Jahrgang 
1857
Seite
15
Einzelbild herunterladen

Meinetwegen! ſagte ärgerlich die Alte. Du hörſt ſolche Dinge nicht gerne. Darnach lernt man aber ſeine Leute kennen. Bei der waſche ich nicht, und wenn ſie mirs doppelt bezahlte! Einmal hat ſie mich erwiſcht. Da kannte ich ſie noch nicht ſo.

Die kochte noch altes

Sauerkraut im September und einen Kinnbacken dazu,

der etwa ſieben Jahre im Rauch gehängt und doch Milben im Fleiſch hatte! Und Kaffee! Nein, eine Cichorien⸗ brühe! Das vergeß' ich meine Tage nicht. Heiliger Sanct Antonius von Padua! Ich bekam Grimmen drauf, daß ich meinte, ich müſſe das Zeitliche ſegnen. Doch ich will ſchweigen und meinen Mund nicht aufthun! Du

ſagſt gleich, ich räſonnire, woran doch mein Herz nicht

denkt!

Das braucht Ihr nicht, Koſelsbaſ', ſagte die Merkin. Nur nicht ſo räſonniren über die Leute! Reden könnet Ihr, ſo viel Ihr wollet.

Räſonnir' ich denn? fragte die Koſelin ärgerlich, wenn ich von den Leuten ſage, was wahr iſt?

Um ſie nicht vollends in Harniſch zu bringen, goß die Merkin raſch eine Taſſe Kaffee ein, den Rahm dazu und warf ein tüchtig Stück Zucker hinein. Das reichte ſie ihr behende, und die bedenklichen Runzeln der Stirne ver ſchwanden. Die Alte nahm einen Schluck, ſchnalzte mit

der Zunge vor Behagen und ſagte dann: Meiner Ge-

treu! das iſt ein Kaffeechen, wie es Waſchfrauen ziemt! das hat ſich gewaſchen! Ja, das Schulwäschen iſt brav! Sie tranken nun, aßen den Pollmehlskuchen dazu, und das rührige Mundwerk der Alten ruhte, weil es eine andre Beſchäftigung hatte. Nachdem das gehörige Quan tum verſchluckt und ein Neuwieder Kümmel genommen war, den die Merkin zurückwies, legte die Alte Holz zu und ſetzte ſich behaglich. Nun wach' ein Bischen, ſagte ſie. Ich nucke nur, bis der Wächter Zehn bläſt. Dann hab' ich genug. Sieh auch einmal hinaus nach der Wäſche! Damit hing ſie den Biberrock um den Kopf, lehnte ſich an die Wand, und wenige Augenblicke ſpäter gab ſie in ſeltſamen Tonfällen kund, ſie ſchlafe feſt und tief. Leiſe ſtellte die Mexkin das Geräthe weg und lehnte ſich an das Fenſterlein, wo ſie die im Mondſchein vor ſich liegende Wäſche überblicken konnte. Bald ſchien es, als nehmen ihre Gedanken eine andere Richtung; denn der Ausdruck ihres ſchönen Geſichtes wurde ernſt, dann

wehmüthig und ſchmerzlich, und endlich trocknete ſie ſich

dann und wann eine Thräne, die es deutlich ankündigte,

daß ihre Gedanken die Grenzen eines Gebietes über

ſchritten hatten, wo die Freude nicht heimiſch war, wohl

aber Kummer und Sorgen. Und das Leben der armen

Witwe war reich an beiden, reicher, als ſie es ausſprach. (Fortſetzung folgt.)

Die Herrlichkeit der Schäöpfung im Kleinen.

Von Ph. Hoffmeiſter.

(Mit drei Abbildungen.)

Nicht blos im Großen und Majeſtätiſchen in den den ſeien, und gewann allmählig eine Ueberſicht über die

himmelanſtrebenden Alpen, in dem donnernden Niagarra⸗ fall, in den rieſigen Blumen und Bäumen der Tropen⸗ welt, im Wallfiſch und Elephanten offenbaret ſich die Herrlichkeit der Schöpfung. Gerade die kleinen Erſchei⸗ nungen der Natur, die man kaum eines flüchtigen Blickes würdigt, ſind ſo mannichfaltig und entwickeln bei aufmerk ſamer Betrachtung ſo viele Schönheiten und Wunder, daß man erſt recht inne wird, wie reich die Schöpfung iſt und wie viel der Gäſte ſind, die täglich an ihrem Tiſche ſpeiſen.

Nun muß ich aber vor allen Dingen ſagen, warum man vor hundert Jahren noch wenig von dieſen kleinen Herrlichkeiten der Schöpfung wußte, warum ſie unſern Vätern ein verſchloſſenes und verſiegeltes Buch waren. Es gehört nämlich mehr dazu, als das bloße Auge, um ſie zu erforſchen, und viele gelehrte Männer mußten zu ſammentreten und gar manchen Tag ſinnen und beobach ten, ehe ſie die Mannichfaltigkeit und doch wieder die Regelmäßigkeit in dem Bau und der ganzen Einrichtung der kleinen Geſchöpfe erkannten. Da entdeckte man in einem Tropfen trüben Waſſers, der nicht größer iſt als ein Stecknadelknopf, huͤnderte von lebenden Weſen, welche in demſelben herumſchwammen wie in einem Meere, ihre Nahrung darin fanden und ihre Feinde ſich fortpflanzten und nach wenigen Minuten ſchon ihr kurzes Daſein be fchloſſen, um neuen Geſchlechtern Platz zu machen. Man ſand, daß die Arten dieſer Thiere, welche früher für einer⸗ lei gehalten worden, ſich auf eine große Anzahl beliefen, die alle durch beſtimmte charakteriſtiſche Merkmale verſchie⸗

Millionen Weſen, die zuvor keines Menſchen Auge ge⸗ ſehen, daß man ſie ordnen und nach größeren und kleineren Gruppen zuſammenſtellen konnte. Sie erſchienen wie die Glieder einer zuſammenhängenden Kette oder wie ein wohlgeordneter Haushalt oder eine Gemeinde, in der jedem nach ſeinen Kräften und Fähigkeiten eine beſtimmte Bahn vorgezeichnet iſt, ſo daß er ſeinem Nachbar nicht im Wege ſteht, ſondern an ſeinem Theile das Wohl des Ganzen fördert. Man ſah gleichſam ein Fortſchreiten vom Niederen zum Höheren, ein Entwickeln von der einfachen Kugel⸗ geſtalt ohne alle äußeren Glieder bis hinauf zu der voll kommenſten und mannichfachſten Ausbildung jedes ein⸗ zelnen Theils, ein Wiederfinden des ſchon Dageweſenen, wenn auch in anderer Form und in anderen Verhältniſſen. Man ging noch weiter und erforſchte auch das Innere dieſer Geſchöpfe, die Bedingungen ihrer Lebensthätigkeit, ihre Beſtimmung für den Haushalt der Natur, ihr Ver⸗ hältniß zu dem Menſchen, den Thieren und Pflanzen, ihren Nutzen oder Schaden, ihre Verwandlungen, und was ſonſt noch den Blicken ſich offenbarte. Dies Alles und noch viele andere Wunder der Schöpfung, die an ſich ſo klein ſind, daß ſie dem bloßen Auge unſichtbar bleiben, entdeckte der Menſch, indem er einige Stücken Glas künſt⸗ lich ſchliff und nach beſtimmten Regeln in eine Röhre einſchloß. Man nennt dieſes Wertzeug bekanntlich ein Ver⸗ größerungsglas oder mit einem griechiſchen Worte: Mikroſkop, was etwa ſoviel wie ein Inſtrument be⸗ deutet, wodurch nur kleine Dinge betrachtet werden dürfen. Je ſtärker nämlich die Gläſer nach dem Rande zu abge⸗