Jahrgang 
1857
Seite
4
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Im äußerſten Winkel des rings ummauerten Gartens war ein Hügel gewölbt, über den eine dichtbelaubte Buche ihre weitſchattenden Aeſte breitete. Dieß war ein Lieb⸗ lingsplätzchen des Majors von Schubert, der ſich aus dem Hof⸗ und Militärleben in die ländliche Einſamkeit zurückgezogen hatte. Dort ſaß er in den Sommertagen, ſobald die Sonne ſich hinter das ferne Gebirge neigte, und ſchaute mit ſtillem Entzücken in das wogende Aehren⸗ feld oder zu dem alterthümlichen Bau ſeiner Väter oder auf das Dörfchen, wo die neue Kirche im Glanz der ſchei denden Sonne blitzte, bis, von ihren letzten Strahlen be⸗ rührt, das goldene Kreuz des ſtattlichen Thurmes wie ein leuchtender Finger gen Himmel zeigte.

Und er ſaß dort ſelten allein. Bald geſellte ſich der Pfarrer Glaubrecht zu ihm, der ein lieber Hausfreund des Majors geworden; bald kam Nachbar Grube, der ſchon am Pfingſtfeſt ſein Landgut bezogen hatte und

Nun aber hatte ſich Edmund in der Stadt unter die ordinärſten Leute gemiſcht und hatte ſeine Erholungs⸗ ſtunden dem Himmel ſei's geklagt! im Rathskeller verbracht. Ja, man munkelte ſogar, daß er dem Trunke ſich ergebe; denn er möge keinen Abend aus dem Raths⸗ ſtübchen wegbleiben, und daß er wohl gar mit ſeinen Ge⸗ noſſen ſtaatsgefährliche Pläne ſchmiede. Da ſchwur der

reiche Kauf⸗ und Handelsherr, daß Edmund, den er ſonſt

in's Herz geſchloſſen, nimmer über ſeine Schwelle ſchrei⸗ ten dürfe!

Auch dem alten Glaubrecht waren jene Gerüchte zu Ohren gekommen. Bald aber hatte die offenherzige Er⸗ klärung ſeines Sohnes jeden Kummer aus ſeinem Ge⸗ müthe verſcheucht. Und als er vor Kurzem in der Stadt geweſen und ſeinen Edmund in das Leſeſtübchen begleitet

hatte, war er mit dem freudigen Worte von ihm geſchie⸗

den:Geſegnet iſt, was Du thuſt. Je herrſchender all⸗

Die Wartburg.

es waren gar traute, gemüthliche Feierabende, die der kleine Kreis zuſammen verlebte. Fräulein von Schubert, ein herziges Mädchen, kredenzte den Thee, und Grube brachte ſeine Ida mit, die ſich in zärtlicher Freundſchaft an Paulinchen angeſchloſſen.

Aber an Ida's Herzen nagte ein tiefer Gram. Ihre

Augen waren erloſchen und ihre Wangen bleich geworden, und nur ſelten, wenn Pauline ſcherzte und foppte, ſtahl ſich ein wehmüthiges Lächeln über ihre feingeſchnittenen Lippen. Ach! ſonſt hatte ſie hier ſo glückliche Stunden gefeiert. Edmund war ja gleichſam mit ihr aufgewachſen; und als er in die Fremde ging, da hatte ſie ihm ein Blümchen mitgegeben, ſo himmelblau wie ihre Augen, und mit dem Blümchen ihr Herz. Und da er wiedergekommen, hatte er das welke Vergißmeinnicht mit einem Blicke, der bis in die tiefſte Seele drang, ihr in die Hand gedrückt.

gemeine Menſchenbildung wird, deſto feſter ſchlingt ſich das Band der Achtung und Liebe um Fürſten und Völker, um Städte und Dörfer, um Paläſte und Hütten. Denn nur die Beſchränktheit iſt ſtolz, und vor dem Lichte einer zeitgemäßen Aufklärung, vor dem Lichte Deſſen, der da geſagt hat: Mich jammert des Volks! müſſen alle Vor⸗ urtheile weichen, wie vor dem Gruß der Morgenſonne die flüchtigen Schatten der Nacht.

Aber daheim hatte Glaubrecht ſeines Sohnes gar nicht erwähnt, und nur der freudig aufhorchenden Ida hatte er leiſe in's Ohr geflüſtert:Edmund läßt Dich grüßen.

Es war zur Zeit der Heuernte, da ſaßen die Freunde wieder bei einander. Ein prachtvoller Abend legte ſeinen duftigen Schleier über die blühende Landſchaft. Blökend zog die Heerde heim, und ihre Glocken läuteten harmoniſch durch das Thal, auf dem ein ſtiller Frieden ruhte.

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