Jahrgang 
1857
Seite
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Fenſter hineinſieht, nicht weiß, liegt in der Krippe ein Nachkömmling Japhet's oder ein Sohn Ham's. Die Mutter aber iſt weit draußen im Feld und wird erſt heim⸗ kommen, wann ſich die Hüh ner aufgeſetzt haben, und das Kind muß warten. Oder: Die W zäjcherin iſt auf das Waſchen gegangen, und der Mann iſt daheim. Aber er ſchläft feſt, wie der Schildknappe des Kaiſers im Unters berg, und es iſt, als wüßten das die Ameiſen draußen vor dem Fenſter im Garten. Zuerſt kommen zwei, und dann vier und dann acht und zuletzt eine Legion und ſetzen ſich auf den Zulp des Kindes und kriechen in ſein Näslein und ſteigen auf ſeine Augendeckel und laufen auf ſeinen Wangen herum, wie die Funken in der Kohle des ver brannten Papierd, und ſind darüber es umzubringen, wie geſtern den tauben Maikäfer, der in ihren Haufen gefallen war. Oder: die gnädige Frau iſt auf dem Balle, und die Wartfrau iſt daheim, eine nämlich aus Ber lin oder gar aus Paris, und ſpricht durch's offene Fenſter hinunter in den Garten mit Einer. Hinter ihr aber legt ſich die Katze quer über das Geſicht des jungen Grafen im Korb, und er muß erſticken, wenn das Sommernachts⸗Geſpräch nur noch etliche Minuten dauert. Weiſt du, liebe Leſerin, an wen ich bei dieſen drei und bei hundert anderen Kin⸗ dern denke? An die Fledermaus, ſage ich dir. Dieſe Mutter nimmt die Zwillinge, die ſie zur Welt bringt, ſo⸗ gleich an ihre Brüſte und thut ſie nimmer weg, bis ſie ſelbſt ihre Flughäute gebrauchen und Käfer oder anderes Geflieg fangen können. Mit ihnen kommt ſie aus den

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mit der beſten Zuverſicht an das Werk.

Schalllöchern des Kirchthurms, mit ihnen flattert ſie über

den Teich und durch den Kreuzgang des Kloſters, und

wenn ſie vor dem Morgenſtern heimgekehrt iſt und wie⸗

der in ihrem Winkel ſitzt, ſchlägt ſie die florenen Flügel um ihre Kinder, daß ſie ſüß und ſicher ſchlafen können, bis die Sonne untergegangen iſt und die Mondſichel ſchon hoch am Himmel ſteht. Wer aber den Fledermaus⸗ Zwillingen ſagt, d daß ſie ſich ſelbſt anklammern und feſt⸗ halten müßten, weil ihre Mutter weder Arme noch Hände hätte und ihr Brot nirgends anders finden könnte, als in der Luft, das iſt derſelbe, von dem Salomon's Weis⸗ heit ſchreibt:Gott hat beide, die Kleinen und Großen, gemacht und ſorget für Alle gleich.

Item: Wenn die Schneider einen Mantel machen, ſo iſt es weiter nichts als ein Mantel, und die kunſtreichſten unter ihnen haben es noch nicht ſo weit gebracht, daß man in ihren Ueberziehern oder Paletots dazwiſchen eine Strecke fliegen kann. Einer ausgenommen, Augsburg, der den Mantel fertigte, in welchem der Chor⸗ ſchüler vom Kranz des Thurms zu St. Ulrich herabflog und unverſehrt auf den Lechkieſeln des Pflaſters ankam. In der Werkſtätte aber, aus welcher auch die Flügel des Schmetterlings kommen, werden Flugmäntel dem Tau⸗ ſend nach gemacht. Das will ſagen: für den Winter hängt ſich die Fledermaus mit ihren Hinterfüßen an einen Dachſparren oder an einen Holznagel in der Scheune, wickelt ſich in ihre Flügel, wie man ſich in einen feinen Caſchemir⸗Shawl hüllt, und ſchläft ein. Da hängt ſie nun, und wer unten vorübergeht, der meint, es wäre nur ein Fetzen ſtaubiges Spinnengewebe. Aber wenn der

tags darnach auf der Zinne des Thurmes ſtand, er ſo leer

was im Winter Mantel geweſen war, und was als Deck bett gedient hatte, trägt nun frank und frei durch die Luft, freilich nicht ſchwalbengleich, aber doch daß Mancher wünſchen möchte:Könnt' ich's nur ſo!

Weiter: Zu Ulm an der Donau war ein Schneider, der ſchlug eines Abends, weil er nichts Beſſeres zu thun hatte, eine Fledermaus aus der Luft, ſpannte üiß wie einen Kihanetterlünd auf ein Bret und beſchaute ſich ihre Flügel. Und als er ſah, daß nichts 3.eten daran wäre, ſprach er bei ſich ſelber:Solche Schwünge will ich mir auch an⸗ meſſen. Mit Fiſchbein und Wachstaffet läßt ſic das Ding leicht machen, und zu Luſt kommt man weiter als zu Waſſer oder gar auf der Axe. Darauf ſtellte er ſich in die Stadt⸗ wage, um zu ſehen, wie viel er mehr wiege, als eine Fleder⸗ maus, und da es ſich fand, daß ſeines Gewichts nur ein Vierling über einen halben Centner wäre, machte er ſich Und als er fertig war und ſah, wie leicht es von Statten ging, wenn er ſich mit dem Bana über ſein Holzbock legte und mit Hand und Fuß die angeſchnallten Flügel in Bewegung ſetzte, wie das fliegende Eichhorn ſeine Haut, ließ er in dem Ulmer Wochenblatt verkünden:Der Schneidermeiſter Zenger hat ein Flugwerk erfunden und wird damit nächſt⸗ künftigen Montag Abends um 7 Uhr von dem Thorthurm an der Donau aus den erſten Verſuch machen und ſicher⸗ lich weiter fliegen, als man ihn ſehen kann. Dieweil ſich aber die ganze Reichsſtadt über das Proclama verwun⸗ derte und ſich in zwei Hälften dafür und dawider ſchied, ſetzte der Schneider ſeine Exercitien auf dem Holzbock fleißig fort. Auch kaſteite er ſich vom Freitag an in beſon⸗ derem Maße, und weil es ihm immer in den Unterleib fuhr, wenn er aus ſeinem Stüblein nach der Zinne des Thurms hinaufſchaute, erleichterte ihn die Natur auch auf einem anderen Wege. Kurz und gut, als er Mon⸗ war und federleicht wie die Handflügler, wenn ſie den Winter durch gefaſtet haben. Aber als er ſeine Flügel ausgeſpannt hatte und ſich der ſchelmi⸗ ſchen Luft in die Arme warf, erging es ihm, wie dem Papierdrachen, der den Kopf zwiſchen die Füße nimmt

und herunterfährt, wie die Sperber auf den Sperling: er

der Schneider in

Thauwind mit dem Schnee fertig geworden iſt und auch

an etwas Anderes gehen kann, wenn die erſten Käfer durch die Scheune ſchnurren und der Dachs vor ſeine Hausthür kommt, wacht auch die Langſchläferin auf. Sie wickelt ſich aus ihrem Shawl, und in demſelben Augenblicke, wo ſie den Sparren oder Nagel losläßt, wird zum Flügel,

fuhr kopfüber mitten in die Donau hinein, wo ſie am tiefſten iſt und ward nicht mehr geſehen. Die zarten Frauen ſtießen einen lauten Schrei aus, die harten Männer lachten, und die Fährleute eilten auf ihrem Nachen herzu und hoben den Schneider aus der Taufe. Die Hofleute, ſo bei dem Herzog von Würtemberg ſtanden, ergrimmten über ihn und redeten von allerlei Strafen, die er verwirkt hätte und zum Schrecken für andere Betrüger. Aber der Herzog erwiderte lachend:Laßt ihn, er hat Wort ge⸗

halten, er iſt weiter geflogen, als wir nachſehen konnten,

und ſchickte ihm, als er wieder glücklich an's Land gebracht war, fünf neue Dukaten. Und der Schreiber dieſes iſt nicht dabei geweſen und hat daher weder geſchrieen, noch gelacht, noch ſpendirt, aber das weiß er, daß der Schneider von Ulm auch kein größerer Thor war, als die ſind, die von ihren Telegraphen und Dampfwagen ſtolz auf einen Fledermaus⸗Flügel herab ſchauen und nicht wiſſen, daß das Leben vom Schöpfer in einer einzigen Flughaut alle ihre Maſchinen und Erfindungen aufwiegt. Flügel kann ſich ein Schneider anmeſſen, aber Leben, Leben kann er nicht hineinbringen. Das kann nur der Schöpfer, und vor ihi werfe ich mich in den Staub und rufe:Herr, Du allein biſt würdig zu nehmen Preis und Ehre und