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Hrrausgegeben von Heinrich Schwerdt.
Wöchentlich 1 ½— 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und alle Poſtämter des Fürſtl. Thurn⸗ und Taxis'ſchen Poſtgebiets für 12 ½ Ngr., und im Deutſch⸗Oeſterreichiſchen Poſtvereinsgebiete für 15 Ngr. vierteljährlich zu beziehen.
Die Nacht im Zleich-Häuschen. Eine Geſchichte,
erzählt von W. O. von Horn.
(Fortſetzung.)
III.
Wir wiſſen es, daß Franz aus einer ganz anderen Ur⸗ ſache zum Bleichhäuschen ſchlich, als die war, die ihn dort feſſelte. Er hatte oft die Alte gefragt nach den früheren Verhältniſſen jener Familie; nach dem Grunde der Armuth ſeiner Tante und dem des väterlichen Haſſes gegen ſie; aber ſo ſchwatzhaft auch das Weib war, es war dennoch ein gutes Zeichen ihres Herzens, daß ſie nicht Unkraut ſäen wollte zwiſchen Vater und Sohn, auch wenn der Same die lauterſte Wahrheit geweſen wäre, wie denn ohne Zweifel das, was ſie der armen Merkin erzählte, die volle, reine Wahrheit war. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, wo er das Alles ohne Schminke hören ſollte. Er war wie an die Stelle gebannt. Es ergriff ſeine Seele eine Macht, die ihn feſt hielt, und Zug vor Zug enthüllte ſich vor ſeinem ſchwindelnden Geiſte das Schauer⸗ gemälde, in dem ſein Vater eine ſo furchtbare Rolle ſpielte; er ſah das Glück einer Familie zertreten; zwei Herzen brechen; einen Erbſchleicherbetrug ſpielen, ja er ſah, wie auch ihn ſein Vater um das Glück ſeines Lebens bringen wollte; denn er wußte nur zu gut, wie wahr das ſich verhielt, was die alte Koſelin von ihm und des Müllers Tochter ſagte. Als ihn die arme, gute Merkin erblickte, ſtürzte er fort, ohne zu wiſſen, wohin.— Seine Stirne brannte; das Herz pochte, als wolle es aus der
Bruſt heraus. Alles wirbelte in ſeinem Kopfe; aber es war mit dieſem Abende ein Wendepunkt für ihn einge⸗ treten, ein Wendepunkt, der ihn aus einem ſtill duldenden Knaben zu einem handelnden Manne umwandelte.— Er rannte noch lange umher, bis er unter einem Nußbaume an mooſigem Rain niederſank und allmälig das in ihm gährende Weſen zur Klarheit kam.
Es ſchlug eben zwei Uhr, als er an der Hinterthüre ſeines väterlichen Hauſes ankam, ohne daß er ahnen konnte, was ſich hier zugetragen. Zu ſeinem nicht ge⸗ ringen Schrecken fand er die Thüre verſchloſſen. Sollte ſie der Wind ins Schloß geworfen haben?— Das war jedoch unmöglich; denn er kam in der Richtung gegen die Thüre, wodurch er ſie nur konnte aufgejagt haben. Da war etwas geſchehen. Er probirte. Sie war von innen geſchloſſen; das ließ ſich nicht bezweifeln; auch das nicht, daß ſein Vater ſeinen nächtlichen Ausgang, den erſten in ſeinem Leben, entdeckt hatte.
Eine Weile ſtand er überlegend da. Dann richtete er ſich auf und ſah gen Himmel. Lenke es zum Guten, Herr! betete er leiſe; denn nach dem, was er gehört, mußte es nun zu einem ernſten Auftritte kommen, vielleicht zum Bruche in irgend einer Art. Noch einige Augen⸗ blicke ſammelte er ſeine Gedanken, dann ging er feſten Trittes hinab zur Hausthüre, die viel tiefer, als die


