des Erdreichs, unterſtützt von der anregenden Macht der Wärme und des Lichtes, ſind genügend, das ganze Material zu liefern, welches zum Bau der Pflanze erforderlich iſt. Das bewegliche Luftmeer, welches uns allenthalben umflutet,— über deſſen Oberfläche wir uns nicht zu erheben vermögen,— das Waſſer, welches, aus luft— förmigen Stoffen zuſammengeſetzt, die trockne Erde um⸗ ſpült,— dieſe beiden ſind die Träger der vier Grund ſäulen des Pflanzenlebens, aus dieſen unverſiegbaren
Quellen ſchöpft die Pflanze ihre nothwendigſte Nahrung:
Kohlenſtoff, Waſſerſtoff, Sauerſtoff und Stickſtoff. Ein jeder dem Pflanzenreich entnommener Körper, wenn wir ihn der chemiſchen Analyſe unterwerfen, ergibt ſich zuletzt
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als eine Verbindung dieſer drei oder vier einfachen
Subſtanzen. Aus dieſen wenigen Elementen erzeugt die Schöpfungskraft der Natur in ihrer geheimen Werkſtätte alle die Tauſende und aber Tauſende Pflanzen, welche die Oberfläche unſeres Erdball's bedecken.
An dem Samenkorn bemerken wir einen Punkt, den ſogenannten Keimfleck, von welchem aus die Entwickelung
der neuen Pflanze beginnt. Dieſem Punkte entſpringen— iſt der Same in die feuchte Erde gelegt— zwei Fortſätze, der eine die Wurzelfaſer, welche zuerſt die Samenſchale ſprengt, um abwärts in den Boden einzudringen, der andere die Blattfeder, welche ſich durch keinen Zwang von ihrer der Wurzel entgegengeſetzten Richtung, dem Lichte zu, abwendig machen läßt.
Im Innern des Samends iſt, ſobald die Keimung begonnen, eine weſentliche Veränderung vorgegangen. Ein Theil des Stärkemehls, welches in keinem Samen fehlt, iſt durch Aufnahme von Sauerſtoff aus der Luft in Zucker verwandelt; der Same, der vorher ganz ge ſchmacklos war, hat nun einen ſüßen Geſchmack ange— nommen. Die Technik benutzt dieſen Vorgang der Natur. Die durch das Keimen in Zucker übergeführte Stärke der Gerſte dient zur Bierfabrikation. Ein Theil des Kohlen⸗ ſtoffs des Samens hat ſich mit dem Sauerſtoff der Luft vereinigt; dieſe wird dadurch ärmer an Sauerſtoff, reicher an Kohlenſäure. Keimen eine Menge Samen in einem geſchloſſenen Raume, wie dies z. B. beim Malzen der Gerſte der Fall iſt, ſo wird die Luft dadurch unathembar, ebenſo wie die Luft an einem Orte, wo viele Menſchen zuſammengedrängt ſind.
Wird die Pflanze, nachdem die Keimung vollendet, getrocknet und gewogen, ſo ergibt ſich, daß ſie, obgleich zehn⸗ und mehrmal größer als der Same, doch um ein Bedeutendes leichter als der Same vor der Keimung iſt.
Mit dem völligen Abſterben der Samentheile beginnt ein zweiter Abſchnitt des Pflanzenlebens, das Wachſen, in welchem die Pflanze, ihrer mütterlichen Pflege durch den Samen beraubt, nun ihre Nahrung ſelbſtſtändig in ihrer äußeren Umgebung aufſuchen muß.
Die grünen Blätter der jungen Pflanze erlangen,
ſobald ſie von den Strahlen der Sonne berührt werden,
die wunderbare Kraft, die Kohlenſäure, welche allenthalben in der Atmosphäre verbreitet iſt, in ihre Beſtandtheile, Kohlenſtoff und Sauerſtoff, zu zerlegen. Sie bemächtigen ſich des Kohlenſtoffes, wodurch die Pflanze erſtarkt und wächſt. Im Dunkeln gezogene Pflanzen bleiben weiß und kränkeln, da ihnen ohne Hülfe des Lichtes eine wichtige Quelle der Ernährung unzugänglich bleibt; die Begierde nach Licht iſt auch der Grund, daß Pflanzen und Bäume, die wir in unſeren Zimmern ziehen, ſich ſtets dem Fenſter
zuneigen; ſie wollen ſo viel wie möglich vom Lichte genießen.
Der Kohlenſtoff, den ſich die Pflanze angeeignet hat, iſt, mit den Elementen des Waſſers ſich verbindend, dazu beſtimmt, die wichtigſten vegetabiliſchen Subſtanzen, Holzfaſer, Stärkemehl, Zucker ꝛc., zu erzeugen.
Vergleicht man den Vorgang des Wachſens der Pflanze mit dem der Keimung, ſo ergibt ſich, daß beide in chemiſcher Hinſicht geradezu entgegengeſetzt ſind. Wäh⸗ rend der keimende Same Sauerſtoff aufnimmt und Kohlen⸗ ſäure aushaucht,— die Luft verdirbt,— ergreift die ge⸗ keimte Pflanze den Kohlenſtoff der Kohlenſäure und gibt den Sauerſtoff an die Atmosphäre zurück,— verbeſſert ſie.
Den Stickſtoff, welchen die Pflanzen bedürfen, ent⸗ nehmen ſie zum Theil auch der Atmosphäre, in welcher überall in größerer oder geringerer Menge Ammoniak, eine luftartige Verbindung von Waſſerſtoff und Stickſtoff, vorhanden iſt.
Die ſelbſtſtändige Pflanze bedarf aber noch einer gröberen Speiſe, als ſie ihr durch Luft und Waſſer gereicht wird, zur Bildung ihres Skelettes. Dies ſind die mineraliſchen Beſtandtheile, welche ihr aus dem Boden durch die Wurzeln zugeführt werden. Kalk, Alkalien in Verbindung mit Säuren, Kieſelerde, dieſe erdigen Theile ſind es, welche ſo allgemein verbreitet in allen Pflanzengattungen vorkommen, daß ſie als weſent⸗ liche Bedingungen der Vegetation zu betrachten ſind. Sie finden ſich in allen Pflanzengattungen ohne Aus⸗ nahme, aber in verſchiedenen Mengenverhältniſſen. Faſt in einer jeden zum Wachsthum tauglichen Bodenart ſind dieſe weſentlichen Elemente vereinigt und auf ihrer künſt⸗ lichen Zuführung, um einem Stück Landes wieder zu erſetzen, was ihm an Mineralbeſtandtheilen durch eine Ernte entzogen worden,— beruht die Bedeutung der Düngung.
Hat nun die Pflanze geblüht und Früchte getragen, ſo iſt ihr Ziel erreicht, ihre Beſtimmung erfüllt; die nun folgenden Veränderungen unterliegen den allgemeinen Geſetzen der Auflöſung lebendiger Weſen. In die At— mosphäre, der ſie entnommen, kehren ihre gelösten Elemente zurück, in den großen Ring, welcher alle Natur⸗ reiche umſchlingt, gleichviel, ob ſie vereint geweſen zu einem tauſendjährigen Stamm oder zu einer raſch dahin⸗ ſchwindenden Blüte des Frühlings. Zuletzt, wenn die Pflanze ausgetreten aus dem Reiche des Lebens, zuletzt bleibt von ihr nichts mehr übrig, als ihre wenigen Mineralbeſtandtheile; dieſe gibt ſie der mütterlichen Erde zurück zur Erzeugung eines neuen Pflanzendaſeins.
Wenn ſchon in dem Leben der Pflanze, ſo weit wir es erkennen, ſich nirgends ein rein zufälliges Verhalten zeigt, wenn vielmehr durch alle Umwandelungen der Pflanze, deren mannigfach gruppirte Elemente uns hier die lebendige Geſtalt der Roſe, dort der Lilie, des duftenden Veilchens bieten, ſich überall das Band feſter, unwandelbarer Grundordnungen hindurchzieht, kann uns dann das Leben überhaupt noch als eine bloße Maſſe aufgehäufter That⸗ ſachen erſcheinen? Je empfänglicher wir aber ſind für die geſetzmäßige Schönheit in der Schöpfung— der Offen⸗ barung Gottes in der Natur—, um ſo inniger müſſen wir auch ergriffen werden von der ewigen Schönheit und Erhabenheit der göttlichen Offenbarung durch das Wort,
um ſo lebendiger wird in uns das Gefühl der Dankbarkeit
gegen die ewige Liebe!—


