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wärtigen vermochte, ſollte die Kunſt der Malerei leben⸗ diger vor das Auge zaubern;— ja, der edle Sproſſe des alten Landgrafenthums, der ſich durch die Reſtauration ſeiner glorreichen Ahnenburg ein unvergängliches Denk⸗ mal gründet, will in dem neuen Baue zeitweiſe reſidiren und die lang verwaiſ'ten Hallen mit neuem Leben ſchmücken. Glaube und Wiſſenſchaft, Natur, Poeſie und Kunſt ſollen hier auf's Neue gepflegt werden, und Alle, die in gleichem
halbtodt in die Knie ſank, dieſer königlichen Dulderin ge⸗ widmet iſt. Sieben Thaten ihrer Barmherzigkeit, ein⸗ fach, wahr und tief ergreifend in Medaillons auf blauen Grund gemalt, wechſeln mit eben ſo viel hohen, ſchmalen Bildern, die reicher und auf's edelſte gehalten, von Eli⸗ ſabeth's Ankunft aus dem Ungarlande, von ihren Roſen und ihrem Unglücke auf Wartburg, bis zu ihrem Tode in
tiefſter Armuth zu Marbach erzählen, dann aber, im Con⸗
Streben mit Ihm zuſammenſtimmen, ſollen in„Thürin⸗-
gens Burgen⸗Königin“ willkommen ſein. Schon ſteht das hohe Haus(auch Palas, Mußhaus
genannt) wieder feſt in ſeinen Mauern, ſchon halten der
tapfere Löwe und der kluge Drache wieder Wache auf ſeines Giebels Zinnen, und gaſtlich winkend blinkt das Dach in die fernſten Auen und Berge des thüringer Lan⸗ des. Auch die ſchmucken Säulenhallen, von jener barba⸗ riſchen Zeit des 17. Jahrhunderts vermauert, ſind wieder befreiet und zieren den Bau in allen Etagen und erheben ihn zum Muſter des edelſten, deutſch gewordenen byzan⸗ tiniſchen Bauſtyls. Die in dem unterſten Stockwerk des hohen Hauſes ſeit Kurzem vollendet eingerichtete Keminate giebt ſchon ein treues Bild des burglichen Lebens, und
auch die Herſtellung der hier befindlichen gewölbten Räume hat erfreuend begonnen. Die innere Treppe, welche von dieſen Frauengemächern nach dem zweiten Stockwerk führt,
bewacht ein auf dem Treppengeländer liegender, kunſtvoll in Stein gehauener Pantherdrache, während auch direct vom Hofe aus eine neue, trefflich zur Architectur des Hauſes paſſende Freitreppe dahin gelangen läßt.— Aus
der kleinen Säulenhalle, zu der die Freitreppe mündet, ſchreitet man durch eine urkräftig gehaltene Rundbogen⸗
thüre in das reich ausgeſtattete Empfangs⸗ und Gerichts⸗ zimmer der Landgrafen. Noch iſt ſeine Hochdecke getra⸗
gen von jener ſchlanken, edeln Säule, die mit ihrem ſinnig
ſchönen Fußgeſtell und Kapitäl als ein Muſter ihres
Styles geſchätzt iſt, und ein großer Kamin mit burglich⸗
ſter Einrichtung hilft dem Raume zum Eindruck wahrer Wohnlichkeit. Den unteren Theil der Wände wird man künftig nach alter Sitte mit Teppichen behängen, wie ſolche vorläufig dort angemalt ſind. Darüber ein reicher Bilderfries, der Scenen aus dem Leben der Landgrafen darſtellt, wie ſie noch jetzt im Munde des Volkes aufbe⸗
traſt zum letzteren, das Gepränge ihrer Beiſetzung und Heiligung zeigen, ſowie ihre verklärende Aufnahme bei der Mutter Maria, umgeben von ihren ewig fortblühen⸗ den Roſen.
Aber ſo tief uns auch die Bilder des großen, vielſeitig ſchaffenden Künſtlers ergreifen mögen, begeiſternder und erhebender überraſcht uns doch die Lutherkapelle, als ein einziges großes Bild mit der Gedankentiefe der Refor⸗ mation. Dem Gläubigen, der hier eintritt, ſcheint der Himmel mit ſeinen Sternen nahe gerückt, und wenn in der ſturmumbrauſten Kapelle die ergreifenden Orgeltöne laut werden, ſo ſtimmt Jeder, und wäre ſein Gemüth das verſtockteſte, in das kräftige Lutherlied ein:„Eine feſte Burg iſt unſer Gott!“ Viel noch bleibt von der auf die urſprüngliche Beſchaffenheit gegründeten Einrichtung der Lutherkapelle, ſowie über ihren ſinnigen reichen Aus⸗ ſchmuck, beſonders auch über die gottesdienſtlichen Feſte mitzutheilen, die darin begangen werden*).
Kehren wir durch die Eliſabethengallerie zurück und ſteigen ein Stockwerk höher in den die ganze Länge des Hauſes einnehmenden Feſtſaal, ſo können wir ein bewun⸗ derungsvolles Staunen nicht unterdrücken. Einhundert⸗ dreißig Fuß lang, achtundzwanzig Fuß hoch, Decke und Fußboden getäfelt, in den Wänden ganze Reihen der ſchönſten Säulenfenſter, an den Giebeln ſogar noch eine zweite Reihe darüber, eine Doppelgallerie längs der Weſt⸗ ſeite für Diener und Gäſte, ihr gegenüber ſteinerne, zier⸗ liche Kamine und kräftige, das Dach ſammt Decke tragende Binder, nach alter Sitte ob ihrer Wichtigkeit im Dienſte der Architectur mit großen Schnitzwerken kunſtreich ver⸗
ziert. Dieſe zum Theil äußerſt phantaſtiſchen Geſtalten
wahrt ſind, und zwar mit einem Humor und einer Er⸗
zählungsgabe(al fresco) ausgeführt, an denen man ſo⸗ fort den wackeren, echt deutſchen Meiſter von Schwind erkennen muß.— Derſelbe große Künſtler feſſelt im an⸗ ſtoßenden Sängerſaale das entzückte Auge durch ein gro⸗ ßes Wandgemälde, welches die Hauptſcenen des Sänger⸗ ſtreites repräſentirt*). ration, die wir im Bilde ſehen, beweiſt ein Rundblick in den von hohen Säulen getragenen Saal als völlig natur⸗ getreu, und die Unterſchrift des Bildes:„In dieſem Saale wurde der Sängerſtreit am Tage der Geburt der heiligen Eliſabeth, 1207 den 7. Juli gehalten,“ läßt uns ſchon ahnen, was im nächſten Raume uns erwartet.
Da werden wir in eine Gallerie der reichſten Säulen⸗ ſtellung eingeführt, die, weil Eliſabeth, nach der Kunde vom Tode ihres Gatten, ſchmerzgetrieben ſie durcheilte
Dieſelbe Bühne, dieſelbe Deco⸗
und Verzierungen verkörpern ſymboliſch die mächtige Idee, welche das 11. und 12. Jahrhundert beſeelte, den Sieg der Chriſtenheit über das Heiden⸗ und Judenthum.
Schreiten wir nun den bis auf ſeine Malerei vollen⸗ deten rieſigen Saal entlang, ſo treten wir gen Süden durch eine enge Fenſterthüre hinaus auf den ſchwindelnden Söller. Kaum vermag das Auge den ganzen Hochgenuß zu erfaſſen, der ſich hier den Blicken bietet, und das Herz erhebt ſich vor dieſer reichen Naturpracht zur ſeligſten
Freude.
und am Ende derſelben im Uebermaß ihres Kummers
*) In einer ſpäteren Nummer unſeres Blattes gedenken wir eine Kopie dieſes ausgezeichneten Bildes, mit einer volksthümlichen Beſchrei⸗ bung des Wartburger Sängerkrieges, den Leſern vorzuführen.
D. Redact.
Aber auch an der nördlichen Seite dieſes Saales und des hohen Hauſes iſt der Reſtaurationsbau ſchon weſent⸗ lich fortgeſchritten. Das hier angrenzende Wohnhaus des Landgrafen wird dergeſtalt bis zum nächſten Jahre herge⸗ richtet ſein, daß die Frau Großherzogin die obere, an den Feſtſaal ſich anreihende Etage und der Großherzog die untere, an die Räume der Audienz und ernſterer Beſchäf⸗ tigung grenzend, beziehen kann. Ein reich mit Säulen⸗ fenſtern durchbrochener Erker horſtet ſich gleichſam an die
*) Wir werden ſpäter auf die Wartburgkapelle zurückkommen und insbeſondere ein Bild des prachtvollen Altar⸗ und Kanzelſchmucks mit⸗ theilen, der zumeiſt von fürſtlichen Händen, neuerdings auch von den
Schleswig⸗Holſtein'ſchen Frauen und Jungfrauen verehrt worden iſt.
D. Redact.


