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irtes Volksblalt.
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Herausgegeben von Heinrich Schwerdt.
V Wöchentlich 1 ½— 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und alle Poſtämter des Fürſtl. Thurn⸗ und Taxis'ſchen Poſtgebiets für 12 ½ Ngr., und im Deutſch⸗Oeſterreichiſchen Poſtvereinsgebiete für 15 Ngr. vierteljährlich zu beziehen.
V Die Nacht im Bleich-Häuschen. Eine Geſchichte,
erzählt von W. O. von Horn.
(Fortſetzung.)
II. Oben im Dorfe, neben der Kirche, öffnete ſich um dieſe Zeit dien Hinterthüre eines anſehnlichen Hauſes, und heraus trat ein junger Menſch von etwa zwanzig Jahren. Er war hoch gewachſen und kräftig. Sein Ge⸗ ſicht war ſchön, allein es trug den Ausdruck einer faſt mädchenhaften Scheu. Er ſchlug den Weg hinter der Kiicche herum ein, blickte nach den Fenſtern eines kleinen eeinſtöckigen Häuschens, um das ſich Reben rankten, und als er es lichtlos ſah, ſchlug er ſich links, wo ein Fuß⸗ pfad mündete, den er betrat. Dieſer Fußſteig ſenkte ſich ber ſchnell und ſtark. Nach dieſer Richtung hatte das Dorf den Reſt mittelalterlicher Befeſtigung aufzuweiſen, den Stumpf eines einſt gewaltigen Thurmes und die noch bis zum Rheinufer hinabführende Mauer, über welche, und oft auf ihr ruhend, die Dächer der Häuſer mit ihrem ſchönen ſchwarzblauen Schiefer hinausſahen. An dieſer Mauer hinab lief der Pfau bis zum Bogen⸗ thore, durch welches die berühmte, von den Franzoſen er⸗ baute Rheinſtraße hindurchführte. Von hier aus trat der Züngling unter dem Schatten der Nußbäume dem Häus⸗ chen zu, aus dem die Lohe des Kaffeefeuers ſich erkennen ließ; allmälig, leiſe und ſchleichend näherte er ſich dem Bleichhäuschen, ohne daß die Frauen es merkten Hatte er diebiſche Abſichten auf die Wäſche des Lehrers?—
Behüte Gott! Er war unſtreitig der reichſte Erbe des Dorfes und zugleich ein Burſche, der eines untade⸗ ligen Rufes ſich erfreute. Wollte er die zwei Waſch⸗ frauen, die dieſe Nacht da wachten, aushorchen? Auch das nicht! Er wußte ſich frei von der Neugierde, welche ſich aufs abſcheuliche, ſittlich verwerfliche Aushorchen legt, und die Alte da unten kannte er wohl; auch wollte er durch Erſchrecken keinen Scherz treiben; dafür war er zu ernſt. Aber was trieb ihn denn, da doch der Wächter eben zehn Uhr blies und ausrief, da hinab? Das genau zu wiſſen, thut uns Noth, aber es führt uns auch in eine etwas frühere Zeit zurück.
In dem Hauſe, aus welchem der Jüngling getreten war, wohnte der alte Peter Merk, ein Menſch, der nur vor Bagl ſeine Knie beugte; der Reichſte im Dorfe, der Geizigſte und Habgierigſte, den es umſchloß. Unfreund⸗ lich, herrſchſüchtig und mürriſch in ſeinem Weſen und Gehaben, hatte der Menſch wenig Freunde; nur ſein Geld gab ihm Anſehen. Die Leute brauchten ihn in ihrer Noth, und als ächter Blutegel ſog er ihren letzten Reſt von Wohlſtand aus, wenn ſie in den Bereich ſeiner lieb⸗ loſen Thätigkeit geriethen. Seiner trefflichen Frau hatte er das Leben zur Hölle gemacht. Sie ſtarb frühe, und das war eine Wohlthat Gottes für das milde, engelsgute Herz. Sie ließ ihm ein Kind zurück, und dieß war der


