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hättet an ſeiner Thüre betteln müſſen, damit er Euch mit einem brüderlichen Fußtritt hätte wegſtoßen können. Da⸗ vor hat Euch der gnadenreiche Gott behütet, aber der Peter hat's doch nahe genug dazu gebracht. Er heira⸗ thete eine reiche Frau, die ihm der Vater verhandelte. Ihr Herz war gebrochen, ehe ſie ihn nahm. Sie gebar ihm den Franz, der ſo gut und treu iſt, wie ſie, dann ſiechte ſie hin, und er legte ſie ohne Leid in's Grab. Den, den ſie lieb hatte, und deſſen Frau ſie geworden wäre, wenn Peter nicht dazwiſchen gekommen, hat er nach Amerika getrieben. Wie's ihm geht, weiß Gott allein. Von da ab fuhr der Geizteufel in ihn. Euch prozeßte er arm, Andern zapfte er das Blut ab. Eure Aecker ſind ſein geworden, wenn auch durch die dritte und vierte Hand; Eure Schulden handelte er ein, um Euch zum Verkaufe zu zwingen. Und auch das Häuschen hätte er Euch genommen, wenn der alte Ackermann, dem Ihr die Hundert und fünfzig Gulden darauf ſchuldet, nicht ein braver Mann wäre, der Euch nicht in die Hände dieſes Unmenſchen wollte kommen laſſen. Gott vergelt' es ihm reichlich! Wenn's nicht noch gute Menſchen gäbe, möchte man lieber gleich ſterben. Die Merkin weinte faſt laut. Es war wahr, was die Koſelin ſagte. Sie ſaß mit dem Rücken gegen das Fenſterlein, ſonſt hätte ſie ein Geſicht geſehen, ſo bleich, wie eine Leiche, das, um ja nichts zu überhören, oft den Scheiben des Fenſterleins recht nahe kam. Alle Kennzeichen eines im Innerſten erſchütterten Herzens zeigte dieß Antlitz vor dem Fenſter. Was mochte in dem Herzen vorgehen, zu dem es gehörte? Nach einer Weile, indem ſie das Holz auf dem Herde zu⸗ ſammenſtieß, fuhr ſie fort. So war er reicher geworden, der wuchernde Mammonsknecht, und Ihr und viele Familien im Dorfe und in der Nähe ärmer. Da kam eine Begebenheit, die ſein Thun erſt recht in's Licht ſetzte. Sein und Deines Mannes Vater hatte einen Bru⸗ der, der war Bartſcheerer im Dorfe geweſen und hatte Schröpfen und Aderlaſſen gelernt, kannte einige Pflaſter und dergleichen und ließ ſich Doctor ſchelten. Der Mar⸗ tin Merk wurde von den Franzoſen, als ſie zum erſten⸗ male Soldaten aushoben, auch genommen. Damals lebte ſein Vater noch, der theilte und gab ihm vollends zum Erbe, ſo weit et es nicht ſchon in der Lehre als Bart⸗ ſcheerer und Aderlaſſer verbraucht hatte. Er ging mit uno war ſeitdem verſchollen. Vor etwa zwanzig Jahren, als wir ſo achtzehnhundert und in die dreißig ſchrieben, kam der Doctor Martin zurück. Heiliger Sanct Antonius von Padua, wie war's mit dem anders geworden! Er hatte einen Sack voll Gold und wußte nicht, wie er's ſollte unterbringen. Da war der Peter bei der Hecke. Sein großes Haus gefiel dem Martinsvetter, der überhaupt kein Pſiffikus war. Der Peter ſcher⸗ wenzelte um ihn herum Tag und Nacht; that ihm Alles Liebs und Guts und ſchmierte ihn mit ſeinem eigenen Schmalze. Nach Euch fragte der alte Martin nicht, und der Peter wußte auch ihn ferne von Euch zu halten. Dein Mann war zu gerade und ehrlich, um dem reichen Vetter zu ſchmeicheln. Item, er wurde krank. Peter pflegte ihn, und als er zum Sterben kam, ließ er einen Notar kommen. Man ſagt, ſein Gewiſſen habe der Pfarrer geweckt, und er habe Euch doch die Hälfte ſeines Reichthums vermachen wollen, aber der Peter hatte den Notar, der eine rechte käufliche Hundeſeele war, beſtochen, und der ſagte: Ob er ſeinen ſauer erworbenen Schatz
ſolch' lüderlichem Geſindel geben wolle und dergleichen mehr— kurz, ſie brachten ihn richtig um die Ecke. Er vermachte dem Peter Alles, und als dieſer den Alten etwa acht Tage begraben hatte, ſtarb des guten Franz brave Mutter, man ſagte damals— weil ſie ſich dieſen Judas⸗ Bruderſtreich ſo ſehr zu Herzen gezogen hätte.— So iſt er der grundreiche Mann geworden, und Ihr ſeid um das rechtlich Euch zuſtehende Erbe ſchändlich betrogen worden. Ich diente noch im Hauſe damals und wußte, wie es zuging. Nun, ich konnte ja nichts ſagen und davon thun, aber das hab' ich mit meinen Ohren gehört, daß ſeine Frau ihm den Judasſtreich vorwarf; daß es da zu einem wilden Streite kam und der Peter ſich gebehrdete wie ein wildes, raſendes Thier, nicht wie ein Menſch. Eine Stunde darauf bekam die engelsgute Frau einen Blutſturz. Der wiederholte zwei, dreimal, und ſie war eine Leiche, der arme Franz eine mutterloſe Waiſe.— Was kümmerte ſich Peter drum?— Er hatte des Vetters Geld allein, und Ihr waret arm!— So gehts in der Welt, daß ſich Gott erbarme! Und warum haßt er Dein Kind? frag' ich. Darüber hab' ich auch ſo meine Ge⸗ danken. Erſtens gleicht es Dir, als Du jung warſt, wie ein Tropfen Waſſers dem andern; da werden die alten Erinnerungen alle jung und mit ihnen der alte Haß. Zweitens— weiß er es recht gut, daß der treue, von ihm unterdrückte Franz Dein Käthchen lieb hat; er weiß es ſo gut, als ich es weiß, aber er iſt zu klug, es merken zu laſſen, weil er weiß, daß der Strom erſt recht brauſt, wenn ihm ein Wehr entgegengeſtellt wird.— Verſtehſt Du mich?— Er denkt, der Franz gehorcht Dir blind. Er hat nicht den Muth ein Wort zu ſagen, wenn ich ihm die Tochter des reichen Müller's Haffter freie, die blitz⸗ rothe Haare hat und, als Zankeiſen berüchtigt, keinen Freier kriegt, ſo reich ſie iſt, und ſo gerne ſie unter die Haube möchte mit ihren dreißig Jahren und ſo vielen Thalern, als ſie Sommerflecken im Geſichte hat. Könnte er Dein Kind dahin wünſchen, wo der Pfeffer wächſt, wahrlich er ſäumte nicht. So ſteht's, glaub' es mir. Ach Gott! ſchrie plötzlich die Merkin, ſeht Ihr das bleiche Todtengeſicht dort am Fenſter?— Hul Koſelsbaſ', das iſt ſchrecklich geweſen!—
Die Koſelin fuhr herum, aber das Geſicht war weg, das die Merkin geſehen. Sie wollte es ihr ausreden, aber ſie blieb dabei, ſie habe es geſehen, und es ſei ganz entſetzlich geweſen!—
Die Koſelin war eine kuraſchirte Frau. Sie ſprang auf und eilte hinaus; aber dichtes Gewölke war, während die Frauen am Herde kauerten, am Himmel heraufge⸗ zogen. Der Mond war bedeckt und die Dunkelheit um ſo größer, als die Alte von der Flamme des Feuers drinnen im Bleichhäuschen geblendet worden war. Sie ſah nichts. Hören konnte ſie die Tritte des raſch Ent⸗ eilenden nicht; denn der Wind war ſtärker geworden, und die Wogen des Rheines ſchlugen mit Macht gegen das felſige Ufer. Sie ſtand eine Weile ſtill da. Als es aber auf der Dorfuhr eben Eins ſchlug, da überlief es ſie doch eiskalt, denn gerade in der Geſpenſterſtunde hatte die Merkin das Todtengeſicht, wie ſie ſagte, geſehen!— Der mit der Muttermilch eingeſogene Aberglaube machte jetzt auch bei ihr ſeine Macht geltend, und ſie eilte, ſo ſchnell ſie konnte, in's Bleichhäuschen, nicht ohne einige Dutzend Mal ſich zu bekreuzigen und ein Ave zu beten.
(Fortſetzung folgt.)


