Jahrgang 
1860
Seite
190
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Theiles von Paris, nach dem natürlich ihre Reiſe ging. Wie gewöhnlich mußte vor dem Wachhaus der Barriere Halt gemacht werden, und die gewöhnlichen Laternen kamen zu der gewöhn⸗ lichen Unterſuchung aus dem Wachhaus heraus. Monſieur De⸗ farge ſtieg aus. Er kannte ein Paar von den Soldaten und einen von der Polizei. Mit letzterem ſtand er auf ſehr ver⸗ trautem Fuße, weshalb er ihn auf's freundſchaftlichſte grüßte.

Saint Antoine hatte die Defarge's mit ſeinen mächtigen Schwingen wieder umfangen, und ſie ſuchten, da ſie an der Grenzſcheide des Heiligen ausgeſtiegen waren, zu Fuß ihren Weg durch den ſchwarzen Koth und den Unrath der Straßen. Da begann Madame Defarge gegen ihren Mann:

Rede, mein Freund; was hat Jacques von der Polizei dir mitgetheilt?

Heute ſehr wenig, aber doch Alles was er weiß. Es iſt wieder ein Spion für unſern Stadttheil aufgeſtellt worden. Vielleicht ſind's ihrer viel mehr, aber er hat nur von dieſem Einen Kenntniß.

Wirklich? verſetzte Madame Defarge, mit kalter Ge⸗ ſchäftsmiene die Augbrauen in die Höhe ziehend.Dann iſt's nöthig, ihn einzutragen. Wie heißt der Mann?

Er iſt ein Engländer.

Um ſo beſſer. Sein Name?

Barſad, ſagte Defarge, indem er durch die Ausſprache ihn zu einem franzöſiſchen machte; doch hatte er ſich's ſo ange⸗ legen ſein laſſen, ihn genau zu erfahren, daß in den Buchſtaben kein Irrthum obwalten konnte.

Barſad, wiederholte Madame.Gut. Taufname?

John Barſad, murmelte Madame ein paarmal vor ſich hin.Gut. Weiß man, wie er ausſieht?

Alter ungefähr vierzig Jahre, Höhe fünf Fuß neun Zoll, ſchwarzes Haar, dunkle Hautfarbe, im Allgemeinen ein ziemlich hübſches Geſicht, ſchwarze Augen, ſchmales, langes, bleiches

gegen die linke Wange hin geneigt, daher ein unheimlicher Aus⸗ druck.

Meiner Treu, das iſt ein Porträt! ſagte Madame lachend. Er ſoll morgen eingetragen werden.

Sie hatten das Weinhaus erreicht, das, weil es bereits

in ihrer Abweſenheit eingegangen, unterſuchte die Vorräthe, ging die Einträge im Buche durch, machte ſelbſt weitere, befragte

gehen. Dann leerte ſie den Inhalt der Geldſchüſſel zum zwei⸗ tenmale aus, und begann denſelben, zu ſicherer Aufbewahrung für die Nacht, partieenweiſe in ihr Taſchentuch zu knüpfen, ſo

ganze Zeit über ging Defarge mit der Pfeife im Munde auf und ab und ſah mit wohlgefälliger Bewunderung zu, ohne ſich einzumengen. Ein ſolches Auf- und Abwandeln war überhaupt ſein ganzer Lebensgang

Die Nacht war heiß und in der dumpfen, von einer ekel⸗ haften Nachbarſchaft umgebenen Weinſtube roch es nicht am beſten. Monſieur Defarge's Geruchsſinn gehörte zwar nicht zu den feinen, aber der Wein dünſtete viel ſchärfer aus, als ſonſt, und ebenſo kam es ihm bei dem Rum, dem Anis und dem Branntwein vor. Er ſchnüffelte über das Gemiſch dieſer Ge⸗ rüche, als er die ausgerauchte Pfeife weglegte.

Du biſt erſchöpft, ſagte Madame, von ihren Geldknoten aufſchauend.Es riecht, wie ſonſt auch.

Ich bin allerdings etwas müde, räumte der Gatte ein.

Und etwas niedergedrückt dazu, ſagte Madame, deren ſcharfes Auge nie ſo ſehr in Anſpruch genommen war, daß es nicht einige Blicke für ihn hätte erübrigen können.Oh, die Männer, die Männer!

Aber meine Liebe, begann Defarge.

Nun, meine Liebe, wiederholte Madame mit entſchiedenem

½ leu

ſteh(Der Lindwurm von Cambton Hall.) Die Legende vergifta Drachen und Lindwürmern hat ſich über alle Länder Eu⸗ N Des verbreitet. Eine ſolche knüpft ſich in England unter

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Kopfnickenwas ſoll meine Liebe? Du biſt heu

ſehr kleinmüthig, mein Beſter. i heute Aaht Nun ja, ſagte Defarge, als ob ein Gedanke ſich von

ſeiner Bruſt losriſſe,es iſt in der That eine lange Zeit. Ja, wohl eine lange Zeit, verſetzte ſein Weib.Und

wenn es keine lange Zeit wäre? Rache und Vergeltung wollen

eit haben; das iſt die Regel.

Der Blitz, der auf einen Menſchen niederfährt, braucht nicht lange, ſagte Defarge.

Aber wie lange braucht's, fragte Madame ruhig,um den Blitz vorzubereiten? Sag' mir dies.

Defarge richtete gedankenvoll den Kopf auf, als ob auch in dieſem etwas brüte.

Es iſt für ein Erdbeben keine lange Friſt nöthig, ſagte Madame,eine Stadt zu zerſtören. Wohlan, ſo ſag' mir, wie lang das Erdbeben braucht, bis es zum Losbrechen fertig iſt.

Vermuthlich lange, ſagte Defarge.

Aber wenn es einmal ſo weit iſt, ſo kracht es und mahlt Alles in Trümmer. In der Zwiſchenzeit ſchafft es vorbereitend, ohne daß man etwas davon hört oder ſieht. Dies iſt ein Troſt für dich; halt ihn feſt.

Sie knüpfte mit flammendem Aug' einen Knoten, als ob ſie einen Feind erdroßle.

M Ich ſage dir, fuhr Madame fort und ſtreckte pathetiſch die Hand aus,daß es, wenn es auch lange braucht, doch ſchon auf dem Wege iſt und kommen wird. Ich ſage dir, es weicht

nicht zurück und macht keinen Augenblick Halt. Ich ſage dir, es rückt ohne Unterlaß näher. Sieh umher und betrachte dir

Antlitz, Adlernaſe, aber nicht geradſtehend, ſondern eigenthümlich ſtand, einem gelehrigen Schüler gleich, der ſeinem Kakecheten

Mitternacht, geſchloſſen war. Madame nahm drinnen ihren Poſten alsbald an dem Pulte ein, zählte die kleine Münze, die

den Kellner über alles Mögliche und ließ ihn endlich zu Bette

daß dadurch eine Kette getrennter Knoten gebildet wurde. Dieſe

das Leben aller, die wir kennen, die Geſichter aller unſerer Be⸗ kannten merke auf die Wuth und die Unzufriedenheit, worin die Jacquerie mit jeder Stunde ſich mehr befeſtigt. Könnten ſolche Zuſtände bleiben? Pah! wie närriſch du mir vorkömmſt.

Mein braves Weib, erwiederte Defarge, der geſenkten Hauptes und mit auf dem Rücken verſchlungenen Händen da⸗

aufmerkſames Gehör ſchenkt,ich beanſtande von alledem nichts. Aber es hat ſchon ſo lange gedauert, und ſo mag es wohl kom⸗ men du weißſt wohl, Frau, wie leicht dies möglich iſt daß wir's nicht mehr erleben.

Nun und was dann? fragte Madame, abermals einen Knoten drehend, als gelte es, einen neuen Feind zu erwürgen

Dann ſehen wir eben den Triumph der Sache nicht, ant⸗ wortete Defarge mit einem halb kläglichen, halb apologetiſchen Achſelzucken.

So haben wir doch mitgeholfen, ſagte Madame, wieder mit dem Arme fuchtelnd.Nichts was wir thun, wird umſonſt geweſen ſein. Doch glaube ich aus voller Seele, wir können den Triumph noch mit anſehen. Und wenn es auch nicht ſein ſollte, und ich wüßte dies gewiß, ſo zeige man mir den Hals

eines Ariſtokraten und Tyrannen, und ich will

Madame biß jetzt die Zähne zuſammen und drehte einen wahrhaft ſchrecklichen Knoten.

Halt! rief Defarge, ein wenig erröthend, da ihn die Worte ſeiner Ehehälfte wie ein Vorwurf der Feigheit trafen, auch ich werde mich durch nichts zurückſchrecken laſſen.

Ja; aber es iſt eine Schwäche von dir, daß man dir zu⸗ weilen dein Opfer und die Gelegenheit zeigen muß, um deinen Muth aufrecht zu halten. Sei ein Mann auch ohne dies. Wenn die Zeit kömmt, kannſt du einen Tiger und einen Teufel loslaſſen, aber ſo lange mußt du warten und Tiger und Teufel an der Kette halten nicht zeigen, aber immer damit vorbe⸗ reitet ſein.

Madame verſtärkte den Schluß dieſes Stückchens Rath da⸗ mit, daß ſie mit ihrer Geldkette auf den kleinen Zahltiſch ſchlug, als klopfe ſie Jemand das Gehirn heraus; dann nahm ſie mit ruhiger Miene das Schnupftuch unter den Arm und bemerkte, es ſei Zeit zum Schlafengehen.

(Fortſetzung folgt.)

Nee Miscellen.

andern auch an Cambton⸗Hall, den ſtattlichen Wohnſitz des Earls von Durham. Die Cambton waren zur Zeit, aus welcher unſere Legende

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