Hinterpforte lag, indem das Haus, wie alle Wohnge— bäude des Dorfes, am aufſteigenden Berge erbaut war. Der Grund, daß die Thüre verſchloſſen war, lag in einer Begebenheit, wie ſie in ländlichen Verhältniſſen wohl einmal vorkommt. Der alte Merk hatte im Stalle zwei wohlgenährte, wilde, junge Pferde. Eins davon riß ſich in der Nacht los und trabte im Stalle herum. Unglück licher Weiſe kam es dem angebundenen Thiere nahe, das feuerig und kitzlich war. Dieß ſchlug heftig aus und ſchlug dem ſchönen Thiere, das ſich losgewunden hatte, ein Vorderbein mit ſolcher Gewalt entzwei, daß es nur eben noch loſe hing.
Die Knechte ſchliefen wie die Dachſe. Nur der Alte wachte. Er hörte den Tumult im Stalle, ſtand auf, machte Licht, zündete ſich die Laterne an und ſah nach. Da fand er denn das geſchehene Unglück, welches den Verluſt des ſchönen und theueren Thieres ſofort im Ge⸗ folge hatte, da an ein Heilen nicht gedacht werden konnte.
Im höchſten Grade erregt, zornig, daß die Knechte die Thiere nicht beſſer und feſter angebunden, unwillig über den bedeutenden Verluſt, der im Zeitpunkte der Herbſtausſaat doppelt unangenehm war, ſchlug er Lärm. Die Knechte und Mägdeeilten herbei, und empfingen ihr ge⸗ höriges Kapitel mit Schimpfen und Toben; aber Franz erſchien nicht. Der Alte hatte ſich in ein Uebermaß von Zorn hineingearbeitet, als er das Nichtdaſein ſeines Sohnes erſt wahrnahm. Schnell eilte er die Stiege hinauf in ſeine Kammer. Franz war nicht da; ſein Bette war un⸗ berührt.— Ohne Faſſung ſtand der Alte da.— Das that Franz, den er in der ſtrengſten Zucht hielt? Sollte der auf liederliche Wege gerathen ſein?— Wer konnte das Rechte wiſſen? Oder— ſollte er mit dem Käthchen gar Zuſammenkünfte haben?— Das wäre für ihn das Aergſte geweſen! Lange ſtand der Alte völlig ſtarr, kopflos da. Er vergaß den Verluſt ſeines beſten Pferdes über dieſem Zwiſchenfalle.— Endlich trat er aus der Kammer, um Knechte und Mägde in's Examen zu nehmen; denn die konnten möglicher Weiſe um dieſe nächtlichen Gänge des Sohnes wiſſen. Da empfand er einen heftigen Zug vom Speicher herab. Er ſchritt hinauf und ſah die Hinterthüre offen, die, wie bei allen Häuſern des Dorfes, die mit dem Dache an den Berg reichen, eigentlich ſchon auf dem Speicher war. Er leuchtete hinaus; ja er ſchlich hinaus, ſelbſt bis gegen das Häus chen, darin die Merkin wohnte; als er aber da kein Licht bemerkte, die Thüre feſt verſchloſſen war, ſchüttelte er den Kopf und ging zurück, ſchloß die Thüre und kam wieder in den Stall. Die Knechte hatten Nachbarn geweckt. Der Hirte, der zugleich Abdecker war, kam auch. Das unglückliche Thier wurde mit vereinter Hülfe weggebracht.
Der alte Merk ſaß in ſeinem Seſſel und ſchäumte vor Zorn. Es ſchlug eben zwölf Uhr.— Nach einer Stunde kamen die Knechte zurück. Der Alte ſchickte ſie und die Mägde ſchlafen. Er blieb auf. Endlich, nachdem zwei Uhr bereits längſt vorbei war, klopfte es an der Thüre. Alles kochte und wallte im Herzen des ſchwäch lichen, alten Mannes. Aha! dachte er, nun kommt der Finke! Zitternd vor Zorn ging er hinaus und öffnete, und kaum lag die Thüre im Schloſſe, ſo brach der Strom über die Dämme. Franz ſchritt ſtille vor dem Vater her, aber nicht die Treppe hinauf in ſeine Kammer, ſondern in die Wohnſtube, an die des Vaters Schlafkammer ſtieß. Dort ſetzte er ſich in aller Faſſung, jedoch todtbleich, dem Vater gegenüber, hörte von dem Unglück und ließ dann
den Strom der Schimpfnamen über ſich ergehen. Als er ſich entladen, fragte der Alte: Wo warſt Du? Ich will Alles wiſſen! Rede! 1
Franz war ſich völlig klar geworden. Ruhig und feſt wollte er ſeinem Vater entgegentreten, ſich nicht ereifern, noch weniger aber die Grenze überſchreiten, die das Ge⸗ bot: Du ſollſt Deinen Vater und Deine Mutter ehren— geſetzt hat jeglichem Kinde.
Es iſt heute eine unglückliche Nacht, hob Franz an. Euch brachte ſie das Unglück mit dem Pferde, mir aber ein weit größeres,— denn ſie zog endlich die Hülle hin— weg von manchem Geheimniß, das wie ein Alp mich drückte. Vater, ich werde offen reden, wie es dem Sohne ziemt, aber es ſteht in der Schrift: Ihr, Väter, reizet Eure Kinder nicht zum Zorne! Darum bitte ich, mäßiget Euch und ſchimpfet nicht wieder, wie Ihr es thatet. Ich verdiene ſolche Namen nicht, das ſollet Ihr erfahren. Ich will ohne Rückhalt Alles klar machen. Das will ich Euch vorerſt ſagen, daß ich das Käthchen lieb habe, wie mein Leben, ja noch mehr. Ich will gerne das Meine hingeben, um das Seine, wenns in Gefahr wäre, zu retten. Ihr ſeid dagegen, ich weiß es,— der Alte wollte aufbrauſen. Franz bat ihn ruhig anzuhören, weil er ſonſt ſchweigen, aber dann keine Stunde in dieſem fluchbeladenen Hauſe bleiben, ſondern, das ſei ſein feſter Wille, nach Amerika auswandern würde.
Der Alte ſank ſprachlos in ſeinen Seſſel zurück. Was war mit dem Knaben vorgegangen? Als Knaben hatte er ihn betrachtet, als Knaben ihn behandelt bisher, ob er gleich die Knabenſchuhe längſt ausgetreten hatte, und nun ſtand er urplötzlich als Mann ihm gegenüber mit einer ſo überwältigenden Ruhe und Feſtigkeit, daß es dem Alten ſchier ſchwindeln wollte. Endlich rief er: So rede! Und Franz fuhr fort: Ihr ſeid dagegen, ob's gleich Eures Bruders Kind iſt, den Ihr arm gemacht, vielleicht in's Grab gebracht habet.—
Lügner, Dul ſchrie der Alte; aber es war ihm, als klänge die Poſaune des Weltgerichts in ſeine Seele hinein. Er zitterte, wie das Blatt der Silberpappel am Bache, wenn der Wind durch die Aeſte geht.
Heißet mich keinen Lügner, wenn Euch das eigene Gewiſſen die Wahrheit zuruft, fuhr Franz ruhig fort. Ihr wollet mich mit Hoffters rother Grethe verkuppeln, ich weiß es. Daraus wird nichts, das ſag' ich Euch vor Gott hier. Die kindliche Pflicht hat da ihre Grenzen, wo es ſich um das Lebensglück des Kindes handelt. Da ich nun bisher mich wie ein Kind leiten ließ, ſo wagte ich es nicht, das Käthchen zu ſehen. Heute Nacht liegt Schulmeiſters Wäſche auf der Bleiche. Die Tante wuſch ſie mit der Koſelin. Ich dachte, das Käthchen würde dabei wachen, und ich könnte mich einmal durch das Fenſterlein nngeſtört erfreuen, das liebe Geſichtchen zu ſehen. Statt deſſen hör' ich, wie die alte, zwar ſchwatz hafte, aber grundehrliche Koſelin der weinenden Merkin die Geſchichte unſerer Familie erzählt, ich höre den Grund Eures Haſſes gegen die Tante und das Käthchen; ich höre, wie Ihr ſie durch Prozeſſe arm machtet und ihre Güter an Euch brachtet; ich höre, wie Ihr es mit dem Martinsvetter gemacht habet,— Vater, ich weiß Alles und verſtehe nun erſt, was andere Leute mir oft als Räthſel hinwarfen, die ich nicht löſen konnte. Nun habe ich Euch Eins zu fragen: Wollt Ihr der Merkstante ihre Güter frei zurückgeben; wollt Ihr derſelben die Hälfte des Erbes vom Martinsvetter ſammt den Zinſen zurückgeben und ſo den
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