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aufreißend.„Iſt es ein gutes Zeichen, daß er das Königthum und den Adel zu ſehen wünſcht?“
„Jacques,“ ſagte Defarge,„biſt du klug, ſo zeigſt du einer Katze Milch, wenn du willſt, daß ſie danach dürſten ſoll. Biſt du klug, ſo zeigſt du einem Hunde ſeine natürliche Beute, wenn du willſt, daß er ſie eines Tages erjage.“
Weiter wurde nicht geſprochen, und man rieth nun dem Wegknecht, welchen man bereits ſchlafend auf der oberſten Treppen⸗ ſtufe fand, daß er auf dem Lotterbettlein ein wenig der Ruhe pflegen ſolle. Dazu war nicht viel Ueberredens nothwendig; er ſchlief bald ein.
Für einen derartigen Sklaven aus der Provinz mochte es in Paris leicht ſchlimmere Quartiere geben, als Defarge’s Wein⸗ haus. Mit Ausnahme einer geheimnißvollen Furcht vor Ma⸗ dame, die ihm keine Ruhe ließ, verbrachte er ſein neues Leben recht angenehm. Aber Madame ſaß den ganzen Tag an ihrem Zahltiſch und achtete ſo merkwürdig wenig auf ihn, ja ſie ſchien ſo feſt entſchloſſen zu ſein, nicht bemerken zu wollen, wie ſein Daſein doch keine ſo ganz oberflächliche Bedeutung habe, daß er in ſeinen Holzſchuhen zitterte, ſo oft ſein Auge auf ſie fiel. Denn er machte ſich immer Gedanken darüber, wie unmöglich es ſei, vorauszuſehen, was dieſe Frau zunächſt ſich herausnehmen werde, und fühlte die Ueberzeugung, wenn ſie ſich's in ihren bunt geſchmückten Kopf ſetzen ſollte, zu behaupten, ſie ſei Zeuge geweſen, wie er einen Mord begangen und hintendrein ſeinem Opfer die Haut abgezogen habe, ſo müſſe ſie unfehlbar ihren Zweck erreichen bis zum vollen Ende des Spieles.
Als daher der Sonntag kam, war der Wegknecht, obſchon er das Gegentheil behauptete, gar nicht erfreut über die Kunde, daß Madame und Monſieur ihn ſelbſt nach Verſailles begleiten wollten. Ein zugäblicher verwirrender Umſtand war, daß Ma⸗ dame auf dem ganzen Wege in dem offenen Wagen ſtrickte, und am meiſten brachte ihn in Verlegenheit, daß ſie Nachmittags, als ſie auf die Kutſche des Königs und der Königin wartete, in dem Menſchengewühl keinen Augenblick ihr Strickzeug aus der Hand legte.
„Ihr arbeitet recht fleißig, Madame,“ ſagte ein Mann in ihrer Nähe.
5„Ja,“ antwortete Madame Defarge;„ich habe viel zu thun.“
„Was fertigt Ihr, Madame?“
„Allerlei.“
„Zum Beiſpiel?“ 4
„Zum Beiſpiel,“ erwiederte Madame Defarge ſchnell beſon⸗ nen,„Leichentücher.“
Der Mann ſuchte, ſobald es thunlich war, weiter von ihr wegzukommen, und der Wegknecht fächelte ſich mit ſeiner blauen Mütze, da ihm die Luft gewaltig ſchwül und dunſtig vorkam. Es bedurfte eines Königs und einer Königin, um ihn wieder aufzufriſchen, und zum Glück durfte er auf dieſe Stärkung nicht mehr lange warten. Der breitgeſichtige König kam mit der ſchönen Königin in einer vergoldeten Kutſche angefahren, be⸗ gleitet von den hellſcheinenden Trabanten des Hofes, einem flitternden Schwarme von lachenden Frauen und feinen Herren. Und von den Juwelen und Seidenſtoffen, von dem Puder und der Pracht, von den ſtolzen Geſtalten und den verächtlich um⸗ herblickenden ſchönen Geſichtern beiderlei Geſchlechts ſchöpfte der Wegknecht in vollen Zügen bis zur Trunkenheit, ſo daß er, als hätte er nie von der damaligen Allgegenwart der Jacques ge⸗ hört, aus Leibeskräften rief:„Lang lebe der Käig! Lang lebe die Königin! Lang lebe Alles und Jedermann!“ Dann kamen die Gärten, die Hofräume, Terraſſen, Fontänen, grüne Dämme, wieder König und Königin, abermals glänzende Trabanten, noch mehr„Lang leben ſie Alle,“ bis er abſolut weinte vor Rührung. Während dieſes ganzen Schauſpieles, das etwa drei Stunden anhielt, hatte er im Schreien, Weinen und Gerührt⸗ ſein viele Kameraden, und Defarge hielt ihn die ganze Zeit über am Kragen, als wolle er ihn abhalten, auf die Gegen⸗ ſtände ſeiner kurzen Verehrung loszuſtürzen und ſie in Stücke zu reißen..
„Bravo!“ ſagte Defarge, nach dem Schluß der Scene ihm mit einer Gönnermiene auf den Rücken klopfend;„Ihr ſeid ein guter Burſch.“
Der Wegknecht kam nun wieder zu ſich und kraute ſich be⸗ denklich den Kopf, ob er nicht mit ſeinen letzten Demonſtrationen einen Fehlgriff gethan habe. Doch nein..
„Ihr ſeid ein Kerl, wie pir ihn brauchen,“ flüſterte ihm Defarge in's Ohr.„Ihr laßt dieſe Thoren glauben, daß es immer ſo fort gehen werde. Dies macht ſie um ſo unverſchäm⸗ ter und führt deſto ſchneller ihr Ende herbei.“
„Ei, das iſt wahr,“ entgegnete der Wegknecht nachdenklich.
„Das Narrenvolk weiß nichts. Während ſie den Athem in Euch und Hunderten Eures Gleichen geringer anſchlagen, als den ihrer Pferde und Hunde, und ihm gern für alle Zeiten den Garaus machen möchten, erfahren ſie doch nur, was dieſer Athem ihnen ſagt. Mögen Sie immerhin noch eine Weile in ihrer Täuſchung erhalten bleiben; man kann es hierin nicht zu arg machen.“
Madame ſah mit hochmüthiger Miene nach ihrem Klienten hin und nickte beſtätigend.
„Was Euch betrifft,“ ſagte ſie,„ſo könnt Ihr wahrſchein⸗ lich ſchreien und Thränen vergießen bei Allem, wenn es nur prunkt und Lärm macht. Sprecht, iſt es nicht ſo?“
„In der That, Madame, ich glaube. Es iſt mir für den Augenblick ſo.“
„Wenn man Euch einen Haufen Puppen zeigte und Ihr die Aufgabe hättet, zu Eurem Nutz und Frommen ſie zu zer⸗ reißen und zu verderben, ſo würdet Ihr wohl mit den am reich⸗ ſten und bunteſt gekleideten den Anfang machen. Sprecht, iſt's nicht ſo?“
„Wahrhaftig, ja, Madame.“
„Ja. Und wenn man Euch einen Schwarm Vögel wieſe, die nicht fliegen können, und Euch erlaubte, ihnen zu Eurem Nutz und Frommen die Federn auszuraufen, ſo würdet zuerſt Ihr nach denen mit dem ſchönſten Gefieder greifen. Iſt's nicht ſo?“
„Ja wohl, Madame.“
„Ihr habt heute die Puppen und die Vögel geſehen,“ ſagte Madame Defarge, nach der Stelle zurückdeutend, wo der Zug zuletzt ſich bewegt hatte.„Gehen wir jetzt nach Hauſe.“
16. Kapitel. Noch mehr Strickwerk.
Madame Defarge und ihr Herr Gemahl kehrten traulich mit einander in den Schoß von Saint Antoine zurück, während ein Fleck in einer blauen Mütze durch Dunkelheit und Staub die ermüdende Allee neben der Straße ſich hinunter bewegte und langſam in die Compaßrichtung ſtrebte, wo das Schloß des jetzt in ſeinem Grabe liegenden Monſieur le Marquis auf das Flü⸗ ſtern der Bäume lauſchte. Die ſteinernen Geſichter hatten nun⸗ mehr ſo reichliche Muße, den Bäumen und dem Brunnen zuzu⸗ hören, daß die Dorfvogelſcheuchen, welche bei ihrer Spähe auf eßbares Grün oder brennbares abgeſtorbenes Reis ſich in die Nähe des ſteinernen Hofes und der Terraſſentreppe verirrten, in ihrer ausgehungerten Einbildungskraft auf den Gedanken kamen, die Geſichter ſeien anders geworden. In dem Dorfe er⸗ hielt ſich noch ein Gerücht— freilich nur ſchwach und abzeh⸗ rend, wie die Einwohnerſchaft ſelbſt— die Geſichter haben, als das Meſſer geſtoßen wurde, den Ausdruck des Stolzes in den von Zorn und Schmerz umgewandelt, und als die baumelnde Geſtalt vierzig Fuß hoch über dem Brunnen hing, ſei abermals eine Veränderung vorgegangen, denn ſie trügen von da an und für immer die grauſame Miene geſättigter Rache. Auf dem ſteinernen Geſichte über dem großen Fenſter des Schlafgemaches, wo der Mord geſchah, zeigten ſich in der gemeißelten Naſe zwei feine Grübchen, die Jedermann erkennen konnte, vorher aber nie Jemand geſehen hatte; und wenn bei ſeltenen Gelegenheiten zwei oder drei zerlumpte Bauern aus dem Haufen der anderen auftauchten, um einen haſtigen Blick nach dem verſteinerten Mon⸗ ſieur le Marquis zu werfen, ſo konnte keiner auch nur eine Minute mit dem mageren Finger danach hindeuten, ohne daß die übrigen auseinander ſtoben, um unter Moos und Gebüſch ſich zu bergen, wie die Haſen, welche freilich, glücklicher als ſie, da auch ihre Nahrung fanden.
Schloß und Hütte, Steingeſicht und baumelnde Geſtalt, der rothe Fleck auf dem Steinboden und das reine Waſſer in dem Dorfbrunnen, Tauſende von Morgen Landes, eine ganze Provinz von Frankreich, ja ſogar ganz Frankreich lag unter dem Nacht⸗ himmel zu einer ſchwachen haarbreiten Linie concentrirt. S liegt eine ganze Welt mit ihrer Größe und Kleinheit in d flimmernden Punkte eines Sterns. Und da bloßes menſchlich Wiſſen einen Lichtſtrahl zu ſpalten und die Art ſeiner Zuſam menſetzung zu zergliedern vermag, ſo liest wohl ein höhg Verſtand in dem ſchwachen Wiederſcheine dieſer unſerer G. jeden Gedanken und jede That, jede Tugend und jedes in den Seelen der darauf lebenden verantwortlichen Geſchit
Die Defarge's, Mann und Frau, kamen unter dem Sch⸗ der Sterne in einem holpernden Fiaker zu dem Thore⸗
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