Jahrgang 
1857
Seite
31
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Fluch abwenden, der auf uns ruhet? oder es bleibt keine Wahl ich verzichte auf mein Erbe und gehe arm nach Amerika. Das ſteht feſt. Nun, bedenkt's Euch wohl bis Morgen. Gute Nacht!

Er ſtand auf und ging feſten Trittes zur Thüre hinaus. Er ſah nicht, daß der Alte ſteif ohnmächtig in dem Seſſel lag. Als der Sohn den Willen ausſprach, nach Amerika zu gehen, da vergingen dem Alten die Sinne; das Sünden⸗ regiſter ſiel wie eine Centnerlaſt auf ſeine Seele und er⸗ ſchütterte ihn.

Als die Magd am Morgen in die Wohnſtube trat, lag der Alte im Seſſel und ſchlief ziemlich ruhig, aber er ſah bleich und entſtellt aus. Was mag da geſchehen ſein? dachte ſie; denn ſie hatte noch nicht geſchlafen, als Franz heim kam, hatte den heftigen Alten furchtbar poltern ge⸗ hört, und doch war Franz nach langer Zeit erſt ruhig, aber merkwürdig feſt und ganz anders auftretend, wie ſonſt, die Treppe hinaufgeſtiegen. Kaum hatte ſie

Waſſer geholt und Feuer angemacht, ſo kam Franz mit

den Knechten herab. Sie gingen in den Stall, kamen dann zur Suppe und, gegen ſeine Gewohnheit, ordnete Franz die nothwendigen Arbeiten an, nachdem er mit den Knechten Rückſprache genommen, und fuhr dann mit dem Knechte hiuaus, der einen Acker zu ſäen und unter zu eggen hatte. Er ſelbſt ſäete, und als dieſer Acker geeggt war, ſäete er einen zweiten, ließ auch dieſen, der minder groß, als der erſte war, eggen und ging nach Hauſe. Das fiel Allen auf, da Franz bisher ſich kaum um etwas bekümmert hatte, was ihm nicht ſein Vater befohlen. Er war plötzlich ein Anderer geworden, das war gewiß. Der Alte war ſpät erwacht. Er befand ſich unwohl, matt und angegriffen. Die Hausmagd rieth ihm, ſich in's Bett zu legen; aber das ging nicht; denn die Juden im Dorfe hatten den nächtlichen Unfall gehört und kamen nun ſchon und ſchmußten dem Alten über den Ankauf eines neuen Pferdes, das ſie hätten. Sie brachten das Thier in den Hof. Der Alte vergaß über alle Umſchweife und Juden⸗ geſchwätze eines ſolchen Handels, was ihm die Bruſt zuſam⸗ menſchnürte, ſchier ganz; nur dann und wann verrieth ein tiefer Seufzer, daß es nichtüberwunden, nicht vergeſſen war.

Peter Merk war Roßkamm genug, um zu erkennen, daß er mit dem Pferde, ſo theuer es auch die Juden hielten, einen guten Kauf machen würde. So iſt denn endlich der Handel richtig geworden, und ſie ſtellten das Thier in den Stall, als eben Franz zurück kam. Er grüßte ſeinen Vater ſo ehrerbietig, wie immer, beſah und unterſuchte auf eine ſo kundige Weiſe das Pferd, daß ſein Vater im Stillen erſtaunte, und hielt dann den Handel für gut.

Er ging übrigens auf ſeine Kammer, kleidete ſich an und kam dann herunter.

Was gibt's? fragte etwas kleinlaut der Alte.

Ich gehe in die Stadt, zum Agenten, ſagte er und ging zur Thüre hinaus.

Den Alten überfiel ein Zittern und Beben, daß er in ſeinen Seſſel ſank. Was iſt aus den Buben in einer Nacht geworden? rief er faſt verzweifelnd aus. Wohinaus ſoll das? Macht er Ernſt, und ich traue es ihm zu, was ſoll aus mir werden in meinen alten Tagen? Hab' ich dazu gerungen und geſpart? Das Wortgeſpart blieb ihm aber faſt in der Kehle ſtecken; denn die Thüre ging auf, und die Koſelin trat herein, vor der der Alte eine wahre Scheu hatte, weil ſie ihm immer wie ein Schreck⸗ bild vorkam, das ihn an Zeiten erinnerte, deren Er⸗ innerung er gerne mied.

Was willſt Du, Margreth? redete er aus alter Ge⸗ wohnheit die Dienerin an, die ihn genauer kannte, als Jemand; denn ſie war ja lange genug im Hauſe geweſen.

Was ich will, Peter Merk, ich will es Euch rund ſagen, hob ſie an. Dieſe Nacht und ſie erzählte ihm Alles, wie ſie es der Merkin geſagt, faſt mit wörtlicher Treue, ohne daß ich es wußte, war Euer Sohn Ohrenzeuge, wie ich vermuthe. Da hat er nichts Er⸗ bauliches von ſeinem Vater gehört denn Ihr wiſſet, die Margreth weiß mehr, als andere Leute, aber an die große Glocke hat ſie es nie gehängt, ſondern als ein Geheimniß betrachtet, das ſie, als alte Magd des Hauſes, bewahren müſſe; aber Eurer Schwägerin war ich klaren Wein ſchuldig. Sie hat ihn gekriegt. Daß Euer Sohn Zeuge war, ahnte ich nicht. Nun hör' ich, Ihr habt Spektakel mit ihm gehabt. Sagen wollt ich Euch nur, daß es der bravſte Sohn iſt, den je ein Vater hier hatte. Verfahret vernünftig mit ihm. Bringet ihn nicht zum Aeußerſten! Eben gehet er an mir vorüber. Ich grüß' ihn. Er dankt, aber er iſt ein Anderer, wie ſonſt. Er reicht mir die Hand und dankt für das, was er dieſe Nacht aus meinem Munde gehört. Das habe ihm die Augen geöffnet. Er ſähe, ſagt er, daß ein Fluch auf ſeiner Habe ruhe. Sie müſſe wieder an den rechten Herrn. Darum gehe er in die Stadt, zum Agenten. Er wandere aus nach Amerika. Von Eurem Gute wolle er keinen Kreuzer. Mit dem, was er von ſeinem Pathen bekommen, könne er nach New⸗York kommen und eine Zeitlang leben. Das ſei ſein. Er laſſe es verſteigern und gehe deshalb zum Notar. Sein mütterlich Erbe vermache

er dem Käthchen; auf das Väterliche und die Errungen⸗ ſchaft verzichte er. Cuch, fuhr er fort, habe er eine Be⸗

dingung geſtellt, die Alles ändern könne; aber wie er Euch kenne, gäbet Ihr lieber Euer Kind hin, als das zu thun. Was das iſt, weiß ich nicht, wills auch nicht wiſſen, aber das mußt' ich Euch ſagen. So ſteht's. Der führt's aus, daran iſt kein Zweifel. Was er gehört, das hat ihn plötz⸗ lich zum Manne gemacht. Ihr wiſſet, es iſt kein Jota unwahr dran, was ich geſagt. Nur fluchet mir nicht, daß ich die unſchuldige Urſache bin, daß ein großes Unglück Euer graues Haupt bedroht aber ein verdientes Peter Merk, ein wohlverdientes. Doch in der Schrift ſteht: Richtet nicht, damit Ihr nicht gerichtet werdet! Ich ſchweige. Thuet, was Ihr wollt. Ich habe mein Gewiſſen gewahrt, aber bedenket das Ende!

Die Alte drehte ſich auf dem Abſatz um und ging weg, ohne den alten Merk anzuſehen, der wie ein Bild des Jammers da ſaß, und die Hände rang, wie Einer, den die Flut des Elends verſchlingen will.

IV. Wooi die alte Koſelin es hernahm, daß Franz ſie im Häuschen belauſcht? die Frage beantwortet ſich leichter, als Jemand glaubt.

Als der Wächter die Mitternacht rief, klopfte er leiſe an dem Fenſter Käthchens. Das gute Kind hatte ihn darum gebeten; denn ſie wollte die Mutter ablöſen, daß ſie bis Tag ruhen und ſchlafen könne. Sie wußte ſchon, daß das bei der Koſelin rein unmöglich war. Zu dem Ende hatte ſich Käthchen mit den Kleidern aufs Bette gelegt und ſprang nun raſch auf eilte zur Thüre hinaus, ſchloß ab und betrat beflügelten Schrittes den