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der geſtrigen Jagd, wie viele Haſen gefallen und wie viele Füchſe durchgegangen, oder von dem letzten Gelage, wie viele Flaſchen man geleert, und von dem bevorſtehen⸗ den Balle, wie viele Körbe man etwa heimtragen werde. Er ging in die„Erholung,“— da ſchob man Kegel oder ſpielte Karte und nahm ſich, weil man die Zeit nicht beſſer hinzubringen wußte, einander das Geld ab.
Da ereignete ſich's, daß Edmund mit dem Bürger⸗ meiſter Stöber zuſammentraf. Dem klagte er ſeine Noth.
„Da weiß ich Rath, lieber Freund! Begleiten Sie
mich heute Abend in unſer Leſeſtübchen. Es wird Ihnen dort gefallen. Sie finden zwar nur ſchlichte Handels⸗ und Handwerksleute, aber ſie haben Kopf und Herz auf dem rechten Flecke. Und heutigen Tages ſoll der Stand nicht mehr den Mann, der Mann ſoll den Stand ehren. Ja, ich halte es für die ſchönſte Miſſion der vornehmen Welt, wenn ſie die Bildung, die ihr eigen iſt, nach allen Seiten hin verbreitet.“
Das war aus Edmund's Seele geſprochen. Denn ſein Vater hatte oft geſagt:„Es iſt der Stolz unſerer Zeit, daß ſich überall Geiſter und Hände regen, den Auf⸗ bau der Volksbildung und Volkswohlfahrt nach Kräften zu fördern; ja daß ſelbſt die Wiſſenſchaft, ihres gelehrten Gewandes entkleidet, als liebe Hausfreundin auch unter dem Dache des Bürgers und Landmanns Wohnung macht, um der Veredelung und Bereicherung des Volks lebens unter die Arme zu greifen.“
Und das gute Wort hatte in Edmund's Seele eine gute Stätte gefunden.
meiſter in das Leſeſtübchen.
Da ſaßen und ſtanden ſie, die Männer des Volkes, und rauchten ihr Pfeifchen und tranken ihr Schöppchen Bier dazu. Bald aber ward der Zeitungsſchrank geöff⸗
ſetzte, ſo kauerte ſich der unwillkommene Gaſt ihm zur Seite; wenn er gähnend aus dem Fenſter ſah, ſo grinſ'te ſelbſt aus den Kohlenaugen des Schneemannes, den ſeine Buben in den Hof geſtellt, derſelbe Gaſt mit hämiſchem Lächeln ihn an. Es war die Langeweile. Doch das probateſte Zaubermittel, den böſen Gaſt zu entſcheuchen, kannte er nicht; denn ein Zeitungsblatt oder ein Buch war nimmer in ſeine Hände gekommen, und die Marken der heimiſchen Flur waren die engen Grenzen ſeines Geiſtes geblieben. Endlich ſuchte er dem finſteren Gaſte zu entfliehen und— hatte ſich in das„Leſeſtübchen“ verirrt. Aber ach! da ſaß die Langeweile wieder mitten unter ſeinen Berufsge⸗ noſſen, ſo daß er bald die Thürklinke zur Hand nahm und ſchweigend davonſchlich. Wohl ihm, wenn er nicht in Spiel⸗ und Zechgelagen die Zerſtreuung geſucht hat, wo⸗ mit böſe Geſellſchaft gute Sitten verdirbt!—
Der Amtscopiſt Möſer ſtand derweilen ſchmunzelnd am Ofen, und wenn ein Anekdötchen vorgeleſen wurde, wollte er ſich vor Lachen ausſchütten, und der reiche Oekonom Auerbach, der ſich nicht wenig auf ſeine vollen Speicher einbildete, ſtrich ſich behäbig das Kinn oder
reichte eine Priſe mit dem gravitätiſchen Spruche:„Nach
Belieben!“ während Meiſter Hebel, mit ſeinem kurzen Pfeifenſtummel, wie ein Hechelmann aufhorchte, ſobald der Bürgermeiſter über landwirthſchaftliche und gewerbliche Verbeſſerungen ſprach. Und die ver⸗
ſtändigen Bürger begriffen je mehr und mehr, daß man
heutiges Tages aus dem Geleiſe des alten Schlendrians herausgehen, daß man ſich in die Grundſätze einer geſun⸗
den Volkswirthſchaft fügen, daß man auch das kleinſte Als der Feierabend kam, ging er mit dem Bürger⸗
net, und der Bürgermeiſter nahm die neueſten Blätter
heraus. Denn nicht zu müſſiger Unterhaltung, nicht zu leerem Zeitvertreibe kamen ſie zuſammen, die das Leſe⸗ ſtübchen füllten. Tagewerkes erlöſ't, wollten ſie hören, was in der Welt
Von den Sorgen und Mühen ihres
vorging, wollten auch einmal über den engen Raum ihres
täglichen Verkehrs hinausblicken und in ihren Lebens⸗ anſichten und in ihrem Lebensberufe hinter den Rieſen⸗ ſchritten der Zeit nicht zurückbleiben.
Und nun eröffnete der Bürgermeiſter eine politiſche Rundſchau, daß Krieg und Frieden, Kirchenzucht und theure Zeit, Ruſſen und Türken wie lebendig an ihren
Geſchäft, das ſchlichteſte Handwerk mit Ueberlegung und Geſchick betreiben müſſe, wenn man nicht hinter den Forderungen der Zeit zurück bleiben und mit ſeiner Nah⸗ rung in's alte Regiſter kommen wolle.
Edmund ward im Leſeſtübchen immer heimiſcher. Bald führte er den Vorſitz an des Bürgermeiſters Statt, der ſich allmählich zur Ruhe ſetzte, und ward nicht müde, mit ſeinen kleinen Mittheilungen die lauſchenden Gäſte zu belehren und zu erheitern. Und weil er vorzugs⸗ weiſe über die neuen Erfindungen und Entdeckungen be⸗ richtete, die in das Volksleben ſo wohlthätig eingreifen, und aus dem Schatze ſeiner Wiſſenſchaft und Erfahrung die erprobteſten Rathſchläge für Menſchen und Thiere,
für Haus⸗ und Feldwirthſchaft mittheilte, ſo legte man
Augen vorübergingen. Dann plauderten ſie darüber und
bauten die ſtolzeſten Luftſchlöſſer, wie es nach Oben und nach Unten immer beſſer werden müſſe, und klangen wohl auch in fröhlicher Begeiſterung ihre Gläſer zuſammen mit dem ſchönen Dichterwort:„An's Vaterland, an's theure, ſchließ' Dich an, das halte feſt mit Deinem ganzen Herzen!“
Im Hintergrund ſtand Meiſter Schlendrian und
hörte mit ellenlangem Geſicht den wunderlichen Geſprächen zu. Was außer ſeiner Werkſtätte lag, kümmerte ihn kaum,
es müßte denn das Kartoffelfeld geweſen ſein, das er all⸗ jährlich in den Feierabendſtunden bebaute. Er betete und arbeitete, wie ſein Vater und Großvater gethan, aber
dennoch wurde das tägliche Brod immer kärglicher und
die Welt in ſeinen Augen immer ſchlechter. Und des Abends kehrte ein Gaſt bei ihm ein, deſſen er ſich nicht zu entledigen wußte. Wenn er ſich in den Sorgenſtuhl
ihm bald den ſcherzhaften Ehrentitel bei: Herr Doctor Rathgeber.
In die vornehmen Geſellſchaften hingegen ward er im⸗ mer ſeltener geladen. Selbſt in Grube's Familie begrüßte man ihn mit ernſten, bedenklichen Blicken. Er wußte ſich das nicht zu deuten,— bis ein Brief ſeines Vaters ihm die Augen öffnete.
Drittes Bild
Edmund's Heimathsdorf lag in einem reizenden Thale. Unfern deſſelben erhob ſich ein kegelförmiger Berg, der, mit Eichenwald bekränzt, auf ſeinem Scheitel eine ſtatt⸗ liche Ritterburg trug. Weil aber die ſtolze Veſte alters⸗ ſchwach geworden, hatte ſich das ehrenfeſte Geſchlecht der Freiherrn von Schubert längſt im Thale angeſiedelt, und der Park, in dem ihr Luſtſchloß wie eine Erdbeere in einem Mooskörbchen ruhte, ſtreckte ſeine grünen Arme bis an die Häuſer des Dorfes. 8


