in ſeiner Scenerie, wie in ſeinen ſonſtigen Erſcheinungen, vieles Neue und Intereſſante dar. Sobald wir es betreten, befinden wir uns im völligen Urwalde, bei dem man ſich
jedoch keine amerikaniſche undurchdringliche Wildniß vor⸗
ſtellen darf. Der auſtraliſche Wald hat ſtets etwas, wenn man ſo ſagen darf, Parkartiges, d. h. er iſt immer licht und offen, läßt mitunter leere Stellen und Gruppen zwiſchen ſich, und ſein Boden iſt mit leidlichem Raſen und etwas friſcherer Vegetation, als ſonſtwo in Auſtralien,
bedeckt. Eigentliches Unterholz gibt es indeß nicht, wenn
nicht junge Gummiſchößlinge oder Diſteln und ähnliche Pflanzen, die mitunter mannshoch aufſchießen, deſſen Stelle vertreten mögen. Am auffallendſten erſcheinen hier die eigenthümlichen Bildungen des Gebirges, die vielleicht nirgends wieder in ſolcher Weiſe auftreten. Zunächſt iſt es die außerordentliche Steile der Berge, welche die Wanderung ungewöhnlich erſchwert. Das Gebirge zeigt außerdem nicht, wie andere, einen durch⸗ gehenden Zug, eine Hauptrippe, die ſich ſeitlich in unter⸗ geordnete Partieen abzweigt, ſondern das Ganze iſt mehr ein regelloſes, eigentlich unzuſammenhängendes Durch⸗ einander von Kuppen, kurzer, ſchroffer Rücken und Jochen, die zwiſchen ſich den höchſten Stock, den Mount Lofty,
bis auf eine Höhe von mehr als 2000 Fuß emportreiben.
Eine Folge davon iſt, daß es keine eigentlichen Thäler, Langthäler gibt; die Berge laſſen zwiſchen ſich nur un⸗ regelmäßige, wellenförmige Einbiegungen, enge Schluchten und Rinnen, oder zeigen jähe, tiefe Gründe von nicht
bedeutender Länge. Auf der, der Küſtenebene und dem
Meere zugewendeten Seite bilden dieſe Thäler Einſchnitte, die ganz das Ausſehen von Buchten und ausgewaſchenen Schluchten haben, und die Vorberge tragen ganz das Aeußern, als ſeien ſie erſt kürzlich durch die Flut hier auf⸗ geworfen worden. Eine Karte des Gebirges von dieſer
Seite erinnert unwillkürlich an die norwegiſche Fjorden⸗
küſte, und man wird zu der Annahme hingedrängt, daß dieſer Höhenzug einſt die eigentliche Seeküſte war und viel⸗ leicht als eine Inſel aus der Flut hervorragte. Wir werden ſpäter darauf zurückzukommen haben.— Da in dieſe Gründe die Stralen der Sonne nur bei deren höchſtem Stande, und auch da nicht immer, eindringen, und deshalb die Feuch⸗ tigkeit ſich hier beſſer und länger halten kann, ſo hat ſich in den meiſten derſelben eine etwas lebendigere Vegetation entwickelt. Der Graswuchs iſt, wie wir ſagten, ſaftiger; an dem Bache und in den Felſenritzen wehen die reizenden Wedel mächtiger Farrnkräuter und andere dahin ge⸗ hörige Pflanzen; wir entdecken manches Plätzchen, wo es uns gefallen mag und wir uns gern niederlaſſen. So iſt namentlich einer derſelben, der Third⸗Creek⸗Grund, ein oft beſuchter Platz der Adelaider, zumal er auch noch Ueberraſchungen anderer Art bietet. Er iſt ein eine kleine Wegſtunde langer enger Grund, zu deſſen Seiten die ſteilen Bergwände zu ziemlicher Höhe anſteigen. Das Thal ſchließt plötzlich eine quer vorgeſchobene Felswand
von dunkelm Geſtein, wie wir auf unſerm Bilde ſehen; unten im Bett des Baches buntumher zerſtreut liegen Felstrümmer, geſchmückt mit Farrnkräutern und anderen Büſchen, die auch auf der Schattenſeite ziemlich hoch an den Bergen aufſteigen. Ueber die vorgeſchobene Fels⸗ wand aber ſtürzt der Bach, die Third⸗Creek, faſt 100 Fuß hoch jäh herab; die ſchäumenden, zerſtäubenden Waſſer vereinigen ſich in einem ziemlich weiten Becken und eilen zwiſchen den Felsblöcken weiter; oben ſchauen die alten Gummibäume düſter darein und ſchütteln ihr Haupt im Winde, und über ihnen ſteht das bewaldete Haupt des Mount⸗Lofty. Hier befinden wir uns aber auch unverhofft in dem Lande, wo Milch und Honig fließt. In dem Thale hat ſich nämlich ein engliſcher Coloniſt angeſiedelt und ſpeciell auf Bienenzucht gelegt. Zu dieſem Zwecke hat er ſeine ganze kleine Beſitzung in eine wahre Wildniß von allen möglichen ausländiſchen Bäumen und ſonſtigen Pflanzen, die viel und lange blühen, umgewandelt, um ſeinen Bienen die nöthige Nahrung zu ſichern, die ihnen das Land freiwillig nicht bieten kann. Haus und Garten ſind förmlich überwuchert. Gar oft haben wir in ſeiner Orangenlaube geſeſſen, ſeinen Honig gekoſtet und ſeinen Meth getrunken. Ein Stück weiterhin hauſt eine deutſche Bauernfamilie aus der Gegend von Leipzig, die hier eine Milchwirthſchaft be⸗ gründet hat, ſo daß wir alſo die Wahl haben, uns in der kleinen Tropenwelt des Bienenzüchters in Honig und Meth einem faſt patriarchaliſchen Genuß hinzugeben, oder bei einem Stück Brot und einem Glaſe Milch mitten in einer fremden Wildniß und Tauſende von Meilen von der Heimat entfernt, in einem deutſchen Bauernhauſe einen gemüthlichen deutſchen Feierabend zu begehen. Verfolgen wir die Kette des Mount⸗Lofty nordwärts, ſo tritt uns endlich gerade das Gegentheil dieſer freundlicheren Bilder entgegen. Die Berge flachen ab, der Baumwuchs wird immer zwerghafter, die niedere Vegetation immer armſeliger; wir berühren noch mehr Ortſchaften, über welche wir gern hinwegeilen, die Ebene breitet ſich weiter und weiter und bietet den weidenden Schafheerden kaum noch die nothdürftigſte Nahrung. Endlich hört der Pflanzenwuchs ganz auf; unſer Fuß wandelt auf dem baaren Lehm⸗ oder Kiesboden, den keine Quelle mehr tränkt, und wir ſtehen zuletzt, an dem berühmten Lake Torrens(Torrens⸗See) angekommen, an der Schwelle des wüſten Innern, das noch kein menſchlicher Fuß betrat. Hier wollen wir für heute von dem Leſer ſcheiden, um ein ander Mal ihn weiter in jenes merkwürdige Land einzufüh⸗ ren, das auf der einen Seite durch ſeine natürliche Armuth berüchtigt worden iſt, während es doch auf der anderen mit ſeinem Golde weithin ſtrahlt, das, während es mit dem einen Fuß ſchnell in die Reihe der wichtigen und beſuchten Länder getreten iſt, ſeinem größten Theile nach ſich bis⸗ hernoch faſt jedem menſchlichen Blick entzog,— das, wie es vielleicht für alle Zeiten eine unerſchöpfliche Fund⸗ grube von Stoffen für die Induſtrie abgeben, auch viel⸗ leicht nicht minder lange ein unaufgeſchlagenes oder wenig⸗ ſtens nicht völlig entziffertes Blatt in dem Buche der Natur bilden wird.
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