Jahrgang 
1857
Seite
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des Käfers in die einzelnen Glieder und ſelbſt in die fein⸗ ſten Härchen ſeiner Fühler ſteigen und ſie nähren und tränken und geſchmeidig machen können für die Bewegung und empfänglich für jeden Druck oder Stoß, für Kälte und Wärme. Wer es nicht ſieht, der glaubt es nicht, und dennoch iſt es ſo und muß ſo ſein, weil ſonſt das Thier nicht wiſſen könnte, wie es ſich zurecht finden ſoll in der unendlichen Schöpfung, und nicht wieder zurück käme zu ſeiner Wohnung. Es kennt aber recht gut ſeinen Freund und Bruder, kennt die Pflanze, die ihm geſund iſt, oft beſſer als der kluge Menſch, der doch Alles wiſſen und verſtehen will.

Da wir gerade von den Fühlern reden, möchte ich noch Einiges über die Verſchiedenheit ihrer Bildung ſagen. Ja, damit Du mich um ſo beſſer verſtehſt, will ich Dir einige der auffallenderen Formen hinzeichnen. Da ſiehſt Du Fig. 1 die Fühler des Maikäfers, der meiſt

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alle vier Jahre in großer Menge erſcheint und dann oft das Laub der Bäume verzehrt, ſo daß ihn der Gärtner und der Förſter nicht gern ſieht. Käme er alle Jahre zu uns, ſo wären ſeine Verwüſtungen noch viel ſchlimmer. Wenn manches Thier innerhalb einiger Tage ſeinen ganzen Lebenslauf durchmacht, ſo braucht der Maikäfer, ehe er aus dem Ei ſchlüpft, als Larve und Puppe allmählig wächſt und ſich zum vollkommnen Thier verwandelt, einen Zeitraum von vier Jahren, und deshalb ſindet er ſich in Menge gewöhnlich erſt nach dem Verlaufe dieſes Zeit raums. Wo er her kam, konnte man lange nicht begreifen,

bis ein aufmerkſamer Beobachter entdeckte, daß er wie

eine Pflanze aus der Erde kroch und wurzelte doch nicht in derſelben. Er mag auch nicht gleich dem Maulwurfe viel mit ihr zu ſchaffen haben; ſie iſt ihm ein dunkler Kerker, dem er gern entflieht, um auf Eichen und Pappeln und manchem andern Baum herum zu ſummen und ſich des Sonnenlichts, der Luft und der Wärme zu erfreuen. Auch behagt ihm nur das Laub, wenn es recht zart iſt, und darum kommt er im Mai und Juni und iſt ſpäter wieder verſchwunden. Mancher Naſeweiß, der die Zeit

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nicht erwarten kann, muß elend verhungern, wenn er zu früh erſcheint, und dem Neſthaken oder dem trägen Lang⸗ ſchläfer, der kommt, wenn die Suppe verzehrt iſt, geht es nicht beſſer. Gewiß habt Ihr ſchon manchmal beim Ackern die dicken, weißen Maden geſehen, mit ihren ſechs langen Beinen und dem braunen Kopf. Das iſt der Mai käfer, der noch in den Windeln liegt und noch nicht in die Schule gegangen iſt. Wie ein Säugling windet er ſich und ſtreckt die Aermchen aus, wenn ihr ihn plötzlich mit der Pflugſchar aus ſeiner Wiege werft. Es iſt keine ſorg⸗ ſame Mutter bei ihm, die ihn wieder zudecke und ein ſchläfere, und kann er nicht zufällig unter lockere Erde kriechen, ſo wird er von einem hungrigen Raben oder einer Krähe gefreſſen, und Ihr ſehet ein, warum dieſe Vögel den Ackermann ſogar auf das Feld folgen und in jeder Furche hinter ihm hergehen, als wollten ſie wiſſen, ob er auch den Boden ordentlich pflüge. Auch iſt ja den armen Geſchöpfen nach dem langen Winter wohl eine ſolche Mahlzeit zu gönnen. Der Menſch fängt ſogar an, es den Raben gleich zu thun, und Ihr könnt in manchem neuern Kochbuche die Anweiſung zu einer Maikäferſuppe finden, die wie Krebsſuppe ſchmecken ſoll. Daß aber die Hühner die Maikäfer mit Begierde freſſen und reichlicher danach legen, iſt eine bekannte Sache. Gar mancher Vogel ſtellt gleichfalls dem fetten Maikäfer nach, und ſo iſt es denn kein Wunder, daß die große Anzahl derſelben bald vermindert iſt, und es brauchen muthwillige Buben nicht etwa noch das arme Thier an einen Faden zu binden und langſam zu Tode zu quälen. Was nicht auf jene Art ſein Ende ſindet, verkriecht ſich nach einigen Wochen in die Erde und ſtirbt. Das Weibchen legt aber vorher ſeine Eier in eine Grube, und daraus entſtehen, wie ge⸗ ſagt, die Larven, deren Nahrung wunderbarer Weiſe aus der Feuchtigkeit oder andern Theilen der Erde beſteht, ſo daß ſie nicht mehr und nicht weniger dazu brauchen, als das Samenkorn, das doch kein lebendiges Thier iſt und täglich nicht ſo viel nöthig hat, als es ſchwer iſt. Merkwürdig aber iſt, daß der männliche Maikäfer

weit größere und ſtärkere Fühler hat, als der weibliche.

Statt der feinen Härchen, von denen ich oben ſprach, ſtehen auf den letzten Gliedern breite Schaufeln, welche das Thier nach Gefallen zuſammenlegen und auseinander⸗ breiten kann. Man begreift nicht, wie die großen Breter an den kleinen Gliedern befeſtigt ſind, und drehen ſich doch wie eine Thüre in der Angel. Hätte das Weibchen aber ſolche Schaufeln, ſo würde ich ſagen, daß ſie ihm dazu dienen, um ſich, wenn es Zeit iſt, aus dem Grabe herauf⸗ zuarbeiten und durch die herbe Erde hindurch. So aber weiß ich es nicht ganz gewiß. Ohne allen Grund mag es indeſſen nicht ſein, da wir bei andern Käfern, die auf ähnliche Weiſe leben, wie bei den Todtengräbern, den großen Miſtkäfern oder dem Nashornkäfer, die Fühler am Ende mit einer gleichen Keule geſchmückt ſehen. Auch die Einrichtung der ſtarken Vorderbeine mit ihren Zähnen und Dornen, ſo wie die ſcharfen Krallen an den Füßen ſind zum Graben eingerichtet, und wenn man die Kraft bedenkt, welche das kleine Thier entwickelt, und die Emſig keit, womit es ſich durch die Erde hindurcharbeitet, ſo iſt auch zu ihm das Wort geſagt:Im Schweiße deines Angeſichts ſollſt du dein Brod eſſen.

Was für den Aufenthalt in der Erde recht zweckmäßig iſt, das paßt nicht für die Luft oder das Waſſer. Wir ſehen daher den Fiſch, den Regenwurm und das Säuge⸗ thier in ſeinem angewieſenen Elemente beharren. Doch