Jahrgang 
1857
Seite
13
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Die Nacht im Bleich-Häuschen. Eine Geſchichte,

erzählt von W. O. von Horn.

1.

Wenn der Wind über die Stoppeln weht, iſt der Herbſt nicht weit, und ich bin froh, wenn die Herbſt wäſchen alle vorüber ſind, daß man einmal beim Spinn rade, am warmen Ofen ſitzen kann, ſagte die alte Koſelin zur Merkin, die mit ihr naſſe Wäſche auf die Wieſe legte. Dieſe ſchwieg darauf. Sie mochte wohl wiſſen, daß, wenn die Koſelin in's Plaudern kam, jede andere Zunge ruhen möchte. Sie waren beide Waſch frauen, aber der Unterſchied war doch unendlich groß zwiſchen beiden; die Merkin war nämlich eine Vierzigerin von kräftiger Geſtalt und ſehr hübſchem Geſichte; die Koſelin das Urbild einer alten ſiebenzigjährigen Hexe; die Haut kaum über die Knochen geſpannt, braun, pocken⸗ narbig; die Augen klein und roth; das Haar pechraben ſchwarz, noch in den Siebenzigen kaum in ſeiner Fülle zu bewältigen, aber faſt ähnlich dem Pferdehaare und kaum in Flechten haltend. Dennoch war die Alte ſehnig, zähe und noch arbeitsfähiger, als manche Junge. Ging der Mund auf, in dem von der Reihe ihrer Zähne nur noch vorn Einer, wie ein langer, dürrer Hauer übrig war, dann zerſchrak man vollends vor ihr. Plaudern aber konnte ſie, räſonniren, die Leute zurechtmachen, nein, keine Waſchfrau im Reiche that es ihr gleich. Ihr Blick durchdrang im Augenblick den ganzen Raum der Küche und des Waſchhauſes. Sie wußte, wie viel Stückchen Seife zu verwaſchen waren, und ob Etwas abfiele, und

was es zu Mittag gäbe. Für ſich wuſch ſie das ganze Jahr nicht; denn in jede Büte brachte ſie ein Paar Hemden oder dieß und das denn, ſagte ſie, es iſt für eine arme, alte Frau, und bei einer großen Wäſche kommt's darauf nicht an! Kaffee konnte ſie trinken, ſo lange eine Thräne davon in der Kanne oder im Topfe war, aber nicht ohne Zucker. Und wenn ſie ſo hungrig oder durſtig geweſen wäre, daß ſie es kaum länger hätte aushalten können, ſie wäre doch nicht eher zu Tiſche ge gangen, als bis ſie fünfmal gerufen worden war; denn ſagte ſie das ziemt ſich ſo; man darfnichtgierigerſcheinen! Den Schlaf konnte ſie wunderbar beherrſchen, nur in der Kirche nicht; denn da ſchlief ſie ſelbſt, wenn die Gemeinde ſang. Sie arbeitete fleißig, aber am fleißigſten, wenn die Hausfrau oder Eins der Ihren bei der Bütte ſtand. Im Dorfe lebte Keiner und Keine, deren Lebensgeſchichte, moraliſches Gemüth und Vermögen ſie nicht bis in's Kleinſte gekannt hätte. Freilich war ſie bei dem zweiten Punkte nicht immer gerecht; denn Vorliebe und Abneigung legte ſich da mit in die Schale, und man konnte es leicht mit ihr verderben. Dann und wann ein Schnäpschen oder ein Glas Wein war ihr Bedürfniß. Es erwärmt und belebt die alten Knochen, ſagte ſie, wenn ſie es hatte hinabgleiten laſſen, und ſchnalzte dann, die Güte aner⸗ kennend, mit der Zunge. Die Merkin war in Allem ihr Gegentheil. Sie war Witßtwe, wie die Koſelin, hatte aber ein Kind, eine Tochter, während dieſe kinderlos war.