Jahrgang 
1857
Seite
2
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Die ſiebenzigjährige Großmutter ſaß in dem leder⸗ beſchlagenen Lehnſtuhle, den ihr der ſorgliche Sohn für ihre alten Tage gekauft. Mit zitternden Händen hatte ſie das kleine liebe Enkelkind entkleidet, das ſich ſchläfrig

an ihren Schoos ſchmiegte und den Sandmann aus den

halbgebrochenen Aeuglein rieb.

Jetzt holte Lorchen, Horn's ſchmuckes Töchterlein, ihre Spindel herbei und ſetzte ſich mit geſchäftigen Händen der Großmutter gegenüber. Willſt nicht in die Spinnſtube gehen?

Statt der Antwort blickte Lorchen nach der Thüre;

denn es kniſterten unter dem Fenſter leiſe Schritte über

Dieſe aber fragte verwundert:

den gefrorenen Schnee. Da hob der Vater mit drohen⸗

dem Lächeln ſeinen Finger und ſprach:Weiß ſchon, warum Du zu Hauſe bleibſt.

Und kaum hatte er ausgeredet, ſo trat, nach ſchüch⸗ ternem Klopfen, ein unterſetzter Burſche in die Stube, dem CEhrlichkeit und Herzensgüte aus den Augen blick⸗ ten. Nachdem er ringsum die derbe Hand gereicht, trat Frieder mit Gruß und Verlaub hinter Lorchen's

Stuhl. Aber Lorchen hob die Augen nicht von ihrer

chen vom Kopf, als ob er beten wollte, und legte hier Hände in einander und ſprach mit zitternder Stimme: Was Gott zuſammenfügt, das ſoll der Menſch nicht ſcheiden.

Die Großmutter aber, die nicht recht begriff, was da vorging, ſchüttelte das alte Haupt und ſprach:Ja, ja, die Zeitungen, die haben ſchon viel Unheil angerichtet. Komm, Töffelchen, wir wollen in's Bett gehen!

Zweites Bild.

Pfarrer Glaubrecht war ein Mann nach dem Her⸗ zen Gottes. Während viele ſeiner Amtsbrüder ſich er⸗ dreiſteten, in das Rad der fortrollenden Zeit mit ohnmäch⸗ tigen Händen einzugreifen, hatte er am Neujahrsfeſte ge⸗ predigt:Die Zeit ſchreitet vorwärts und mit ihr die Menſchheit. Wer da ſtille ſtehen, wer da rückwärts drän⸗

gen wollte, wie ein morſcher Stamm würde er von den rauſchenden Fluthen allmählich bedeckt und darnieder ge⸗

Spindel auf, als müſſe heute noch das Geſpinnſt zu ihrem

Brautmieder fertig werden.

Während dem war Baſtian genaht, Horn's vierzehn⸗ jähriger Knabe, der bisher ſchweigſam am Ofen geſtanden. Mit ungeduldigem Drängen ſprach er, indem er ein Zei⸗ tungsblatt vom Geſimſe holte, auf welchem eine Reihe ſchmucker Bücher ſtand:Nun, Vater?

Und der Vater nahm wohlgefällig das Blatt, wuſch die Brille ab, ſetzte ſich hinter den Tiſch und fragte: Soll ich?

Und Alle nickten freudig und lauſchten der ſchönen Geſchichte ſie war:Die Nacht im Bleichhäuschen betitelt, die der Vater am vorigen Abend begonnen und noch nicht zu Ende geleſen. Die Zeitung aber hatte ihm der Pfarrer Glaubrecht geliehen, der im ganzen Dorfe lehrreiche Geſchichten auszutheilen pflegte. Die wurden geleſen und auch nicht geleſen. Aber Valentin Horn freute ſich ſchon den ganzen Tag auf den lieben Feierabend, wo er gemüthlich im Kreiſe der Seinen, wenn es draußen recht abſcheulich ſtürmte, am warmen Ofen ſaß und ſich mit ihnen belehrend unterhielt und unterhaltend belehrte. Und Baſtian lugte über ſeine Schulter nach den hübſchen Bildern, die in dem Blatte abkonterfeit waren; Lorchen jedoch ſeufzte tief auf, wie wenn ein Stein von ihrem Her⸗ zen gewälzt ſei, als ihr Vater das Blatt zuſammenlegte und ſagte:

Nun, ſo haben ſie ſich doch noch gekriegt!

Wer hat ſich gekriegt? lallte die alte Großmutter, die während des Leſens eingenickt war.

Wer anders, ſprach Horn mit lächelndem Munde, aber die Thränen der Rührung ſtanden ihm dabei in den Augen, denn die ſchöne Erzählung, die er geleſen, hatte ſein Herz gar ſeltſam ergriffen,wer anders, als Frie der und Lorchen?*

Da ſchreckten die Beiden, die während der rührenden Geſchichte leiſe die Hände in einander gelegt hatten, ſo haſtig empor, als ob ſie von einer Wespe geſtochen ſeien. Denn der Vater hatte wohl geahnt, daß ihre Herzen ſich gefunden; aber Frieder war ein unbemittelter Burſche und hatte ſchon lange gebangt, den ſtattlichen Bauer, der vier Pferde auf dem Acker hatte, um ſein Jawort anzuſprechen. Der aber trat jetzt zu den Liebenden, die feuerroth geworden waren, und nahm

riſſen. Auch der ärmſte Fabrikarbeiter kann ſich den großen Bewegungen unſerer Tage nicht entziehen, auch, der ſchlichteſte Handwerker lieſt am Feierabend ſein Buch und ſeine Zeitung.

In den Fußſtapfen ſeines Vaters ging Edmund, Glaub⸗ recht's Sohn. Er hatte als Zimmermann gelernt und hernach die Bauwiſſenſchaft ſtudirt. Am Chriſtheiligen⸗ abend war er aus der Fremde heimgekehrt, und die alten Schulkameraden auch Frieder und Lorchen hatten ihm zum freudigen Willkommen die Hand gedrückt. Aber mit feuchten Augen war er in die Stube getreten, wo einſt ſeine Wiege geſtanden; denn Die, ſo ihn unter dem Herzen getragen, lag jetzt draußen auf dem Gottesacker; und während am Weihnachtsmorgen die Feſtglocken läu⸗ teten, ſchlich er leiſe an ein ſchneebedecktes Grab und ſtreute, ſtatt der Blumen dankbarer Liebe, ſeine Thränen darauf.

Darum litt es ihn nicht lange in dem ſtillen väter⸗ lichen Hauſe. Er wollte in der nahen Stadt ſein Wiſſen und Können verwerthen. So ſagte er dem Vater, und der Vater lobte ihn darum. Aber in dem ſtillen Herzens⸗ kämmerlein war noch ein anderer Wunſch aus leiſem Schlummer erwacht, und davon ſagte er dem Vater nichts.

Als er Frieder's Verlobung mit gefeiert hatte, nahm

er von dem Heimathsdorfe Abſchied.

In der Stadt fand Edmund bald einen Wirkungs⸗

kreis, wie er ſeinen Kenntniſſen und ſeiner Geſchicklichkeit

angemeſſen war. Allein die Thee⸗ und Kaffeegeſellſchaf⸗ ten, die Bälle und Maskeraden, zu denen man den hei⸗

rathsfähigen Mann von allen Seiten einlud, wollten ihm

nicht behagen. Weder mit den ſüßen Leckereien, die ge⸗ boten wurden, noch mit den Komplimenten und Stadt⸗ neuigkeiten, die von Mund zu Mund gingen, konnte und mochte er ſich befreunden.

Nur in dem Hauſe des wohlangeſehenen Kauf- und Fabrikherrn Andreas Grube, der in Edmund's Heimath ein Landgut beſaß, das er den Sommer hindurch mit ſei⸗ ner Familie zu bewohnen pflegte, fand der junge Künſtler, was er ſuchte.

Indeſſen ſehnte er ſich doch zuweilen nach geſelligem Verkehr im Kreiſe gleichgeſinnter Alters⸗ und Berufs⸗ genoſſen. Er ging in'sCaſino da trank man einen

ſein Mütz⸗Stoff, nach dem die Zunge lechzte, und ſchwatzte von